Pfarrer Friedrich Losch scharte von 1903 an Ulmer Künstler um sich

Das Grimmelfinger Pfarrhaus war zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Treffpunkt eines Kreises von Ulmer Künstlern und Intellektuellen. Daran erinnert eine Sonderausstellung im alten Grimmelfinger Rathaus.

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Dieses Aquarell des Ulmer Künstlers Ludwig Moos aus dem Jahr 1912 zeigt eine Fastnachtsszene. Es ist überschrieben "Der Schah von Persien empfängt eine Abordnung des Grimmelfinger Kreises". Dessen Vorsitzender, Pfarrer Friedrich Losch, kniet vor dem Thron, auf dem möglicherweise der Ulmer Architekt und Maler Albert Unseld sitzt. Sicher zu identifizieren sind hingegen die Maler Bruno Grosse mit dem Kuhbild, zweiter von rechts Karl Schäfer mit Schiebermütze und ganz rechts Ludwig Moos selbst.

Selten wird man so viel Kunst auf so wenigen Quadratmetern sehen wie im Flur des ehemaligen Grimmelfinger Rathauses. In diesem kleinsten der drei Räume der Grimmelfinger Geschichtsstube haben deren Betreiber eine stattliche Zahl von Werken der Ulmer Künstler Ludwig Moos (1890-1967), Karl Schäfer (1888-1957) und Bruno Grosse (1892-1976) zusammengetragen. Sie führen zurück in Ulms Kunstszene vor der Zeit, als sie sich 1919 in der Künstlergilde organisierte.

Die drei Künstler gehörten dem "Grimmelfinger Kreis" an, der sich regelmäßig im Grimmelfinger Pfarrhaus traf, um dort bei Kaffee und selbstgebrautem Likör zu diskutieren und zu musizieren - mutmaßlich seit 1903. In jenem Jahr nämlich hatte Pfarrer Friedrich Losch (1860-1936) sein Amt in Grimmelfingen angetreten. Der promovierte Philosoph hatte vielseitige Interessen. Im Lonetal hatte er sich an archäologischen Grabungen beteiligt, er sammelte in der Region Zauber- und Segenssprüche sowie Hofzeichen (die Hausmarken der Bauernhöfe), veröffentlichte die Volksnamen der Pflanzen auf der Schwäbischen Alb und gab 1914 ein Kräuterbuch heraus, das sogar in französischer Sprache in Paris erschien.

Merkwürdigerweise ist Losch in der Ulmer Lokalgeschichte nie zur Kenntnis genommen worden; ebenso wenig sein "Grimmelfinger Kreis", zu dem unter anderem der Industrielle Otto Magirus gehörte. Es ist das Verdienst des Grimmelfinger Heimatforschers Helmut Kast und seines "Förderkreises Geschichtsstube", diese kulturelle Keimzelle im damaligen Ulmer Vorort, der erst 1926 eingemeindet wurde, entdeckt zu haben.

Bei der Erforschung dieses Zirkels war ein Exemplar der gebundenen "Grimmelfinger Hefte" von unschätzbarem Wert, auf das Georg Braun, Mitglied des Förderkreises, von einem Freund aufmerksam gemacht worden war. Der Förderkreis erwarb den Band auf einer Auktion in Pforzheim. Er umfasst die "Grimmelfinger Hefte", die von 1916 bis 1919 vervielfältigt und an die mittlerweile verstreut lebenden Mitglieder versandt wurde. 39 von ihnen sind in einer Liste aufgeführt, davon sechs, die im damals tobenden Ersten Weltkrieg gefallen sind.

Diesen Heften ist auch zu entnehmen, wie der Kreis zusammengefunden hat. Es enthält eine Art Tagebuch aus früheren Jahren. Aus den Notizen des August 1909 geht hervor, dass Ludwig Moos schon damals dazugehörte, während Karl Schäfer - wohl über Moos Vermittlung - erst später hinzustieß. Bruno Grosse wird als "Freund von Fritz", dem Sohn des Pfarrers, vorgestellt. Auch er trat dem Kreis wohl erst in jener Zeit bei.

Einer Notiz zum 5. September 1909 zufolge hat Ludwig Moos abends in einer halben Stunde 30 Karikaturen von "Berufs- und Standestypen" gezeichnet. Diese Zeichnungen sind nun in der Sonderausstellung zu sehen, zusammen mit anderen Karikaturen und Gemälden, die von Moos hoher Begabung zeugen. Ein besonderes Prachtstück ist eine Fastnachtsszene von 1912, in der Moos den Grimmelfinger Kreis abgebildet hat. Das bislang unbekannte Bild wird erstmals in der Geschichtsstube ausgestellt.

Zu Moos witzigen Zeichnungen kontrastieren die Lithografien Karl Schäfers. Er hat darauf das Nibelungenlied in Szene gesetzt - wohl in Anlehnung an Loschs Studien zur deutschen Mythologie. Humor und ernsthafte Naturdarstellung vereint Bruno Grosse: Ein großformatiges Gemälde mit Kühen weist ihn als Tiermaler aus. Daneben aber beweisen hervorragende Karikaturen, zum Teil in französischer Kriegsgefangenschaft entstanden, ein weit gefächertes Talent.

Im Juli 1919 rief Karl Schäfer die "Ulmer Schule" und die Künstlergilde ins Leben, zu deren Gründungsmitgliedern auch Ludwig Moos gehörte. Möglicherweise bedeutete dies das Ende des Grimmelfinger Kreises; zumindest enden in jenem Jahr die "Grimmelfinger Hefte", deren Schriftleiter Schäfer damals war.

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass die Freundschaft zwischen Ludwig Moos und Karl Schäfer 1932 zerbrach. Moos war Jude und emigrierte 1936. Und Schäfer war engagierter Nazi. Er reüssierte weiter im Ulmer Kulturbetrieb.

Info Die Grimmelfinger Geschichtsstube ist stets am ersten Sonntag des Monats von 14 bis 17 Uhr geöffnet und kann zudem auf Anfrage besichtigt werden (Tel. 0731 383139).

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