Retrospektive in Blau

Abertausende blaue Kacheln hat dieser Mann in seinen Bildern schon malend verlegt. Hans Peter Reuter zeigt jetzt in der Kunsthalle Weishaupt seinen persönlichen "Weg ins Blau".

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Hans Peter Reuter vor einem Würfel-Kosmos in Blau. Foto: Matthias Kessler

Für die Stelle, an der das Sein in das Nicht-Sein übergehe, brauche man einen winzigen Pinsel, erklärt Hans Peter Reuter. Er steht vor einem seiner Gemälde namens "Licht-Raum". Eine Rasterstruktur löst sich, nach hinten zu immer kleinteiliger werdend, in die Unendlichkeit einer milchigen Fläche auf. Die Struktur verflüchtigt sich ins geisterhaft Unsichtbare.

Als er das erzählt, steht Reuter passenderweise im hohen "Altarraum" der Kunsthalle Weishaupt. Die nämlich widmet dem 1942 geborenen Künstler jetzt ihre erste Einzelausstellung seit geraumer Zeit. Mit Bildern aus der Weishaupt-Sammlung, Werken aus eigenem Bestand und Leihgaben hat Reuter seine Retrospektive selbst kuratiert. Auf den zwei Stockwerken der Kunsthalle inszeniert er die höchstpersönliche Erzählung seines Künstlerlebens. "Der Weg ins Blau" ist die Schau überschrieben, denn mit seinen blauen Kacheln ist der Mann nicht zuletzt seit der documenta 6 ja bekannt geworden (s. Kasten).

Über das mühsame Handwerk des Malens, über die "Sch. . . Arbeit", die ihn seine abertausend gemalten Quadrate schon gekostet haben, kann Hans Peter Reuter wohl Stunden referieren. Erst seit einiger Zeit habe er die Kontrolle über seine Bilder abgegeben, lasse er die Sache auch mal laufen - dafür darf wohl die glatte Stoffbahn aus Ultramarinblau stehen, die sich von der hohen Stirnwand hinab in den Raum ergießt, um unten noch ein wenig am Boden zu lecken.

Bis dahin aber war es ein langer Weg, den die Ausstellung zu Beginn im Schnelldurchlauf sichtbar macht. Reuter beginnt in Karlsruhe mit dem intensiven Studium der menschlichen Figur, die sich in den 60er Jahren in hautfarbene Tentakel-Wesen verwandelt. Diese "Dinger" wachsen bald in grün und schließlich blau gekachelte Räume hinein. Und während das "Ding" sich zum Schatten reduziert, übernimmt der Raum bald ganz: Die Figur verschwindet, was bleibt ist das "Stadtbad ohne Ding", illusionistische Räume in hellblauem Kachel-Raster, in die man sich hineinsehen kann, als trete man in eine lichte Kathedrale. Nicht umsonst sind es "Stadtbäder", erklärt Reuter: Als Kind schwer krank, musste er zur Therapie täglich dorthin.

Ein befreundeter Mathematiker habe ihn einmal herzlich ausgelacht ob seines Verständnisses von Geometrie, wie Reuter erzählt. Doch seine Stadtbäder und auch seine fiktiven "Licht-Räume" mit sich in die Tiefe fortsetzenden Säulen und scheinbar gläsernen Böden sollen in sich funktionieren. Sie spielen mit optischen Täuschungseffekten, ziehen den Betrachter hinein und stoßen ihn zugleich aus - denn er selbst kommt im Spiegelungsspiel des auch mal dreidimensional aus der Wand wachsenden "Kachelraums ohne Ding" ja nicht vor.

Natürlich steckt im Bezug auf die perspektivische Malerei der Renaissance, in den pflichtschuldigen Verbeugungen vor Malewitsch und Mondrian ein ganzer Rattenschwanz an Kunstgeschichte. Die Besessenheit, mit der da Stunden um Stunden von Hand "gekachelt" wurde, hat aber schon seine ganz eigene, irre Großartigkeit. Gerade dieser "Handwerksfetischismus" (Reuter) dürfte Besucher faszinieren.

Ins Ultramarinblau tauchen wir dann im zweiten Stock ein. Unzählige blaue Quadrate oder Würfel aus Wellpappe treten jetzt reliefartig aus den Rahmen, für seine "Zwölftausendsieben Quadrate" habe er zwei Jahre gebraucht, sagt Reuter. Eine Überraschung im eckigen Sortiment sind die scheinbar unendlich in die Tiefe laufenden runden Säulen der "Alhambra 7/4/1".

Den letzten Raum hat Reuter als Gesamt-Installation in tiefem Ultramarinblau gestaltet. Bilder, die Wandelemente vorspiegeln, um den Betrachter dann etwa damit zu frappieren, dass sie wahrhaftig dreidimensional hervortreten. Ein Spiel mit Wirklichkeit und Illusion, mit Schein und Sein. Doch wen interessiert schon Realität: Reuters Lieblingsfarbe ist ja auch Grün.

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