Millionenprojekt Orange Campus – sportliche Visionen und politische Fragen

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Nur zwei Tage nach der Bundestagswahl erlebt Ulm eine Abstimmung, die das landesweite Votum an Spannung deutlich übersteigen dürfte. Wenn am kommenden Dienstag der Gemeinderat im Großen Sitzungssaal des Ulmer Rathauses zusammentritt, geht es um die Zukunft eines der prestigeträchtigsten Projekte der vergangenen Jahre: den Orange Campus der Bundesliga-Basketballer von Ratiopharm, ein Nachwuchsinternat mit angeschlossenem Vereinssitz, Mehrzweckhallen, Fitnesscenter, Gastronomie und Geschäften direkt an der Donau auf der Neu-Ulmer Seite. Nachdem die Stadträte in ihrer Sitzung am 13. Juli die Entscheidung über das ehrgeizige 23-Millionen-Projekt vertagt hatten, wird diesmal mit einer Entscheidung gerechnet. Möglicherweise nach einer längeren und emotionalen Debatte.

Anders als der Stadtrat Neu-Ulm, der Mitte Juli in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause eine Finanzspritze von 1,5 Millionen Euro für den Orange Campus bewilligt hatte, war die Ulmer Politik wenige Tage zuvor zu einem anderen Urteil gelangt. Nach intensiver, zweieinhalbstündiger Diskussion hatten die Gemeinderäte den Start des Projekts verschoben, zu risikobehaftet schienen ihnen die vorgelegten Unterlagen der Basketballer, zu viele Fragen noch offen. Nach der Sitzung unterstrich Oberbürgermeister Gunter Czisch die Notwendigkeit einer belastbaren Planung: „Alle, die die Basketballer der BBU’01 unterstützen, müssen sich nun zeigen und Butter bei die Fische geben.“ Der Satz, den Czisch im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE sagte, hat seitdem Karriere gemacht (siehe Extratext).

Dialog fortsetzen

Nach der Sitzung schlugen die Wellen hoch. So hoch, dass sich Martin Bendel, Erster Bürgermeister der Stadt Ulm, zu einem Brandbrief genötigt sah, der in Kopie auch an die Fraktionen des Rates ging. Darin fordert Bendel die beiden Geschäftsführer der Basketballer, Andreas Oettel und Thomas Stoll, auf, den „konstruktiven Dialog“ mit der Stadt fortzusetzen. Anlass war eine Veröffentlichung auf der Homepage des Klubs unter der Überschrift „Das Unmögliche schaffen“. Darin heißt es wörtlich: „Obwohl wir in den Planungen weit vor anderen Projekten wie Sportopia waren, wurde die Entscheidung über die städtischen Zuschüsse immer wieder verzögert. Erst hieß es, es würden Unterlagen fehlen, dann kamen immer neue Forderungen hinzu. Währenddessen entwickelte hinter unserem Rücken eine kleine Gruppe eine regelrechte Kampagne gegen das Projekt.“ Mit diesen Formulierungen hätten die Vertreter der Basketballer, so der Vorwurf der Stadt, die „bislang gepflegte konstruktive Gesprächsgrundlage“ verlassen.

Spendenkampagne ab 7.07 Uhr

Seitdem läuft die Debatte über den Orange Campus zweigleisig. Auf der einen Seite haben die Basketballer eine Spendenkampagne gestartet, mit der sie in den kommenden Wochen ganz exakt 1.111.111 Euro einsammeln wollen. „Die Idee einer Fundraising-Kampagne hatten wir schon früh“, sagt der bei den Basketballern für Finanzen und Marketing zuständige Andreas Oettel. Ursprünglich habe der Klub geplant, 555.555 Euro von privaten Unterstützern zu bekommen und diese dann von Sponsoren aus der Wirtschaft verdoppeln zu lassen. Nachdem in den ersten Tagen rund 70.000 Euro eingesammelt werden konnten, habe man „aus Vereinfachungsgründen“ private und kommerzielle Spenden zusammengelegt. Aktuell steht das Spendenbarometer unter orangecampus.one auf knapp 500.000 Euro. Oettel betont, dass das Versprechen der Sponsoren stehe, die Spenden zu verdoppeln. Dennoch bleibe ein weiter Weg, schließlich müssten rund 5,5 Millionen Eigenkapital aufgebracht werden.

Flankierend dazu haben die Verfechter des „Orange Campus“ eine sichtbare Plakatkampagne in Ulm und Neu-Ulm gestartet. Neben der populären Galionsfigur, Spielmacher Per Günter („Erfolge erkämpfen“), werben auch Jüngere („Groß werden“) und Ältere („Generationen verbinden“) für das Aktiv-Areal auf dem Gelände des ehemaligen Donaubades.

