Operation Stadtbad

Seit 2001 sitzt die Musikschule der Stadt Ulm in einem Jugendstilhaus am Marktplatz. Bis dahin wurde dort geschwommen: im Ulmer Stadtbad. Jetzt schallen Becken im Becken und Posaunen in den Saunen.

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Von außen hat sich so viel eigentlich gar nicht getan. Aber drinnen ist das Gebäude komplett umgekrempelt worden. Das zeigt dann doch auch gleich der Schriftzug an der Fassade zum Marktplatz hin an. Früher stand dort: Stadtbad. Heute steht dort: Musikschule der Stadt Ulm. In der Tat liegt da, wo einst die Schwimmhalle war, jetzt ein Konzertsaal mit Proberäumen drunter.

So gehört der kapitale Umbau des Stadtbads, wenn auch außenarchitektonisch kaum wahrnehmbar, doch zum Umbau der Neuen Mitte und zum Strukturwandel rund ums Rathaus. Die Musikschule steht in einer Reihe mit der Stadtbibliothek gegenüber, die als Glaspyramide den Umbruch natürlich deutlicher markiert, oder der Kunsthalle Weishaupt oder auch des Stadthauses auf dem nahen Münsterplatz.

Dabei war die Zukunft des alten Bades lange offen. Immer wieder wurde die Schließung aufgeschoben, verschiedene Nutzungen wurden diskutiert, bis 1997 die Idee der Musikschule auftauchte. Gleichzeitig entwickelte sich die Idee eines modernen Erlebnisbades, das 1998 am Donaufreibad als „Atlantis“ eröffnet wurde (heute: Wonnemar). Das Stadtbad schien den Stadträten damit überflüssig, zumal die Besucherzahlen mäßig blieben und eine überfällige Sanierung letztlich auf satte 15 Millionen Mark geschätzt wurde – ohne damit einen Sprung zu neuen Ufern zu machen.

Das sahen Traditionalisten und Genussschwimmer in der Debatte um das Bad freilich ganz anders. Die Wellen schlugen zeitweilig wasserschlachtartig hoch: „Gönner und Stadtrat, soll’n wir sie wählen, dürfen sie uns nicht die Sauna stehlen“, hieß es auf einer Demo vor Stadtbad und Rathaus. Ein eigener Förderverein zur Erhaltung der Badeanstalt wurde gegründet, ein Bürgerentscheid angedroht, aber letztlich half alles nichts: Im Dezember 1998 wurde das Bad dichtgemacht.

Und im Februar 2001 die Musikschule aufmacht. Womit diese städtische Einrichtung endlich ein eigenes zentrales Haus hatte, mit Verwaltungs- und Proberäumen, Konzertsaal und Platz für die Ulmer Knabenmusik (heute: Junge Bläserphilharmonie) im alten Kesselhaus.

Für den Umbau sorgten das Büro Mühlich, Fink und Partner mit dem Bauunternehmen Vogel. Kosten mit Einrichtung: 14 Millionen Mark. Ein paar Monate nach der Eröffnung hatte die Schule dann ihrerseits einen Förderverein, die „Freunde der Musikschule der Stadt Ulm“. Und die Stadt Ulm hatte ein weiteres architektonisches Vorzeigestück.

Das Jugendstilbad wiederum galt einst als schönstes Bad weit und breit. 1918 in Betrieb genommen, im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, beeindruckte es mit seinem imposanten Tonnengewölbe und den großen Stirnfenstern. Im Hallenbad wurden Wasserballspiele ausgetragen, dort trainierten Kanuten und Rettungsschwimmer, es gab sogar mal ein Drei-Meter-Sprungbrett. Unzählige Schüler lernten dort das Schwimmen, Ältere labten sich in den Wannenbädern, holten sich in der medizinischen Abteilung ihre Massagen ab und schwitzten in den irisch-römischen Dampfbädern.

Was den Ulmern dann fürs Badevergnügen blieb, ist neben Freizeitbad und Donaubad das Westbad von 1970, das mit Schließung des Stadtbades 2001 generalsaniert worden ist, für noch mal neun Millionen Mark. Lehrschwimmbecken und Hallenbad des SSV Ulm 1846 kommen bis heute vor allem für den Schulsportbetrieb hinzu.

Manche Ausstattungsstücke des alten Bades haben den Umbau überdauert, Fliesen zum Beispiel und die Handläufe der Treppen. Kleine Reminiszenz in neuer Nutzung an die alte Bestimmung: Auf Ebene 3, wie das heute heißt, gibt es Duschen für „Damen/Herren“ – für den verschwitzten Virtuosen oder Maestro nach dem Konzert.

Außen an der Fassade zum Marktplatz hin hat sich ein anderer Schriftzug übrigens nicht geändert: Früher stand dort: Friseur. Heute steht dort: Friseur. Denn der ist immer noch drin und hat immer noch offen. Die Musikschule aber hat gerade zu. Sommerferien. Bis 11. September.

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