Politische Fotografie von Julian Röder im Ulmer Kunstverein

Er war lange Mitglied der Berliner Agentur Ostkreuz und ist ein international beachteter Fotokünstler: Julian Röder zeigt seine Arbeiten im Kunstverein. Barrikadenkämpfe - beim G8-Gipfel und im Warenhaus.

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Palmen, ein blauer Himmel - und Tränengaswolken im Urlaubsland. Barrikadenkämpfe in Genua. Ein Vermummter studiert mitten auf einer Kreuzung eine Straßenkarte, vor ihm liegt die Munition, es sind Pflastersteine. Ein anderer Demonstrant wirft sich als moderner Krieger in Pose: mit Gasmaske vor dem Gesicht und mit Knieschützern als Accessoires seiner Rüstung.

Julian Röder war 19 Jahre alt und Lehrling der Berliner Agentur Ostkreuz, als er mit seinen Freunden 2001 zum G8-Gipfel nach Genua reiste, um dort gegen die globalisierende Politik zu Felde zu ziehen. Er geriet in die Straßenkämpfe, war plötzlich mittendrin als fotografierender Zeitzeuge: Macht, die Gesetze des Marktes, Masse, Gewalt, Ordnung - das sollten seine Themen werden.

Aber wie lässt sich die Wahrheit festhalten? Ein Fotograf benutzt Kamera-Objektive - und die Objektivität? Röder, 1981 in Erfurt geboren, hielt es zunächst mit Robert Capra und engagierte sich, ergriff direkt Partei. "The Summits" heißt die Serie, bis 2008 fotografierte Röder die Gipfel. Und die Protestlandschaften - im wörtlichen Sinn: Zwei Bilder aus Heiligendamm (2007) zeigen Polizisten unter einer grünenden Caspar-David-Friedrich-Eiche und auch ein Getreidefeld, durch das Menschen am Rande des Gipfels streifen. Keine brennenden Autos nun, sondern die irritierende Idylle. Diese Serie machte Röder international bekannt - Sean O'Toole spricht von einer "radikalen Kartografie". Sie sei Röders Bilanz der öffentlichen Auflehnung.

Das altbürgerliche Renaissance-Ambiente des Kunstvereins Ulm kontrastiert diese Fotografien in einer Ausstellung, die Julian Röder mit "Insel" überschrieben hat: Der Schuhhaussaal bettet sie einerseits ins kunstvoll Historisch-Gemütliche und rahmt sie doch verstörend. Den Besucher empfangen Kundenstopper (Aufsteller) und eine PVC-Plane mit den aufgezogenen Bildern der Serie "Available for Sale": der "eskalierende" Konsumwahn bei der Eröffnung einer Shopping Mall. Alles muss raus: Momentaufnahmen einer Massenhysterie, präzise in der Bewegungsunschärfe. Globalisierung? Ja, in der Praxis. Die Heilsversprechen der internationalen Warenwelt und die Schnäppchenjagd darauf.

Röder, der sich als einen politisch denkenden Menschen sieht, eher "analytisch als im humanistischen Sinne" arbeitet, ging nach den Erfahrungen der Gipfel-Dokus weiter auf Spurensuche: "Es geht mir eher darum, die Welt an sich in ihren eigenen Bildern zu entschlüsseln", sagte er in einem Interview, das Matthias Flügge für den Bildband "World Wide Order" führte. Das "Herzstück des Kapitalismus" fand Röder übrigens nicht im Media Markt, sondern auf Waffenmessen.

Die dritte Serie, mit der Röder in der ersten Fotografie-Ausstellung des Kunstvereins seit fünf Jahren vertreten ist, heißt "Mission and Task" (2012/2013). Große Formate, Farbpigmentdrucke, Hochglanz: Bilder von der Tätigkeit der Agentur Frontex, die mit der Überwachung der europäischen Außengrenzen beauftragt ist. Jetzt sind das Inszenierungen, mit Licht und Blitz. Die Bilder seien so schön fotografiert, "dass ich sie auch nutze, um von Militärs oder Behörden Zutritt zu sogenannten sensiblen Bereichen zu bekommen". Einleuchtend.

Ein Schäferhund, "Tracking Dog", der finnischen Frontex-Einheit wacht im militärischen Sperrgebiet zwischen Griechenland und der Türkei. Ein polnischer Offizier mit einer Wärmebildkamera. Bis auf die Zähne bewaffnete Soldaten neben einer griechisch-orthodoxen Kapelle. Ein Überwachungszeppelin. Technischer Aufwand, fotografiert geradezu als Star-Wars-Requisiten. Alles sieht sehr künstlich fixiert, manchmal surreal aus. Es sind tatsächlich Bilder, wie Röder sagt, um sich über die unbegreifbare Wirklichkeit Gedanken zu machen.

Und sie widersetzen sich der alltäglichen Bilderflut in einer Zeit, in der das Fotografieren durch die Handy-Kamera "wahnsinnig demokratisiert" geworden ist und ein Fotograf wieder den Betrachter zum Hinsehen bewegen müsse. Mit Haltung, mit Ideen. Das gelingt im Kunstverein. Diese Fotografien seien auch ein Spiegelbild von uns, sagt Röder - und der Besucher spiegelt sich im Glas vor den Bildern.

Ausstellung im Schuhhaussaal

Eröffnung "Insel" ist die neue Ausstellung des Ulmer Kunstvereins überschrieben: Bis zum 2. April zeigt Julian Röder seine Fotografien. Öffnungszeiten: Mi-Fr von 14-18 Uhr; Sa/So 11-17 Uhr. Matthias Flügge, Publizist, Kunsthistoriker und Rektor der Dresdner Kunsthochschule, eröffnet die Ausstellung am Samstag, 19 Uhr. Als Katalog dient ein im Verlag Hatje Cantz erschienener Band - Julian Röder: "World Wide Order".

 

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