Opfer eines Racheakts französischer Soldaten

Wie hängt der Tod zweier Jugendlicher mit der Hinrichtung von Joseph Weiss zusammen? Dass sie irgendwie beteiligt waren, davon ist auszugehen.

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In den letzten Kriegstagen flogen die Alliierten nochmals zwei schwere Angriffe auf den Ulmer Hauptbahnhof. Menschen drangen in die zerstörten Waggons ein und "organisierten" sich dort beispielsweise Filzstiefel. Foto: Stadtarchiv Ulm

Die Geschichte um den Tod von Joseph Weiss kann tragischer nicht sein, sie kann auch spannender kaum sein - weil sich bei den Recherchen zur Ermordung des Zwangsarbeiters schier Unglaubliches ergab. Dass nämlich der Tod des Franzosen in direktem Zusammenhang mit dem Tod zweier Ulmer Jugendlicher steht. Wir schreiben den 27. April 1945: Zwei Tote werden im Hinterhof der Geldschrank-Fabrik Söflingen August Frank, Klingensteiner Straße 57, entdeckt. Der eine ist 15 Jahre alt, der andere 19 Jahre alt. Die beiden waren übelst zugerichtet worden, geschlagen mit Fäusten, getreten mit Schuhen. Der ältere der beiden Jugendlichen starb an einem Schädelbruch, der jüngere war mit einem Kopfschuss hingerichtet worden. Ihre Namen: Johann Bock und Heribert Krautmann.

Was sich die beiden Jugendlichen zuschulde haben kommen lassen, ist unklar. Klar ist laut Augenzeugen aber Folgendes: Am Spätnachmittag des 27. April war ein Jeep der französischen Militärpolizei am Söflinger Gemeindeplatz vorgefahren, die Soldaten fragten nach Bock und Krautmann, die sich, wie sich ein Zeuge erinnert, "arglos meldeten" und in den Jeep einstiegen. Was weiter geschah, lässt sich nicht genau rekonstruieren. Der Jeep soll jedenfalls später wieder am Gemeindeplatz vorgefahren sein, einer der Soldaten sei ausgestiegen und habe den dort sitzenden Jugendlichen gesagt, "sie könnten ihre Kameraden jetzt mit dem Leiterwagen abholen und auf den Friedhof fahren". Zwei weitere Augenzeugen, ehemalige Klassenkameraden von Heribert Krautmann, bestätigten den Vorfall, der später eigenartigerweise nie öffentlich wurde. Selbst Krautmanns Familie wusste auf Nachfrage nichts Näheres - nur, dass die beiden "irgendwelche Dummheiten" gemacht hätten.

Die Motive für den Mord an Bock und Krautmann? Ein Augenzeuge berichtet, dass die beiden Freunde offenbar den französischen Zwangsarbeiter dabei beobachtet hatten, wie er sich nach dem Fliegerangriff auf den Ulmer Hauptbahnhof am 15. April 1945 an den Plünderungen beteiligte - und das Paar Filzstiefel an sich nahm. Damit nicht genug: Bock und Krautmann hätten Joseph Weiss daraufhin bei den Soldaten verpfiffen, die den zerstörten Verpflegungszug zu bewachen hatten. Das ist zumindest eine Version.

Die andere: In französischen Ermittlungsunterlagen zum Tod von Joseph Weiss findet sich zweimal der Hinweis, dass die beiden Jugendlichen direkt an der Exekution beteiligt waren. Laut Jean Tomazzoli, Freund von Weiss, sollen sie seinen Landsmann sogar erhängt haben - deshalb seien die beiden einige Tage später getötet worden. Ob das allerdings der Wahrheit entspricht? Erich Gaiser, der das Exekutionskommando leitete, sagte dagegen aus, dass zwei russische Häftlinge gezwungen worden waren, die Exekution von Weiss vorzunehmen.

Festzuhalten bleibt eines: dass die beiden Jugendlichen Opfer eines Racheakts wurden.

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