Prof. Claudia Kocian: "Ein bisschen Rock'n'Roll tut gut"

Lässt sich das vereinbaren? Tagsüber die seriöse BWL-Professorin im Hörsaal geben - abends dann als Rampensau auf der Bühne rocken? Claudia Kocian fragte sich das auch, aber erst, nachdem eine Bekannte Zweifel gesät hatte.

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Lässt sich das vereinbaren? Tagsüber die seriöse BWL-Professorin im Hörsaal geben - abends dann als Rampensau auf der Bühne rocken? Claudia Kocian fragte sich das auch, aber erst, nachdem eine Bekannte Zweifel gesät hatte. Sex, Drugs & Rock'n'Roll auf der einen, Lehre & Forschung auf der anderen Seite - neinneinnein, das geht nicht! Auf keinen Fall! Was sollen denn da die Studenten denken? Und die Kollegen erst?

Prof. Claudia Kocian hatte sich in der Tat verunsichern lassen. Anfänglich zumindest. Jetzt freilich weiß sie, dass beides zusammenpasst. Dass beides zu ihr passt. Dass sie beides ist. Professorin für Wirtschaftsinformatik - und Sängerin. Und dass sie in beiden Fächern erfolgreich ist, hat sie dieses Jahr eindrücklich unter Beweis gestellt: Im Mai erhielt sie den Preis für herausragende Lehre des Bayerischen Ministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, kurz darauf bei Bellaphon einen Plattenvertrag zusammen mit dem Neu-Ulmer Bassisten Thomas Dirr, mit dem sie das Duo "deep'n'high" bildet. Die "Sofa Songs" sind seit kurzem auf dem Markt. Dass sie darauf in einem Song die widersprüchlichen menschlichen Charakterzüge, einerseits das Appollon zugeschriebene Streben nach Form und Ordnung, andererseits das auf Dionysos zurückgehende Rauschhafte und Schöpferische, verarbeitet, ist freilich kein Zufall. Aber, sagt die 47-Jährige, "ich bin angekommen."

Wissenschaftlich gestartet ist die gebürtige Langenauerin nach ihrem BWL-Studium in Saarbrücken am Institut des renommierten Wirtschaftsinformatikers August-Wilhelm Scheer; der Promotion beziehungsweise dem Studium ging allerdings zunächst eine Banklehre voraus. Die Tochter sollte "was Gscheits" lernen, hatten die Eltern beschieden. Und: Die Tochter fügte sich, um gleich nach der Ausbildung zur Bankkauffrau dann doch den eigenen Weg zu gehen - nach Saarbrücken. Zum Studium. Ein Glücksfall, wie sich nach dem Examen herausstellen sollte. "Damals begann der Hype ums Internet, und ich war mittendrin in den Forschungsprojekten."

Und musikalisch? Ein Klavier, ein Klavier - ein klassisches. Was Töchter damals eben so lernten, zumal das poppige Klavier, besser gesagt: das Keyboard ja schon in der Familie besetzt war. Vater Gottfried "Gotte" Kocian hatte 1968 die Tanzkapelle "The Papas" gegründet. Klein-Claudia sang, also nicht in seiner Band, aber doch schon reichlich früh: "Da gibt es ganz süße Tonbandaufnahmen. Da war ich drei." Als Jugendliche komponierte sie Stücke, ihr Talent sollte erst Jahre später zum Vorschein kommen: kurz nach ihrem 40. Geburtstag. Eine befreundete Astrologin hatte ihr ein Horoskop erstellt und darin die Fragen aufgeworfen: Hast du deine Talente gelebt, deine Schätze gehoben?

Hatte sie nicht. "Ich muss singen", stellte sie fest. Gesagt, getan. Claudia Kocian meldete sich zu einem Workshop an, weitere Gesangsstunden kamen hinzu. 2008 war sie dann soweit: Seither absolviert sie immer mal wieder Auftritte mit der Band ihres Vaters, sie stieg bei einem Rock-Trio ein. Und hatte schließlich die Befürchtung, dass ihr alles über den Kopf wächst. "Pack' ich das kräftemäßig?" Die Rockband hatte Gigs en masse, ihr war's letztlich zu viel. "Ich brauch' am Montagmorgen einen klaren Kopf, wenn ich Vorlesungen halte. Nach einem durchrockten Wochenende ist das schwierig." Sie warf hin, um kurze Zeit später zusammen mit Thomas Dirr "deep'n'high" zu gründen. Ein Projekt, das viel Kraft kostet - vielleicht noch mehr, weil ein Duo viel Musikalität von beiden Partnern einfordert. "Aber mir war gar nicht klar, wie viel Kraft das auch gibt, weil einfach alles passt".

Kraft für Vorlesungen, die im Grunde genommen nichts anderes sind als Bühnenauftritte - hier rockt sie das Publikum, dort die Studenten. Hier wie dort kommt es auf Inszenierung an, sagt die 47-Jährige, die sich als Vertreterin des Edutainment sieht. Einer Mischung aus Education und Entertainment. Bildung und Unterhaltung also, ein Ansatz, den Kollegen sicherlich mit Stirnrunzeln quittieren. "Wenn man aber weiß, dass nach 20 Minuten der Speicher voll ist, kann ich in Vorlesungen ja nicht ständig auf die Tube drücken."

Erst in jüngster Zeit hat Claudia Kocian ihre Vorlesungen fast komplett über den Haufen geworfen - unter dem Einfluss neurodidaktischer Studien. Und ein so genanntes Blended Learning erarbeitet, einen Ansatz, der E-Learning mit Präsenzveranstaltungen vereint und für den sie den Lehrpreis erhalten hat. Das Ziel: die "digital natives", die Studierenden, die mit Internet und Handy aufgewachsen sind, auf eine andere didaktische Art abzuholen. "Sie haben ein völlig anderes Informations-, Aufmerksamkeits- und Lernverhalten. Aber sie werden immer noch mit Methoden der Vergangenheit unterrichtet." Bei ihr kommt auch mal das Handy zum Einsatz: "Die Studenten sollen sich ruhig mal einen Wolf suchen über Google. Dann sehen sie die Vorteile einer Bibliothek."Das Schöne an ihrem Job? Früher, als sie bei IBM arbeitete, hat sie Service-Konzepte für IT-Großrechner verkauft - und viele Zyniker gesehen, die mit 55 durch waren. "Erfüllt mich das? Will ich, brauch' ich das?" hatte sie sich schon relativ früh gefragt. Die Antwort: der Wechsel zur Hochschule Neu-Ulm. Hier darf sie Wissen verkaufen - und kann nebenbei noch Musik machen: "Ein bisschen Rock'n'Roll im Leben tut gut."

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