Pflege am Anschlag

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Personalrätin Doris Gubler-Rehbock (rechts) überreicht die Unterschriften an die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis (SPD).  Foto: 

Das Wasser steht dem Pflegepersonal am Universitäts-Klinikum Ulm bis zum Hals – und teilweise sogar höher. „Die psychische und physische Belastung ist nicht mehr auszuhalten.“ Mit diesem Satz endet eine Art „Notruf“, den fast 700 Pflegerinnen und Pflegern des Klinikums abgesetzt haben. Das Pflegepersonal äußert in dem Brief die Befürchtung, dass das negative Betriebsergebnis – wie berichtet beläuft sich das Minus für 2012 auf 6,6 Millionen Euro – zu einem erneuten Stellen- und Sozialabbau sowie einer weiteren Arbeitsverdichtung führt. „Schon jetzt ist die Patientenversorgung und Patientensicherheit an wirtschaftlichen Interessen orientiert und nicht mehr auf Qualität ausgerichtet“, heißt es in dem Schreiben weiter, das Personalrätin Doris Gubler-Rehbock zusammen mit den Unterschriften des Pflegepersonals der Ulmer SPD-Bundestagsabgeordneten Hilde Mattheis übergeben hat.

Wie ernst die Lage ist, habe jüngst erst eine Pflegerin in der Personalversammlung des Klinikums geschildert: Sie habe allein Nachtdienst auf einer Station mit 30 Patienten geschoben. „Muss erst jemand sterben, ehe die Klinikleitung reagiert?“ Der kaufmännische Direktor Rainer Schoppik und der Ärztliche Direktor Reinhard Marre hätten auf diese Frage lediglich mit betretenen Gesichtern reagiert, berichtet Gubler-Rehbock. Um eine klare Stellungnahme drückten sich die Verantwortlichen aber herum, sagt die Personalrätin, beziehungsweise sie verweisen auf die politischen Rahmenbedingungen. Gubler-Rehbock räumt die miserable Krankenhaus-Finanzierung durch den Bund ein, sie kritisiert aber, dass intern der Druck von der Klinikleitung einfach nach unten an die Pflegerinnen und Pfleger weitergereicht werde. „Es herrscht eine Stimmung der Unsicherheit, Frustration und Angst, vor allem, weil kein Verantwortlicher greifbar ist und auch weil es keine nachhaltigen Konzepte gibt.“

Ausdruck fehlender Konzepte seien ein hoher Krankenstand, enge Dienstpläne und Arbeitszeitkonten, die sich auf ingesamt 150 000 Überstunden belaufen. „Es fehlt die Entlastung. Hier wird nurmehr der Mangel verwaltet“, wirft die Personalrätin der Klinikleitung vor. Zudem gehe mit dem Personalabbau auch ein hohes Maß an Erfahrung, Qualität und Kompetenz verloren. heißt es in dem Brief weiter.

Mattheis hatte bereits in den vergangenen Wochen den Klinikums-Vorstand sowie Wissenschaftsministerin angeschrieben. Sowohl Schoppik und Marre als auch Theresia Bauer verwiesen auf die ungenügende Refinanzierung der Kliniken – ein Missstand, der von Mattheis ebenfalls erkannt wird. „Ihre Antworten zeigen aber schlicht und ergreifend, dass der Konsolidierungskurs nicht aufhören wird“, befürchtet die SPD-Abgeordnete eine weitere Arbeitsverdichtung und einen drastischen Personalabbau. Sie versprach Gubler-Rehbock, sich weiter für die Pflegekräfte einzusetzen.

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Kommentare

09.03.2013 09:52 Uhr

Folgen falscher Frontstellung

Festzustellen, dass die psychische und physische Unversehrtheit des Einzelnen gefährdet ist, zeigt lediglich öffentlich an, wie wenig sich Dritte an den ohnehin von keinem abweisbaren Richtlinien aktivierender Pflege orientieren und horrende Mittel einer Klinik an besagtes Fehlverhalten gebunden sind. Nicht zuletzt eine Universitätsklinik wie die Ulmer verfügt daher bei weitem nicht über zu wenig Gelder. Vielmehr sind höchst verbotswidrig zuwenig finanzielle Mittel notwendig frei mit der Konsequenz, dass Patienten in der Tat sozial der Tod ereilt, dem deren körperlicher unerbittlich auf dem Fuß folgt. In derlei grobem Unfug noch heute innezuhalten, zeitigt somit vor allem den unschätzbaren Vorteil einer systematisch nicht mehr überforderten Ärzteschaft zum Wohle aller und nicht allein des Pflegepersonals.

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