Daimler produziert nur noch Reisebusse in Neu-Ulm

Daimler ordnet seine Produktion neu, um Kosten zu sparen. Betroffen ist auch der Standort in Neu-Ulm.

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Ein Setra-Omnibus wird im Werk Neu-Ulm nach der Lackierung nochmal aufbereitet. In Zukunft sollen verstärkt Teilsätze vorlackiert und erst am Montageband eingebaut werden.  Foto: 

Daimler ordnet die Produktion von Omnibussen neu und verlangt dabei Zugeständnisse von der Belegschaft an den inländischen Standorten Neu-Ulm und Mannheim. Eine entsprechende Vereinbarung zum „Zielbild Produktion“ (wir berichteten) wurde nun mit dem Betriebsrat unterzeichnet. Der Konzern sichert als Gegenleistung Werksinvestitionen in Höhe von 140 Millionen Euro und eine Beschäftigungssicherung mit Verzicht auf Kündigungen bis Ende 2024 zu. Das berichtete am Dienstag Daimler-Buschef Hartmut Schick. Die Vereinbarung ist nach seinen Worten ein „entscheidender Meilenstein für die Zukunft“ des Konzern-Geschäftsfelds Omnibusse. Es gehe darum, in guten Zeiten die Weichen für die Standorte zu stellen und sie so wetterfest zu machen.

Das neue Zielbild bedeutet auch die Auflösung des noch unter Schicks Vorgänger Harald Landmann entstandenen Produktionsverbunds von Neu-Ulm und Mannheim. Das Werk Neu-Ulm, das nun das „Kompetenzzentrum Reisebusse“ darstellt, kann keine Stadtbusse aus Mannheim mehr fertigen, um so Schwächephasen ausgleichen. Zudem werden die Mannheimer Stadtbusse nicht mehr komplett in Neu-Ulm lackiert, sondern als Teilesätze. Damit soll das aufwendige Hin- und Herschicken von jährlich rund 3000 Bussen zwischen den zwei Standorten aufhören, sagte Produktionschef Marcus Nicolai.

Ausgleich aus der Türkei

Mannheim verliert allerdings den Karosseriebau für die Reisebusse nach Tschechien, so dass der Standort einen gewissen Ausgleich brauchte. Der Ausgleich für Neu-Ulm soll aus der Türkei kommen, wie Betriebsratsvorsitzender Friedrich Beck bei einer Telefonkonferenz bestätigte. Bei Auslastungsproblemen könnten einzelne Bustypen – damit dürften die Niederflur-Fahrzeuge gemeint sein – wieder in Neu-Ulm statt der Türkei gefertigt werden. Für ihn sei als Verhandlungsergebnis entscheidend, dass der Standort auf Basis der 35-Stunden-Woche für die nächsten zwei Jahre ausgelastet ist. Wie berichtet, hatten die Zielbild-Verhandlungen in der Neu-Ulmer Evobus-Belegschaft für Unruhe gesorgt, zumal das Werk im Herbst wegen fehlender Stückzahlen an etlichen Arbeitstagen geschlossen ist. Auch 300 Leiharbeiter müssen gehen, so dass sich die Belegschaft bei rund 3600 Stammkräften einpendeln dürfte.

Schick machte dazu keine Angaben. Allerdings ist klar, dass auch in Mannheim etwa 400 von 3400 Arbeitsplätzen verlorengehen, obwohl dort vom nächsten Jahr an als Zukunftsprodukt die E-Busse gefertigt werden. Schick betonte freilich, dass Neu-Ulm bei den neuen Technologien nicht abgehängt wird. Demnach soll das Thema autonomes Fahren mit Assistenz- und Sicherheitssystemen hier angesiedelt werden.

Lackierung läuft „offline“

Der Konzern hält derweil an seinem Vorhaben fest, die Produktion von Setra- und Mercedes-Reisebussen im Starkfeld mit nur noch einer einzigen Montagelinie abzuwickeln. Dies umfasse auch die Bremsprüfung und Achsvermessung und ermögliche den Verzicht auf weitere separate Arbeitsstationen. Betroffene Mitarbeiter von Evobus an der neuen Produktionslinie hatten jedoch zuletzt von einem erheblichen Druck und einer entsprechend höheren Fehlerquote berichtet. Schick stellte dies in Abrede. Zuvor hatte es noch eine zweite Linie als Puffer gegeben. Nun werden auch die Arbeitsgruppen neu zusammengewürfelt.

Produktionschef Nicolai sieht die Perspektiven für den Standort gleichwohl positiv, auch für die bisherige Zentrallackierung der Karossen: „Das wird ausgebaut.“ Das neue Verfahren nennt sich „Offline“. Die Busse fahren nicht mehr in die Lackieranlage, vielmehr werden Karosserie-Teile separat lackiert und dann eingebaut. Dies erspare auch ständige Reinigungsvorgänge, die beim Bahntransport angefallen seien.

