Rockerprozess: Maulkorb für die Freundin

Erst hat sie den Schützen nicht erkannt, dann wiederum ziemlich sicher. Die Hauptzeugin im Rockerprozess verstrickte sich am Montag in Widersprüche.

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 „Ich weiß es nicht mehr“ – dieser Satz dürfte bei der Fortsetzung des Rockerprozesses wegen der Schüsse auf ein Wiblinger Wohnhaus der meistgehörte gewesen sein. Zweieinhalb Stunden lang wurde die Hauptbelastungszeugin vernommen, die sich an manches ganz genau, an vieles hingegen überhaupt nicht mehr erinnern konnte. Beziehungsweise nicht erinnern durfte, wie sich herausstellte, weil sie einen Maulkorb von ihrem Freund verpasst bekam – dem Chef der Rock Machine und eigentlichen Ziel des Anschlages im Mai 2011.

Damals lagen wie heute die beiden Rockergruppen Rock Machine und Bandidos miteinander im Clinch. Nach einer Schlägerei im Pure Platinum, bei der die Bandidos offenbar ordentlich Prügel bezogen hatten, fuhren die beim Anführer der Rock Machine vor und schossen auf dessen Wohnhaus. Wer konkret den Finger am Abzug hatte, war lange Zeit unklar – und ist es immer noch.

Wie immer bei Rockerprozessen ist von Zeugen nicht viel zu erwarten. Rocker verpfeifen sich nicht gegenseitig und kooperieren noch weniger mit der Polizei. So bleibt als Zeugin einzig die Freundin des Rockerchefs, die in jener Nacht alleine in dem Haus in Wiblingen war. Aber auch die hat nichts gesehen, beziehungsweise durfte nichts gesehen haben. Zweieinhalb Jahre später aber hat sie bei einer neuerlichen Vernehmung dann doch den Namen des Schützen genannt und damit den jetzt 48-jährigen früheren sogenannten "National Sergeant" der Bandidos auf die Anklagebank gebracht.

Woher der Sinneswandel? Das fragen sich die Verteidiger, zumal die Frau jetzt offenbar auch die Erlaubnis zur Aussage vom Rockerchef bekommen hat, auf dessen Haus geschossen wurde. Die Erklärungen blieben auch am Montag, dem sechsten Verhandlungstag mehr als dürftig. Die Verteidiger äußern mittlerweile ganz offen die Vermutung, dass das Opfer zum Täter wurde und der Chef der Rock Machine auf diese Weise den verhassten Bandido loszuwerden versuche. Und zwar in jedweder Hinsicht. Denn hält sich der beschuldigte Rocker an den Ehrenkodex und sagt nicht aus, fährt er wegen versuchten Mordes ein. Oder er macht Angaben, dann verliert er die Ehre und mithin die Mitgliedschaft bei den Bandidos.

„Blödsinn“ und „Quatsch“ nannte das der 43-jährige Zeuge, der zwischenzeitlich von Wiblingen weggezogen ist. Ihm sei der Gegner in Freiheit lieber, weil er ihn dann „greifen“ könne. Was er mit dem Begriff „greifen“ meint, sagte er an einer anderen Stelle, als er freimütig die für ihn einzig gültige Methode formulierte, um seine Konflikte beizulegen: „Dann schnapp ich mir den Betreffenden und hau’ ihm ein paar aufs Maul.“

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