Podiumsdiskussion: Wie weit darf Satire gehen?

Es blieb beim gemeinsamen Nenner: keine Gewalt. Ansonsten wurde bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Pressefreiheit und Satire“ deutlich: Religionsvertreter und Nichtreligiöse leben in verschiedenen Welten.

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Plötzlich kochten die Emotionen doch hoch. Ausgerechnet Pfarrer Ernst Sperber, Gastgeber und Mitdiskutant in Personalunion, stand auf und schickte sich an, eine grob kirchenlästerliche Karikatur aus dem französischen Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Publikum zu verteilen – um dagegen Stimmung zu machen. Zuvor hatte er die französischen Spottzeichner als „abgehalfterte, obszöne und pubertäre Alt-68er, für die sich längst keiner mehr interessiert hat“ bezeichnet. Da hatte der ansonsten allzu viel Raum einnehmende Moderator Dr. Bernhard Maier seine stärksten Minuten: Der Jurist, CSU-Stadtrat und Kirchengemeinderat wies den Theologen in die Schranken und schaffte es, die aufgeheizte Stimmung herunterzukühlen.

Das Attentat auf die Redakteure von Charlie Hebdo Anfang Januar in Paris hat in westlichen Gesellschaften Fragen aufgeworfen. Können Satire und Pressefreiheit zu weit gehen? Ist es in Ordnung, wenn beleidigt wird, was anderen heilig ist? Darüber diskutierten im vollen Gemeindesaal der Andreaskirche ein evangelischer Theologe, ein muslimischer Imam, eine Journalistin und ein Mitglied der Freidenker (siehe Info-Kasten).

Grenzenlose Freiheit von Presse, Satire und Kunst gibt es hierzulande nicht, sagt Redakteurin Antje Berg. Die Freiheit ende richtigerweise dort, wo Straftatbestände wie Beleidigung oder Volksverhetzung erfüllt sind. „Bis dahin muss aus meiner Sicht aber alles erlaubt sein.“ Wer sich aus Angst, eventuell jemandes Gefühle zu verletzen, permanent in Selbstbeschneidung übe, opfere eine Freiheit, für die Jahrhunderte gekämpft worden sei. „Es gibt immer einen, dem etwas weh tut. Wir brauchen deshalb allgemein verbindliche Regeln, und das sind unsere Gesetze.“

Dem Theologen Sperber geht es weniger um Gesetze, die auch er nicht einschränken wolle („Satiriker sollen machen dürfen, was sie wollen“) als um das sittliche Prinzip der Verantwortung – das ihm heilig ist. „Wir haben in Europa eine Kultur der Empathie, des sozialen Friedens und des Miteinanders aufgebaut, die wir unbedingt bewahren müssen.“ Wer Freiheit ohne Verantwortung gebrauche, sprenge die Gesellschaft. Kein Zufall, dass Charlie Hebdo im Untertitel die Bezeichnung „journal irresponsable“ („verantwortungsloses Journal“) trage.

Ähnlich sieht es der Muslim Israfil Polat. „Wertschätzung ist wichtig, lasst uns ein bisschen sensibler miteinander umgehen.“ Die eigene Freiheit ende dort, wo man die des anderen einschränke, findet der Imam. „Ich kann ja auch nicht einfach nachts laut Musik hören.“

Für den Freidenker Johannes Moser ist das ein schiefes Bild. „Dem Lärm des Nachbars kann ich mich nicht entziehen. Aber die Karikatur oder den Schmähtext in der Zeitung muss ich nicht lesen.“ Überdies mache selbst der so genannte Blasphemieparagraph im deutschen Strafgesetzbuch nicht die Befindlichkeiten Einzelner zum Thema. Strafbar mache sich demnach nur, wer durch die Beschimpfung von religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnissen den öffentliche Frieden stört – eine ungleich höhere Messlatte.

Wie Moser mit Provokationen umgehe, wollte ein Muslim aus dem Publikum wissen. „Lese ich im Koran, werde ich permanent als Götzendiener beschimpft“, sagte der Freidenker. „Aber ich bin deshalb doch nicht beleidigt. Ich setze mich argumentativ damit auseinander.“

Jenseits der Gesetze habe sich doch auch der Deutsche Presserat einen ethischen Kodex gegeben und fordere zum Verzicht auf Schmähung auf, sagte Moderator Maier. Bissige Satire sei dennoch erlaubt, befand Antje Berg. „Sie darf auch respektlos sein, vor allem, wenn sie Missstände anprangert. Schmähung dagegen ist reine Verhöhnung ohne Kritik – davon sollte man Abstand nehmen.“

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