Porträts von zeitloser Größe

Es gibt sie noch, die großen Entdeckungen. Eine zeigt jetzt das Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Museum in seiner Ausstellung "Ich allein weiß, wer ich bin" mit Bildern und Grafiken von Elfriede Lohse-Wächtler.

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Eines der wenigen Ölbilder Elfriede Lohse-Wächtlers: Das Selbstbildnis entstand 1931, als sie völlig verarmt und demoralisiert nach Dresden zurückgekehrt war. Foto: Nachlass ELW Hamburg

Man weiß nicht, was einen mehr beeindruckt, das Schicksal oder das Werk dieser Künstlerin. Beides ist hochdramatisch: in der Eindringlichkeit zu begreifen in der Ausstellung "Ich allein weiß, wer ich bin", die heute im Edwin-Scharff-Museum eröffnet wird.

Entstanden ist die Ausstellung, als Folge der Schau "Entartet?", in der das Scharff-Museum 2010 von den Nationalsozialisten verfemte Kunst gezeigt hatte. Da war auch ein Bild Elfriede Lohse-Wächtlers dabei. "Dieses Bild hat mich immer wieder magisch angezogen", erzählt Museumschefin Helga Gutbrod: "Davon wollte ich mehr zeigen." Auch deshalb, weil Elfriede Lohse-Wächtler zu den Zeitgenossen Edwin Scharffs zählt. Deren Werk zu zeigen, ist eine der Aufgaben des Scharff-Museums.

Was Helga Gutbrod damals noch nicht ahnte: Nicht nur das Werk dieser Künstlerin ist beeindruckend, auch ihr Schicksal fasziniert, macht betroffen und steht exemplarisch für viele Künstler der Zwischenkriegszeit. Diese hatten es schwer, sich in der wirtschaftlichen Depression der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zu etablieren. Für sie bedeuteten die Kriege oft genug Brüche in der Biografie, viele Künstler litten unter den Nazis.

Elfriede Wächtler kam 1899 in Dresden in bescheidenen Verhältnissen auf die Welt, hatte Talent, wie eine Zeichnung der Zehnjährigen in der Ausstellung zeigt. Sie träumte davon, Künstlerin zu werden, was der autoritäre Vater aber ablehnte. Doch Elfriede setzte sich durch. Die 15-Jährige besuchte in Dresden zuerst die Kunstgewerbeschule, dann die Akademie, zog mit 16 Jahren von zu Hause aus, führte das Leben einer Bohémienne. Sie schlug sich mit dem Verkauf von Batiken durch, mietete sich ins Atelier Conrad Felixmüllers ein, der zur Dresdner Sezessions-Gruppe 1919 um Otto Dix, Otto Griebel und Oskar Kokoschka gehörte. In diesem Kreis lernte sie den Künstler und Opernsänger Kurt Lohse kennen, den sie 1921 heiratete. Es folgt ein glückliches Jahr, in dem die beiden in einem Steinbruch bei Wehlen wohnten, bis das verschuldete Paar das Haus verlor.

Von nun an gehts bergab. Lohse betrügt seine Frau, der Ende der 20er Jahre endlich künstlerische Anerkennung zuteil wird. Die finanzielle und familiäre Schieflage machen der Künstlerin aber schwer zu schaffen, 1929 erleidet sie einen Nervenzusammenbruch. Sie wird in die Anstalt Friedrichsberg eingewiesen. Dort hat sie eine extrem kreative Phase, malt die "Friedrichsberger Köpfe", 60 Porträts von Mitpatienten, Ärzten und Pflegern, die von der Kritik enthusiastisch gefeiert werden und von denen auch einige im Scharff-Museum zu sehen sind.

Doch Anfang der 30er Jahre haben die Menschen andere Sorgen, als Kunst zu kaufen. Völlig verarmt und demoralisiert kehrt sie in ihr Elternhaus zurück, kommt mit diesen Lebensverhältnissen aber nicht zurecht. 1932 lässt ihr Vater sie wieder einweisen, 1935 gilt sie als unheilbar krank und wird zwangssterilisiert, hört danach mit dem Malen auf. 1940 wird sie ein Opfer des Euthanasieprogrammes der Nazis.

Wie gesagt, ein dramatisches Leben, dem die Künstlerin ein Werk entgegensetzt, das ebenso dramatisch zwischen lebensbejahenden und dunklen Seiten schwankt, das handwerklich auf höchstem Niveau Expressionismus, Verismus und Neue Sachlichkeit beinhaltet und vor allem in den Pastellen unglaublich virtuos ist. Ihre Porträts haben eine zeitlose Größe, die tief berührt. Elfriede Lohse-Wächtler ist eine unbekannte Malerin, deren Entdeckung sich wirklich lohnt.

Die Ausstellung und das Begleitprogramm
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