Roman Herzogs Rede zu 600 Jahren Schwörbrief

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So schön Ulm und Neu-Ulm für ihre Bewohner sein mögen, national oder gar international bedeutsame Polit-Prominenz macht außerhalb von Wahlkampfzeiten für gewöhnlich einen großen Bogen um die Doppelstadt an Donau und Iller. Anders die Bundespräsidenten, von denen schon vier zu offiziellen Besuchen an der Donau waren.

Allen voran der im Alter von 82 Jahren verstorbene Roman Herzog, der 1997 Hauptredner an Schwörmontag war. Nur wenige Wochen nach seiner noch heute weithin bekannten „Ruck-Rede“ zur Eröffnung des Berliner Hotels Adlon am Brandenburger Tor stand Herzog anlässlich der Feierlichkeiten zu 600 Jahre Schwörbrief auf dem Balkon des Ulmer Schwörhauses und appellierte nachdrücklich an den Gemeinschaftssinn, wie ihn gerade die Stadtverfassung Ulms über die Jahrhunderte widerspiegele.

Der Bundespräsident hatte sich in seiner damals knapp halbstündigen Rede vor etwa 4000 Gästen auf dem Weinhof gegen die Verzagtheit im Volk gewandt, gegen damals um sich greifende Visionen des Niedergangs und gegen die drohende Verwahrlosung des öffentlichen Raums.

Herzog, der vor fast 20 Jahren wegen seiner damals unmittelbar auf den Ulm-Besuch folgenden Dienstreise zu US-Präsident Bill Clinton nur zweieinhalb Stunden in der Stadt war, hatte sich ins Goldene Buch der Stadt eingetragen und die versammelten Kommunalpolitiker zu einer Wiederbelebung der Innenstädte und des Gemeinsinns aufgefordert.

Der Auftritt des Präsidenten bot seinerzeit auch den würdigen Rahmen für die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an die Schwester von Hans- und Sophie Scholl, Inge Aicher-Scholl. Sie wurde im Beisein Herzogs für ihre Verdienste geehrt, wozu die Gründung der Volkshochschule, der Geschwister-Scholl-Stiftung und der Hochschule für Gestaltung (HfG) gehören.

Herzog war im Übrigen nicht der einzige und auch nicht der erste Bundespräsident, der Ulm seinen offiziellen Besuch abgestattet hatte. Aus der heutigen Zeit betrachtet war der bisher letzte der noch wenige Monate amtierende Joachim Gauck, der – ebenfalls sehr geschichtsträchtig – 2012 zur Einweihung der neu errichteten Synagoge auf den Ulmer Weinhof gekommen war. 74 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge in der Reichskristallnacht 1938 war fast an derselben Stelle die neu errichtete Synagoge im Beisein des Präsidenten eröffnet worden.

Der erste Bundespräsident überhaupt in der Stadt war derweil Theodor Heuss, der gleichzeitig auch erster Präsident (1949 bis 1959) der damals noch jungen Bundesrepublik Deutschland war. Der aus Stuttgart stammende Schwabe war aus privaten Gründen zwar mehrfach in Ulm gewesen, aber nur ein einziges Mal in offizieller Mission: 1953 zum Deutschen Feuerwehrtag, angereist aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn am Rhein.

Der ebenfalls schon verstorbene Bundespräsident Johannes Rau hatte der Stadt Ulm im Jahr 2004 einen Besuch abgestattet, um an den Geburtstag von Ulms berühmtesten Sohn Albert Einstein zu erinnern, der am 14. März 1879 in UIm geboren worden war.

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Kommentare

11.01.2017 15:52 Uhr

Antwort auf „Ulm schöpft aus dem Vollen”

Schweigen die Bürger Ulms still, sobald der von ihnen mehrheitlich gewählte Oberbürgermeister alljährlich am dritten Montag im Juli schwört, ein gemeiner Mann zu sein, stimmt der Satz ohne Vorbehalt: "Ulmer Geld regiert die Welt". Allerdings finden sich in Ulm, um Ulm und um Ulm herum unzählige Zeitgenossen, die in völliger Verkehrung ihres ansonsten unveräußerlichen Widerstandsrechts (Art. 20 Abs. 4 GG) keine Gelegenheit verstreichen lassen, ihn nach Belieben auszulegen. Mit der Herrlichkeit in der ehemals freien Reichsstadt ist es daran anschließend dann nicht mehr weit her. Kein Wunder also, wenn einer der Ärztlichen Direktoren der dortigen Universitätskliniken scharf kritisiert, dass zuvörderst in Ulm manche Tode zusätzlich, weil vermeidbar gestorben werden. Hielten jene Dritten in ihren Praktiken inne, entschwände der illegitime Zwang flugs im Orkus, bereits in jungen Jahren immense Risiken für Leib und Leben eingehen zu müssen, damit sich zum Wohle aller die Gesellschaft erneuert. Angesichts dessen keine Verzagtheit zu zeigen, wovon der gestern verstorbene Altbundespräsident am 21. Juli 1997 kraft seines Amtes auf dem Balkon des Schwörhauses am Weinhof sprach, verlangt dem Einzelnen deswegen enorm viel ab und schließt zu den gegenwärtig vorherrschenden Bedingungen ein, für den Erhalt der Freiheit sogar das eigene Dasein zu opfern.

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11.01.2017 12:20 Uhr

Ulm schöpft aus dem Vollen

Als einer der Kommentatoren des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland musste Herr Herzog zur Kenntnis nehmen, dass allem Sozialen stets eine Unbestimmtheit innewohnt und die Gesamtheit der gesellschaftlichen Beziehungen daher sämtlichen Versuchen von vornherein entzogen bleibt, sie zu determinieren. Nicht von ungefähr erklärt deshalb der erste Verfassungsartikel gleich eingangs die Würde des einzelnen Menschen für unantastbar, weil sie erwiesenermaßen außerhalb jeglicher Reichweite Dritter liegt. Der anlässlich des 600-jährigen Bestehens des Ulmer Schwörbriefs von ihm geforderte Gemeinschaftssinn gründet somit auf der Erkenntnis, sich ausnahmslos alle Anstalten restlos sparen zu können, die solch einen Befund willkürlich in Abrede stellen, der ohnehin zumindest wissenschaftlich längst nicht mehr zu widerlegen ist. Insofern verfügt die Stadt Ulm über ein unerschöpfliches Reservoir, die an den besagten Unfug bislang gebundenen Gelder für notwendige Investitionen frei werden zu lassen und den Wohlstand eines jeden Bürgers dadurch bis in die fernste Zukunft hinein zu mehren. Es bedarf also in der Tat lediglich eines nicht erhobenen Einspruchs, um sich politisch für ein gedeihliches Zusammenleben zu entscheiden und auf demokratische Weise der Allgemeinheit zu dienen.

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