Rettungskräfte stoßen auf immer mehr Gewaltbereitschaft

Das Bayerische Rote Kreuz sieht sich einer steigenden Gewaltbereitschaft ausgesetzt. In Selbstverteidigungskursen sollen Mitarbeiter nun auf brenzlige Situationen im Rettungsdienst vorbereitet werden.

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„Über kleinere Prügeleien wird schon gar nicht mehr gesprochen.“ Als Leiter der Neu-Ulmer Rettungswacht ist Stephan Chandoni einiges gewohnt. Seit 20 Jahren arbeitet er bereits im Rettungsdienst des Bayerischen Roten Kreuzes, betrunkene Patienten waren noch nie angenehm. Doch Chandoni beobachtet einen Trend, der ihm zu denken gibt. „Die Gewaltbereitschaft hat zugenommen“, sagt er. „Und die Gewalt auch.“ Sanitäter kämen zu Schlägereien, um zu helfen und werden selbst geschlagen, getreten und angespuckt, Patienten mit psychischer Erkrankung zücken ohne Vorwarnung ein Messer. „Irgendwann ist das Fass voll“, sagt Chandoni. Alle Neu-Ulmer Rettungssanitäter sind inzwischen mit Schutzwesten ausgestattet, demnächst soll es zusätzlich Selbstverteidigungsunterricht geben.

„Der Grad, bei dem die Leute aufhören und sagen, der hat eine BRK-Weste an, nimmt stetig ab“, sagt Stefan Kast, Kreisgeschäftsführer des Rettungsdiensts in Neu-Ulm. „Wir können nur von Neu-Ulm sprechen, aber in anderen Städten ist das genauso“, sagt Chandoni. Tatsächlich ist es ein wenig beachtetes Problem. Eine Studie der Ruhruniversität Bochum hat ergeben, dass 59 Prozent der Rettungssanitäter in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2011 mit Gewalt konfrontiert wurden, bei mehr als einem Viertel so stark, dass die Übergriffe strafrechtlich relevant waren. Eine Studie der Hochschule Zwickau kommt auf durchschnittlich 2,1 Übergriffe, die ein Sanitäter jedes Jahr in Sachsen über sich ergehen lassen muss, die Donauuniversität Krems (Österreich) stellt fest, dass es in Wien alle drei Tage zu einer Gewalttat gegen Rettungskräfte kommt. Für den süddeutschen Raum gibt es bislang nur die Klagen einzelner Rettungswachten. „Es gibt den subjektiven Trend, dass die Gewaltbereitschaft zugenommen hat“, sagt David Richter, Rettungsdienstleiter in Ulm. „Aber auf der Zahlenseite gibt es dafür keine Belege.“

„Früher waren es einfach nur Betrunkene, jetzt sind plötzlich Schlagstöcke und Schlagringe mit im Spiel“, sagt Rettungssanitäter Kai-Uwe Weber. „Wir sind langsam die Leidtragenden. Wer hilft, wird geschlagen.“ Jede Woche käme in Neu-Ulm mindestens ein Übergriff vor – ein Zustand, den er in seiner 20-jährigen Karriere so noch nicht erlebt habe. „Ich gehe manchmal ganz unwohl in Einsätze hinein, weil ich im Hinterkopf habe, dass etwas passieren könnte.“ Er selbst sei erst kürzlich im Krankenwagen mit einem Messer attackiert worden. Das Rote Kreuz weist seine Mitarbeiter an, sich in brenzligen Situationen zurückzuziehen, bestenfalls zu deeskalieren. Gerade aber bei Angriffen im Krankenwagen oder anderen geschlossenen Räumen sei das oft nicht möglich. „Wir haben erkannt, dass wir da als Arbeitgeber der Fürsorge Rechnung tragen muss“, sagt Kast. Schon bald sollen seine Mitarbeiter Selbstverteidigungskurse bekommen.

„Wenn man weiß, dass man sich wehren kann, dann nimmt die Angst ab“, sagt der Mann, der die Kurse geben wird, Bernhard Riek. Bei einem ersten Probetraining im November vergangenen Jahres habe er viel Zuspruch von den Rettungssanitätern bekommen. „Die hatten viele spezifische Fragen. Sie wollten zum Beispiel wissen, wie sie in engen Räumen reagieren sollen“, sagt Riek. Die Entscheidung, die Kurse anzubieten, sieht das BRK als Notwehr. Denn eine Chance, die Gewaltbereitschaft der Patienten zu senken, sehe man nicht. Chandoni: „Die Leute sind unzufrieden und das bekommen wir zu spüren.“

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Kommentare

14.04.2014 06:05 Uhr

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Wenn die Schläger mit zig Bewährungen und Freisprüchen davon kommen weil sie eine schwere Kindheit hatten, betrunken waren oder vor Gericht wunderbar flennen können, wird sich dieser Zustand nicht ändern.

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