OB Gönner mahnt das Einstehen für Toleranz und Demokratie an

Zum zweiten Mal war Gunter Demnig in Ulm, zum ersten Mal in Neu-Ulm - und der Künstler hatte viele Zuschauer beim Verlegen der Stolpersteine.

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Klezmer – keine andere Musik kann derart klagen und schluchzen. Aber: Keine andere Musik kann im nächsten Moment derart frohlocken. Insofern war der Auftakt am Montagmorgen auf dem Neu-Ulmer Rathausplatz stimmig, als Barbara Noller-Christ und ihr Schüler Daniel Kern ihre Klarinetten zu einem besonderen Gedenken erklingen ließen: der ersten Stolpersteinverlegung in Neu-Ulm. Trauer auf der einen, Freude auf der anderen Seite: Trauer über die Neu-Ulmer Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen – Freude darüber, dass heute, 70 Jahre nach Kriegsende, mit Stolpersteinen an sie erinnert wird. „Die Opfer sollen ihre Namen zurückerhalten“, sagte der Neu-Ulmer Bürgermeister Albert Obert vor rund 100 Menschen und zitierte den Kölner Künstler Gunter Demnig, der die Würfel mit den biografischen Daten der NS-Opfer verlegte: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

Demnig verlegte im Halbstundentakt – vormittags in Neu-Ulm, nachmittags in Ulm. In der Augsburger Straße 34 erinnern seit Montag sechs Steine an die Familie Bissinger, Heinrich Leopold, Berta, Betty, Sofie, Max und Daniel – allesamt 1942 deportiert und im Ghetto Piaski, unweit Lublin, ermordet. Von dort ging es im Bus in die Offenhausener Beethovenstraße 11, wo Felix Karnowski in einer bewegenden Rede seiner Großeltern Jakob und Regina Karnowski gedacht. Der 60-Jährige, der aus dem Kanton Luzern angereist war, dankte der Stadt Neu-Ulm für „diesen Stein wider das Vergessen“. Weitere zwei Stolpersteine wurden für Alfred Neuburger (Schützenstraße 38), ermordet in Auschwitz-Birkenau, und Siegmund Liebermann (Bahnhofstraße 12), gestorben in Theresienstadt, verlegt.

Der Ulmer OB Ivo Gönner nahm im Susoweg die Gelegenheit wahr, um an die Anwesenden zu appellieren, „für Recht und Gerechtigkeit, für Toleranz und Demokratie aufzustehen.“ Dort, im Haus Susoweg 17, hatten Fanny Zürndorfer und ihre Tochter Ruth Waldmann gelebt. Fanny Zürndorfer wurde 1942 in Treblinka ermordet, Ruth überlebte Theresienstadt. Für beiden wurden Steine verlegt. Ruth Waldmanns Enkel Peter sprach von einem „bewegenden Moment. Das bedeutet sehr viel für mich“. Ihn bewege auch die Trauer, was an jüdischem Leben in Ulm verloren gegangen sei.

Gunter Demnig verlegte Stolpersteine in der Neuen Straße 32 für Mathilde Fischer und in der Küfergasse 1 für Bertha Rabausch. Beide waren im Rahmen der Aktion T4 ermordet worden. Vor dem ehemaligen Militärarresthaus in der Frauenstraße 134 ließ der Kölner Künstler weitere sechs dieser dezentralen Mahnmale in den Bürgersteig. Dort waren Reinhold Bürkle, Jakob Eckstein, Kurt Henne, Richard Stemmle, Karl Westerich und Curt Erich Riesterer inhaftiert, weil sie von der Wehrmacht desertiert waren. Karl Westerich wurde vom Feldkriegsgericht, dem Oberfeldrichter Hermann Bames als Verhandlungsleiter vorsaß, wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode verurteilt. Vollstreckt wurde dieses Urteil und die Urteile der anderen auf dem Schießstand im Lehrer Tal.

Felix Karnowski: Wut, Schrecken und Schmerz

Meine Großeltern Jakob und Regina Karnowski mussten damals ihre Heimat Polen verlassen und haben hier in Neu-Ulm eine neue Existenz aufgebaut. Sie haben sich hier am Leben beteiligt, haben geholfen, Arbeitsplätze zu schaffen - sie haben eine Familie gegründet und eine zweite Heimat gefunden. Ihre Würde, ihre Achtung und ihre vielfältigen Beziehungen wurden ihnen durch Nazi-Deutschland genommen. Ihren einzig überlebenden Sohn Max, meinen Vater, hat man ihnen mit der Deportation entrissen. Ein bizarres Bild, behaftet mich mit Schrecken, Schmerz, verbunden mit Wut.

Nun, Jahrzehnte später, ist heute derselbe Staat Deutschland, den meine Großeltern mitgeprägt haben, der Staat der ihnen alles genommen hat, zur Besinnung gekommen, und ehrt sie mit einem Stein wider das Vergessen . . .

Meine Tante, die all das, was Nazi-Deutschland angerichtet hat, am eigenen Leib erfahren hat, ist mitgekommen, da ziehe ich den Hut, denn ich weiß um ihre Angst vor der Verfolgung. Die Angst sitzt bei ihr heute noch unauslöschlich tief. Durch die akribischen Nachforschungen der Gruppe um Hans Peter Hartmann herum haben auch wir unsere Geschichte nochmals aufgerollt, Schmerzliches und Erfreuliches ist hochgekommen. Mein Großvater Jakob und seine Frau Regina haben hier in Ulm das wirtschaftliche Leben mitgeprägt. Regina ist während der Deportation im Bahnwagen vor dem Ziel in Polen verstorben, offiziell soll sie aber nach meinem Großvater im Ghetto in Lodz verstorben sein. Der Großvater ist an einem Magenleiden im Lazarett im Ghetto 1942 umgekommen . . .

Die Nazi-Zeit ist meinem Vater an die Nieren gegangen. Er ist schon im Alter von 50 Jahren an einem Nierenleiden verstorben. Es hat ihn immer wieder schmerzlich betroffen gemacht, dass er aus seiner Familie alleine überleben konnte. Nichts ist geblieben von seinen Eltern - nicht einmal ein Bild von ihnen. Schön, dass ab heute ein Stolperstein in der Beethovenstraße 11 an meine Vorfahren und an die Juden erinnert."

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