Pflücken erlaubt: Stadt erstellt Lageplan mit Streuobstwiesen

Der Stadt Ulm gehören rund 190 Streuobstwiesen. Bürger können sich ab nächsten Sommer auf nicht verpachteten Flächen am Obst bedienen. Das Land bezuschusst die Kosten für den Baumschnitt - bald. Mit einem Kommentar von Carolin Stüwe: Nicht nur Ausgleichsflächen

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Der Obstertrag war dieses Jahr so reichlich, dass Äpfel, Birnen und Zwetschgen unter den Bäumen verfault sind. Zwar ist es bisher schon erlaubt, auf manchen städtischen Grundstücken das Obst in haushaltssüblichen Mengen kostenlos zu ernten. Aber wie soll man diese Streuobstwiesen erkennen? Man könnte Schilder aufstellen, hat jetzt die Grünen-Fraktion bei OB Ivo Gönner beantragt. Mit dem Wortlaut: „Liebe Ulmer, diese Bäume stehen auf öffentlichem Grund, dieses Obst darf gepflückt werden.“

Schilder aufzustellen, sei nicht praktikabel bei immerhin 190 stadteigenen Flächen, sagt Eugen Hungele, bei der Abteilung Grünflächen für die Landschaftsentwicklung zuständig. Da sich die Landschaft der Streuobstwiesen aber auch aufgrund von Ausgleichspflanzungen für Neubaugebiete weiterentwickelt, sei es sehr im Interesse der Stadt, dass das Obst geerntet wird.

Deshalb werden derzeit alle Streuobstbestände auf Ulmer Gemarkung anhand von Luftbildern und Ortsbegehungen kartiert. Zudem wird geprüft, bei welchen städtischen Flächen Pachtverträge oder Pflegevereinbarungen bestehen, sagt Hungele. Ein Lageplan mit den zur generellen Nutzung freien Obstbaumwiesen soll spätestens nächsten Sommer auf dem Geoportal der Stadt Ulm veröffentlicht werden unter www.maps.ulm.de – und den Plan wird es als PDF-Datei geben.

Damit nicht nur das Obst unters Volk gebracht wird, sondern die ökologischen Inhalte auch vertieft werden, können anhand des Lageplans gleich die schulnahen Streuobstwiesen herausgelesen werden, sagt Hungele. Dort könnten Schulprojekte stattfinden, hat der Ulmer BUND vorgeschlagen. Schließlich kümmern sich die Umweltschützer schon seit Jahrzehnten um Pflanzaktionen gemeinsam mit Schülern.

Fehlt jetzt nur noch, dass die vielen Bäume (siehe Infokasten), an denen wieder alte schützenswerte Apfel- und Birnensorten wachsen, professionell gepflegt werden. Da dies die Ehrenamtlichen des BUND alleine nicht leisten können, werden vor allem Experten mit dem Baumschnitt beauftragt und zwar dezentral. Denn für die rund 190 stadteigenen Parzellen sind je nach Lage und Funktion verschiedene städtisch Stellen zuständig: die Abteilungen Liegenschaften und Grünflächen, das Gebäudemanagement und die Ortsverwaltungen.

Da Ulm seine Streuobstflächen sortieren muss, kann die Stadt erst 2015 vom neuen baden-württembergischen Fördermodul „Baumschnitt“ profitieren. Damit will die Landesregierung die Arbeit der Menschen wertschätzen, die Streuobstbäume pflegen. Dies ist jedoch nur über Sammelanträge von Vereinen, Initiativen, Mostereien und Kommunen möglich. Klar sei auch, dass Streuobstwiesen, die schon auf dem Ökokonto stehen, nicht mehr in den Genuss eines Zuschusses kommen, sagt Hungele.

Ansonsten werde „seit Oktober“ der fachgerechte Baumschnitt von Kern- und Steinobstbäumen (außer Brennkirschen) gefördert, heißt es vollmundig auf dem Streuobstportal des Landes. Pro Baumschnitt würden 15 Euro ausbezahlt, allerdings nur zweimal im fünfjährigen Förderzeitraum. Auch sonst sind die Voraussetzungen sehr komplex. „Vor allem kann man sich noch keine Antragsformulare herunterladen“, kritisiert Hungele.

Dahingehend hat Karl-Heinz Glöggler, Obstbauberater beim Landratsamt Alb-Donau-Kreis, aus Stuttgart die Nachricht erhalten, dass das neue Fördermodul Baumschnitt dieser Tage erst noch von der EU genehmigt werden muss. Dann endlich kann es losgehen unter www.streuobst-bw.info

Digitale Landkarte


Mundraub.org ist eine digitale Landkarte, die Obstbäume, Obststräucher, Nüsse und Kräuter im öffentlichen Raum abbildet. 

 

Ein Kommentar von Carolin Stüwe: Nicht nur Ausgleichsflächen

Laut einer Streuobstflächenerhebung aus dem Jahr 2009 sind rund 80 Prozent der Streuobstbestände im Land nicht oder nur schlecht gepflegt. Daran wird sich nach fünf Jahren nicht viel geändert haben, denn diese Arbeit ist anstrengend und erfordert Erfahrung. Das Land Baden-Württemberg möchte nun mit seinem neuen Fördermodul Baumschnitt diese Arbeit wertschätzen.

Jedoch kommt man an die 30 Euro für zwei Baumschnitte innerhalb von fünf Jahren nur über Sammelanträge samt Luftbild und Schnittkonzept. Bis alles beisammen ist, hat man schneller einen Baum ausgeschnitten.

Deshalb geht die Stadt Ulm seit Jahrzehnten den eindeutig besseren Weg, um die alte Anbaukulturform mit Hoch- und Halbstämmen auch im übertragenen Sinne zu pflegen: Bereits seit 1991 pflanzt der BUND gemeinsam mit Ulmer Schülern im Auftrag der Stadt Obstbäume (und Hecken).

Außerdem wurde der ehemalige städtische Lehrgarten „Hermannsgarten“ in Söflingen von der unnatürlichen Plantagenform zur Streuobstwiese umgewandelt. Dort dürfen Bürger seit jeher kostenlos das Obst ernten. Die Idee mit dem Lageplan auf dem Geoportal der Stadt passt wunderbar.

Da dort auch die schulnahen Streuobstwiesen aufgeführt sind, bieten sich diese Parzellen als neue Lernorte an – damit Streuobstwiesen auch in Zukunft als wertvolle ökologische Nischen gesehen werden und nicht nur als Ausgleichsflächen für Neubaugebiete.

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