Pluspunkte im Bildungshaus

Im Bildungshaus machen die Kinder größere Fortschritte im sozial-emotionalen und sprachlichen Bereich. Das sind die ersten Ergebnisse der begleitenden Untersuchungen. Ein Blick in die Wiblinger Einrichtung.

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Früher fand der Schulunterricht hinter geschlossenen Türen statt. Im Alltag des Bildungshauses Wiblingen stehen die Türen offen: Im Flur legen drei Jungs eine lange Kette mit Holzperlen aus. Nach jeder zehnten ist ein kleiner Silberring eingefädelt. Die beiden größeren Buben zählen sich langsam durch und kommen am Ende bis 1000. Die Zehner- und Hunderterschritte markieren sie mit kleinen Pfeilen, auf denen die dazugehörigen Zahlen stehen. Der kleinere Bub sortiert die Pfeile nach Farben: Rot und Blau. Alle drei sind konzentriert bei der Sache - die Neunjährigen genauso wie der Fünfjährige.

Bildungshaus heißt, dass Kinder von drei bis zehn Jahren miteinander und voneinander lernen und dass der Übergang von Kita zu Schule besser wird. Dazu müssen Grundschulen und Kindergarten eng zusammenarbeiten. 32 Modell-Einrichtungen gibt es in Baden-Württemberg, die das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) der Uni Ulm begleitet, um Auswirkungen auf Kinder, Pädagogen und Einrichtungen zu untersuchen. Das Projekt läuft von 2007/08 bis 2014/15.

In Ulm gibt es zwei Modell-Bildungshäuser: Wiblingen (Kooperation von Regenbogen-Grundschule und Kindergarten Lindauer Straße) und Gögglingen (Riedlen-Grundschule und Kindergarten Riedlen-Mitte). Das Bildungshaus Ulmer Spatz am Kuhberg läuft ebenso wie das Bildungshaus Ermingen außerhalb des Modellprojekts.

Das Lernen in altersgemischten Gruppen ist an der Regenbogen-Schule nichts Neues: Seit 1998 gibt es nur jahrgangsgemischte Klassen 1/2, seit 2008 auch 3/4. "Da war der Ansatz ,gemeinsames Lernen von drei bis zehn die logische Fortführung", erklärt Rektorin Ute Weile.

Inzwischen gibt es beim ZNL die Ergebnisse der ersten Untersuchungsrunden. "Wir sind stolz auf unserer Abschneiden", freut sich Weile. Im sozial-emotionalen Bereich haben alle Bildungshaus-Kinder, so Julia Höke vom ZNL, höhere Werte beim Sich-Wohlfühlen, bei der Kontaktfähigkeit und beim Klassenklima. Die Wiblinger Kinder liegen in den Dimensionen Selbstkonzept, Gefühl des Angenommenseins, Schulleistung und Lernfreude deutlich über dem Schnitt.

Weiter hat das ZNL in den Bildungshäusern positive Auswirkungen auf die Bereiche Sprachentwicklung und Grundlagen für die Lesefähigkeit festgestellt. Für Mathematik hingegen konnten die Wissenschaftler keine Auswirkungen erkennen.

Im Wiblinger Bildungshaus treffen sich die Kinder regelmäßig: An vier Tagen pro Woche gibt es gegenseitige Besuche. Freitags, zum Beispiel, gehen die Schüler in die Kita zum naturwissenschaftlich-technischen Experimentieren, weil der Kindergarten durch das Projekt "Haus der kleinen Forscher" diesbezüglich besser ausgestattet ist.

Eine Voraussetzung für die Verzahnung ist auch, dass beide Einrichtungen gleiche Strukturen haben, zum Beispiel offene Phasen. An der Regenbogen-Schule wird jeden Morgen von 7.40 bis 10.10 Uhr selbstbestimmt und klassenübergreifend gelernt - da können die Kindergartenkinder problemlos hinzukommen. Erst nach der großen Pause ist Fachunterricht. Im Schulchor singen inzwischen auch einige der kleineren Kinder mit.

"Es hat seine Zeit gebraucht, bis das Bildungshaus in den Köpfen und in seinen Strukturen gewachsen ist", erinnern sich Ute Weile und die Kita-Leiterin Stephany Winkler. Inzwischen aber sind regelmäßige Treffen in den pädagogischen Teams und die gemeinsame Vorbereitung der Arbeitsmaterialien gut eingespielt.

Die grün-rote Landesregierung will das Projekt Bildungshäuser nicht verlängern. Zunächst werden im Schuljahr 2012/13 die zusätzlichen Lehrerstunden gekürzt: eine weniger pro Klasse. "Für uns ist das nicht so dramatisch, weil vieles institutionalisiert ist", sagt Rektorin Weile. Für andere Standorte sei die Kürzung schwieriger.

Jedes Kind individuell zu fördern, ist oberstes Ziel im Bildungshaus. In der Regenbogen-Schule gibt es die Möglichkeit, Kinder flexibel einzuschulen - nicht nur zu Schuljahresbeginn. "Unsere Erfahrung ist, dass die Kinder nach sechs bis acht Wochen aufgeholt haben", sagt Ute Weile. In den jahrgangsgemischten Klassen kann jedes Kind sein Tempo finden. 90 Prozent der Kinder durchlaufen die Grundschule in vier Jahren, die restlichen zehn Prozent brauchen entweder ein Jahr kürzer oder länger. Julia Höke vom ZNL betont: "Bildungshaus heißt nicht, dass Kinder die Schule möglichst schnell durchlaufen." Sondern dass sie entsprechend ihrer Fähigkeiten gefördert werden.

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