Seit Jahren wird über dieses Filetgrundstück auf der Neu-Ulmer Seite der Donau diskutiert. Unweit erlitt einst das Wonnemar-Erlebnisbad, vormals „Atlantis“, finanziellen Schiffbruch. Und vor so einer Insolvenz hat Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch Angst. Gegenüber der SWP hatte der Oberbürgermeister zu bedenken gegeben, dass es „hoch riskant“ sei, ein solch großes Projekt, das es in der Region noch nie gegeben habe, ohne solide Finanzierung und mit vielen Unklarheiten zu starten. Czisch: „Möglicherweise wäre es viel vernünftiger, in einem ersten Abschnitt mit dem förderfähigen Teil der Hallen für den Sport zu beginnen, Partner zu suchen und die Schuldenlast deutlich zu begrenzen.“

Die unglamouröse Seite

Und spätestens hier beginnt der Teil des Projektes, der weniger glamourös, dafür aber zentral ist: Die Finanzierung des Orange Campus. Denn das 23-Millionen-Projekt ist konzipiert als eine Mischung aus Eigenmitteln, Bankkrediten, öffentlichen Zuschüssen und Darlehen der Stadt (siehe Info). Dazu kommt, dass die Macher den Orange Campus kommerziell betreiben wollen.

Dabei soll der Verein BBU’01 e.V. die Sportflächen für den Spiel- und Trainingsbetrieb nutzen. Flächen, die werblich vermarktet werden sollen, werden vom Verein an eine Betriebsgesellschaft verpachtet. Diese Betriebs GmbH soll aus drei Gesellschaftern bestehen: Dem Breitensportverein BBU’01, den ausgegliederten Profis von Ratiopharm sowie der Epex Group, einem Dienstleister für Sicherheit und Sauberkeit mit 1700 Mitarbeitern und einem Sitz in Neu-Ulm. Somit, so sieht es die Theorie vor, erlöst der Verein mit den verpachteten Büros, Shops, der Gastronomie und dem Fitness-Center die erforderlichen Erlöse, um den Campus zu betreiben und Kredite zurückzuzahlen. Zumal die Entwicklung der Mitglieder nach oben zeige: Die Prognose geht von einem Zuwachs von aktuell rund 2000 auf bis zu 6000 Mitglieder aus.

Sorge vor Dominoeffekt

Kritiker sehen in dem Konstrukt verschiedener GmbHs, denen jeweils Andreas Oettel und Thomas Stoll vorstehen, eine Gefahr. Sollte etwa Hauptsponsor Teva abspringen, könnten die Profis nicht mehr die erforderlichen Summen an die Betriebs GmbH überweisen, diese wiederum müsste der Orange Campus GmbH Mietzahlungen schuldig bleiben. „Das wäre ein Dominoeffekt, der in die Insolvenz führen könnte“, so ein Sachverständiger gegenüber der SWP.

In zwei Wirtschaftsgutachten ist die finanzielle Konstruktion des Orange Campus bislang unter die Lupe genommen worden. So kam der von der Stadt beauftragte Gutachter zu dem Schluss, dass das Projekt mit Unsicherheiten behaftet sei und offene Fragen blieben. So nennt der Wirtschaftsprüfer die fehlende verbindliche Finanzierungszusage einer Bank über 9 Millionen Euro, das ausstehende Eigenkapital in Höhe von 2,1 Millionen Euro und die Frage nach dem dauerhaften sportlichen Erfolg, der allerdings „immanent mit Unsicherheit behaftet ist“.

Auch die Basketballer hatten ihrerseits einen Experten mit einer Prüfung der wirtschaftlichen Prognosen beauftragt. Die Studie zeichnet nach SWP-Informationen ein deutlich freundlicheres Bild der finanziellen Rahmenbedingungen als das städtische Gutachten. Die Tatsache, dass es noch keine belastbaren Bankzusagen gibt, halten die Finanzexperten für nicht weiter verwunderlich. Wenn die städtischen Zuschüsse zugesagt sind, würden Banken leichter nachziehen, heißt es. Von den Stadträten müsse zunächst das Signal ausgehen, dass das Projekt gewollt ist. Erst dann könnten Banken Kredite einräumen.

Dieses Signal könnten Ulms Stadträte am kommenden Dienstag geben.

Sanierungsstau bei Ulmer Sportvereinen. Vier Beispiele für den Millionenbedarf von Vereinen lesen Sie hier.

Auch in Ludwigsburg, Göttingen und Kiel gibt es Sportförderzentren. Ein Überblick über die verschiedenen Modelle finden Sie hier.

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