Das Management von Daimler Buses legt bei solchen Gelegenheiten stets Wert auf die Feststellung, dass Daimler als einziger Bushersteller noch im Inland produziert. Schick sagte, man sei sich im Konzern der sozialen und wirtschaftlichen Verantwortung bewusst. Nun müssten die Standorte aber fit gemacht werden.

Sparprogramm Die Zielvereinbarung zur Produktion ist ein Effizienzprogramm, mit dem Daimler nennenswerte Einsparungen erzielen will. Es war schon – unbestätigt – von 20 Prozent die Rede. Der Konzern investiert jedoch 340 Millionen Euro: 140 in die Standorte, 200 in neue Technologien.

Zukunft Für die Zukunftsthemen gibt es eine CASE-Strategie. Es geht demnach um die Themen Vernetzung (Connected), autonomes Fahren (Autonomous), flexible Nutzung (Shared Services) und elektrische Antriebe (Electric). Ein wesentlicher Aspekt  sind dabei neue Elektro-Busse.

Elektro Daimler-Bus­chef Schick glaubt, dass bis 2030 etwa 70 Prozent der Stadtbusse elektrisch fahren. Diesel-Antriebe würden gleichwohl auf längere Zeit noch eine Rolle spielen. So bleibt auch unklar, wie Setra-Reisebusse mit hohen Laufleistungen auf E umgestellt werden sollen.

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Kommentare

27.09.2017 13:06 Uhr

Antwort auf „Nicht gebannte Risiken einer existenziellen Krise bei der EvoBus GmbH”

Vor allem dann, wenn Teile der Belegschaft, und seien sie noch so klein, illegitim vereint mit manchen Kreisen der regional ansässigen Bevölkerung an längst überkommenen Formen der Rationalisierung festhalten, werden die zukunftsweisend zu erbringenden Arbeitsleistungen schon heute unmöglich. Insofern steht im Zentrum der Vereinbarung zum "Zielbild Produktion" die Frage, wer die Macht im Unternehmen besitzt. Ohne eine Antwort darauf scheitert das Vorhaben, die notwendige Effizienz des Ressourceneinsatzes zu gewährleisten, von vornherein. Der Daimler AG, deren Tochter die EvoBus GmbH ist, steht vermutlich das Beispiel der Volkswagen AG vor Augen, die zwar im Zuge einer "autoritativen Setzung" (D'Alessio et al., 2000: 11) am Anfang der 1990er Jahre alles richtig gemacht hat, aber inzwischen massive Widerstände gewärtigen muss, weil kaum ein Dutzend der dortigen Betriebsangehörigen in der jüngsten Vergangenheit nicht auf der Höhe der Zeit agierte. Gemessen daran, genügt im Neu-Ulmer EvoBus-Werk die geringste Abweichung, um den ganzen Konzern in äußerste Bedrängnis zu bringen. Nähme daher insbesondere die Bevölkerung der hiesigen Region den vom Souverän ohnehin unabweisbar gebotenen Abstand von derlei Unfug, entspannte sich die Situation zusehends und die Fehlertoleranz wäre weniger streng gefasst. Es müsste nicht gleich der erste Schuss sitzen, um es in den Worten von Michael Brecht dem Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates zu sagen.

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27.09.2017 10:14 Uhr

Nicht gebannte Risiken einer existenziellen Krise bei der EvoBus GmbH

Investitionen der EvoBus GmbH in Höhe von € 140 Mio. insgesamt für beide Werke in Mannheim und Neu-Ulm ergeben rechnerisch bei der gegenwärtigen Belegschaftsstärke ein Volumen von € 20.000 pro Kopf. Gibt es keinen ROI (return on investment) in mindestens derselben Größenordnung, ist der im Gegenzug vom Arbeitgeber bis ins Jahr 2024 zugesagte Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen schon gefährdet. Bei einer Laufzeit der Betriebsvereinbarung von 6 Jahren sind demnach spätestens mit Beginn des kommenden Jahres pro Kopf und Jahr rund € 3.333 zusätzlich zu erwirtschaften. Um abschätzen zu können, ob solch ein Ziel tatsächlich erreichbar ist, hätte das Unternehmen wenigstens sich dazu äußern müssen, was ansonsten an Rendite ohne die besagte Maßnahme von ihm erwartet wird. Liegt dort gleichsam die Messlatte bereits hoch auf, könnten die nunmehr darüber hinaus zu erbringenden Arbeitsleistungen im Bereich des Unmöglichen verortet sein. Der Produktionsverbund zwischen den beiden Werken würde dann in eine tiefe existenzielle Krise stürzen. Die dementsprechenden Risiken sind somit längst nicht gebannt.

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