Häusliche Gewalt: Opferschutz durch Hilfe für die Täter

Die Diakonie will Opfer von häuslicher Gewalt besser schützen und startet deshalb die Arbeit mit den Tätern.

|
 Foto: 

Es ist ein Novum in der Region: Die Diakonie nimmt sich der Männer an, die ihre Frauen schlagen, demütigen, beleidigen, vergewaltigen. Eine Anlaufstelle, die mit häuslichen Gewalttätern arbeitet, gibt es bisher nicht. Polizei, Staatsanwaltschaft, Bewährungshilfe, Stadt Ulm und Alb-Donau-Kreis sowie der Verein Frauen helfen Frauen sind froh, dass diese Lücke geschlossen wird. Sie alle kooperieren mit dem Diakonieverband und hoffen, dass das Projekt ein Erfolg wird.

„Opferschutz durch Täter­arbeit“ heißt es, und damit ist beschrieben, was das Ziel sein soll: das Verhalten der gewalttätigen Männer zu ändern. Zwar sind nicht alle Täter männlich, aber doch die meisten (siehe Info-Kasten). Mario Stahr und Ulrike Domay-Weil, die das Projekt betreuen, haben alle Arten von häuslicher Gewalt im Blick: körperliche, psychische und sexuelle.

Am Anfang gibt es Einzelgespräche mit dem Täter. Ein wesentlicher Punkt: „Sie müssen bereit sein, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen“, sagte Stahr bei der Vorstellung des Projekts. „Täterarbeit macht keinen Sinn, wenn der Täter nichts verändern will.“ Stahr und seine Kollegin rechnen auch mit diesem Fall. Männer können sich zwar freiwillig an die Beratungsstelle wenden, häufig werden sie aber dorthin geschickt: vom Staatsanwalt, vom Richter, von Bewährungshelfern. Aufgabe von Stahr und Domay-Weil ist es dann, die Männer „von der Sinnhaftigkeit der Beratung“ zu überzeugen.

Die Klienten müssen zum Start einen Vertrag unterzeichnen und sich etwa verpflichten, regelmäßig teilzunehmen und während der Beratung auf Gewalt zu verzichten – oder, falls ihnen das nicht gelingt, ihre Verstöße wenigstens zu melden.

Nach den Einzelgesprächen folgt die Gruppenarbeit: ein halbes Jahr lang wöchentliche Sitzungen. Das sei wichtig, damit sich die Männer gegenseitig mit ihrem Fehlverhalten konfrontieren. Sie sollen lernen, wie sie mit ihren Aggressionen umgehen können, ohne gewalttätig zu werden. „Es geht um Männer- und Frauenbilder, und auch um eigene Gewalterlebnisse“, sagt Stahr. Ziel sei, die Opfer vor häuslicher Gewalt zu schützen, ob in der aktuellen oder einer künftigen Beziehung.

Kinder leiden sehr

Dieser Schutz ist auch der Stadt und dem Verein Frauen helfen Frauen besonders wichtig. Kinder leiden sehr darunter, wenn sie miterleben, dass ihr Vater ihre Mutter schlägt, sagt Sozialabteilungsleiter Helmut Hartmann-
Schmid: „Das Projekt ist ein wichtiger Baustein der Prävention.“

Das sieht auch Angelika Glaschick von Frauen helfen Frauen so. Der Verein, der die Frauenberatungsstelle und das Frauenhaus trägt, hat über den Runden Tisch zu häuslicher Gewalt schon lange eine Beratung für Täter angeregt. Diesen Wunsch äußerten auch immer wieder betroffene Frauen, sagt Glaschick. „Die Beratung für Täter ist ein wichtiges Signal: Sie müssen Verantwortung übernehmen.“ Opfer, die häusliche Gewalt anzeigen, haben oft schon eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Sie hoffen nicht nur auf die Bestrafung der Täter, sagt Johanna Waibel von der Bewährungshilfe Ulm. „Sie wünschen sich auch, dass sich etwas ändert.“

Unterstützt wird das Projekt auch von der Polizei. Das Vorgehen gegen häusliche Gewalt sei „eines der priorisierten Handlungsfelder“ des Ulmer Präsidiums, sagt Michael Kälberer vom Führungs- und Einsatzstab.

„Opferschutz durch Täterarbeit“ ist zunächst auf drei Jahre befristet und konnte durch eine Anschubfinanzierung der Fernsehlotterie eingerichtet werden.

Kommentar über die Arbeit mit Tätern: Signal für die Opfer

Was in den eigenen vier Wänden passiert, ist längst nicht mehr nur privat. Zumindest dann nicht, wenn es sich um häusliche Gewalt handelt. Die Gesellschaft und ihre Institutionen schauen genauer hin, Opfer erhalten Unterstützung, Täter können der Wohnung verwiesen werden – ein wichtiges Signal für die Opfer. Mit den Tätern zu arbeiten und zu versuchen, sie zu einer Änderung ihres Verhaltens zu bewegen, ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.

Es ist mutig von der Ulmer Diakonie, sich dieses Themas anzunehmen. Männer zu beraten, die ihre Frauen verprügeln, sie demütigen oder sexuell missbrauchen, ist sicher keine Arbeit, um die sich Beratungsstellen reißen. Doch sie ist wichtig. Für die Männer, weil sie sich mit ihrem Verhalten auseinandersetzen müssen und lernen können, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Aber auch für die Opfer, die jetzigen und die möglicherweise künftigen.

Doch auch wenn sich einiges getan hat: Viele Betroffene sprechen immer noch nicht über häusliche Gewalt. Der Verein Frauen helfen Frauen schätzt, dass nicht einmal 20 Prozent aller Delikte angezeigt werden. Betroffene schämen sich oder fürchten, die Familie zu zerstören, wenn sie zur Polizei gehen. Dabei muss klar sein: Gewalt, in welcher Form auch immer, geht gar nicht. Egal, ob Männer oder Frauen die Täter sind.

Ein Kommentar von Chirin Kolb.

Fallzahlen Das Polizeipräsidium Ulm hat 2016 in Ulm 101 Straftaten im Bereich häuslicher Gewalt erfasst, im Alb-Donau-Kreis 91. Das ist im Fünf-Jahres-Vergleich der höchste Stand, mit steigender Tendenz in jedem Jahr. Meist handelt es sich um Körperverletzung, in 19 Fällen (Ulm), beziehungsweise 15 (Alb-Donau-Kreis), sogar um gefährliche oder schwere Körperverletzung. Die Polizei geht von deutlich höheren Dunkelziffern aus, weil viele Fälle nicht angezeigt werden.

Täter Die weitaus meisten Tatverdächtigen sind laut Polizeistatistik Männer. Wegen häuslicher Gewalt wurde im vergangenen Jahr aber auch gegen 32 Frauen ermittelt (18 in Ulm, 14 im Alb-Donau-Kreis).

Opfer 191 Menschen waren nach den Zahlen der Polizei 2016 in Ulm und im Alb-Donau-Kreis Opfer von häuslicher Gewalt. Drei Viertel davon sind weiblich.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

FDP-Kandidat Alexander Kulitz löst Ticket in den Bundestag

Über die Landesliste für die FDP in den Bundestag: Alexander Kulitz ist neben Ronja Kemmer (CDU) und Hilde Mattheis (SPD) der lachende Dritte aus Ulm. weiter lesen