Philharmoniker im CCU: Tod und Tanz

Ein Programm, so gelungen wie lange nicht mehr: Im ausverkauften CCU dirigierte Timo Handschuh beim ersten Philharmonischen Konzert der Saison Werke von Britten und Poulenc. Viel Jubel für den Solisten am Klavier, Janis Pfeifer.

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Glänzender, temperamentvoller Solist: Janis Pfeifer mit dem Klavierkonzert von Francis Poulanc.  Foto: 

Ein Requiem, eine lustvolle Ballett-Suite. Ein überschäumendes Klavierkonzert, eine Trauermusik. „Tod und Tanz“ wäre ein Titel für das 1. Philharmonische Konzert der Saison im voll besetzten Congress Centrum gewesen. Dramaturgisch ausgetüftelte Programme hat Generalmusikdirektor Timo Handschuh schon oft dirigiert, dieses Mal war die Wahl der Werke besonders gelungen und sinnfällig.

Ganz auf zwei Komponisten des 20. Jahrhunderts setzte Handschuh: auf den Franzosen Francis Poulenc (1899-1963) und den Engländer Benjamin Britten (1913-1976). Beide keine Avantgardisten im Sinne einer fortschrittsgläubigen atonalen Moderne, sondern Musiker, die mehr oder weniger aus der Tradition ihre Klangkultur schöpften und sie weiterentwickelten. Die Rollenverteilung in diesem Konzert war klar: Poulenc fürs Berauschende, Lebens­pralle. Britten fürs Innerliche, Melancholisch-Dramatische. Vier Werke und damit vor und nach der Pause zwei Stimmungswechsel. Ein Hörerlebnis, auch weil die Philharmoniker sich in guter Form präsentierten.

Zunächst die „Sinfonia da Requiem“ des jungen Britten, 1941 uraufgeführt in New York, nachdem der Komponist einen Auftrag missverstanden hatte: Zur Feier der japanischen Kaiser-Dynastie war das Werk bestellt worden. Kurios. Es ist eine christlich-sinfonische Klage, mit brutalen Paukenschlägen. Effektvoll instrumentiert – als wär’s Brittens Totengedenken an die Expressionisten der Riesenorchester. Sehr bewegend der ersterbende Schluss. Und dann jagten schon – imaginär – Poulencs Testosteron-gesteuerte Tänzer den Frauen hinterher. Eine höchst virile Musik: die Suite aus dem Ballett „Les Biches“, aufgeheizter Neoklassizismus der 1920er Jahre.

Nach der Pause das umgekehrte Spiel: zunächst Poulencs mitreißendes Klavierkonzert cis-Moll. Feine Sache, dass sich die Ulmer Philharmoniker dafür den Nachwuchs aus Ulm auf die Bühne holten. Janis Pfeifer, der ja auch mal bei Konzertmeister Tamás Füzesi Geigenunterricht erhalten hat, aber als klasse Pianist heranreift, spielte schon 2013, damals 20, unter Handschuh bravourös Mozarts Klavierkonzert d-Moll. Jetzt der Poulenc, ein Stück so zwischen Pariser Salon und Hollywood. Klangschmeichelnd wie frech, die Musikgeschichte durchpflügend und trotzdem herrlich originell. Das Orchester hört dabei nicht einfach staunend dem Solisten zu, es ist ein gemeinsamer Spaß, wobei Poulenc den Pianisten durchaus auch ein bisschen Rachmaninow sein lässt.

Kurzum, der in Stuttgart studierende Pfeifer mischte die Farben ins Spiel, befeuerte und schwelgte und nutzte sehr cool und technisch beschlagen seine Soli. Ein Genuss, wie die Philharmoniker und der Pianist im zweiten Satz dahinpulsierten und sich im Rondo „à la française“, aber jazzig mit „Swanee River“-Anklängen, hochjubelten. Riesenbeifall. Janis Pfeifer blieb mit der Zugabe im französisch-amerikanischen Milieu – und legte flott noch „Golliwogg’s Cakewalk“ aus Claude Debussys Sammlung „Children’s Corner“ hin.

Und der zweite Stimmungswechsel. Brittens „Four Sea Interludes“ aus der Oper „Peter Grimes“, die berühmten „Seestücke“, die höchst emotional-klangvollen Seelenlandschaften eines geschundenen Ichs. Eigentlich auch ein sinfonisches Requiem: auf den ob seines Anders-Seins von der Gesellschaft in den Tod getriebenen Fischer. Eine packende Aufführung, stark applaudiert.

Das nächste Konzert Nach langem Beifall und vielen Verbeugungen stieg Timo Handschuh noch einmal aufs Dirigentenpult – aber nein, diesmal habe man keine Zugabe einstudiert, sagte der Generalmusikdirektor. Das nächste Mal wieder: Das wäre der große Tschaikow­sky-Abend am 21. und 22. November. Das 2. Philharmonische Konzert ist ein Abend mit zwei Terminen und populärem Programm: die Briefszene aus „Eugen Onegin“ mit Sopranistin Rebecca von Lipinski, das Violinkonzert mit Tamás Füzesi sowie die „Nussknacker“-Suite. Zuvor aber dirigiert Handschuh am 21. Oktober ein Sonderkonzert der Philharmoniker in der Pauluskirche, mit Werken von Bach und ihm selbst.

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