Nokia schließt Standort Ulm

Nokia schließt das Forschungszentrum im Science Park II. Dabei gehen 730 Arbeitsplätze verloren. OB Gönner nennt dies eine schwerwiegende Fehlentscheidung. Die IHK spricht von einem harten Schlag für Ulm.

|
Nokia in Ulm schließt.  Foto: 

Der angeschlagene finnische Handy-Produzent Nokia schließt sein Forschungszentrum in Ulm mit 730 Mitarbeitern. Alle Arbeitsplätze gehen verloren. Die internationale Belegschaft wurde gestern vom Management über die anscheinend erst am Dienstag gefallene Entscheidung zum Aus für den Standorts im Science Park II informiert.

Die Entwicklungsmannschaft habe die Nachricht „professionell und gefasst“ aufgenommen, sagte Nokia-Sprecher Benjamin Lampe, der sich in Ulm aufhielt. Der Standort soll bis 30. September geschlossen werden. Darüber verhandelt Nokia nun mit dem Ulmer Betriebsrat. Der war gestern allerdings nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Weder telefonisch, noch per Mail noch per Fax. Die Ulmer Telefonzentrale des Kommunikationskonzerns stellt nämlich Presseanrufe nicht ins Betriebsratsbüro durch und gibt auch keine Durchwahlnummern heraus. Anfragen müssten in Form eines Fax gestellt werden, lässt Nokia ausrichten. Die Fax-Anfrage blieb bis Redaktionsschluss allerdings unbeantwortet. Unterdessen lässt der Betriebsratsvorsitzende Heiner Mosbacher über die IG Metall mitteilen: „Wir alle stehen unter einem Schock. Für uns alle ist das ein Schlag ins Gesicht.“

Nokia hatte bis zuletzt beteuert, an dem Entwicklungs- und Testzentrum für einfachere Handys in Ulm festhalten zu wollen. In den vergangenen Monaten habe sich die Marktlage aber „dramatisch“ verändert, sagte Lampe. Nokia habe im ersten Quartal vor dem Hintergrund eines Umsatzeinbruchs um fast ein Drittel einen operativen Verlust von einer Milliarde Euro erlitten. Daher konzentriere man alle Aktivitäten auf das neue Smartphone Lumia und ortsbezogene Internetdienste. Das Forschungszentrum in Ulm habe sich jedoch mit „einfachen Produkten“ befasst. Es war die Rede davon, dass dort günstige internetfähige Handys für ärmere Länder entwickelt werden sollen. Es sollte darum gehen, das Internet für die „nächste Milliarde Menschen“ per Mobilfunk erschließbar zu machen.

Nokia ist am Standort Ulm stetig gewachsen und musste die Mitarbeiter des Entwicklungszentrums ins benachbarte Passivhaus Energon sowie ein kleines Containerdorf auslagern. Angesichts dessen gab es Pläne, den Standort mit einem großzügigen Erweiterungsbau zu vergrößern. Diese Pläne wurden anscheinend kurzfristig erst vor wenigen Wochen auf Eis gelegt.

Eigentümer des Nokia-Gebäudes wie auch des Energon und des dazugehörigen Parkhauses ist die Software AG Stiftung. Mit Nokia besteht nach Informationen von Kennern ein langfristiger Mietvertrag. Die Entscheidung über die Schließung fiel offenbar so kurzfristig, dass noch zum Monatsanfang neue Mitarbeiter – etwa aus Osteuropa – bei Nokia in Ulm eine neue Stelle antraten. Bei der Versammlung (siehe nebenstehenden Bericht) war offenbar vage von Hilfestellungen für die betroffenen Mitarbeiter die Rede.

Maßlos enttäuscht und auch verärgert ist der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner. Der Sozialdemokrat sagte, Nokia begehe einen schweren strategischen Fehler. Ein intaktes Forschungszentrum, das gut mit der universitären Grundlagenforschung zusammenarbeite, werde von einer fernab agierenden Konzernleitung der aktuellen Börsennotierung geopfert. „Man streicht weltweit mal 10 000 Stellen, damit der Aktienkurs wieder steigt.“

Nokia sei dabei, seinen Ruf zu verspielen. „Bochum oder Cluj in Rumänien, mal eröffnen, mal zumachen – eine solche Geschäftspolitik ist nicht sehr imagefördernd.“ Der OB glaubt, dass das hochqualifiziertes Personal rasch andere Stellen finden wird. Bei 700 der 730 Beschäftigten handle es sich um hochqualifizierte und mobile Ingenieure, Forscher und Entwickler, die seinen Informationen zufolge aus 30 verschiedenen Nationen kommen.

Für die Wissenschaftsstadt sei das Nokia-Ende in Ulm nach 18 Jahren freilich ein herber Schlag. „Es bestätigt mich in meiner leider oft nicht gern gehörten Haltung: maßhalten, maßhalten, maßhalten. Nichts ist von ewiger Dauer.“ Der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir findet es „unerträglich“, wie Nokia Politikern lapidar in einem Fax die Standortschließung bekannt gemacht habe. IHK-Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle bezeichnet die Schließung von Nokia als „harten Schlag für Ulm und für die Mitarbeiter“. Es handle sich um hochspezialisierte Fachleute, für die es in der Region Ulm vermutlich nur begrenzte Beschäftigungsmöglichkeiten gebe.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Zwölf Namen für die neuen Ulmer Straßenbahnwagen

Die neuen Straßenbahnwagen der Linie 2 werden nach Männern und Frauen benannt, die mit Ulm in Verbindung stehen. So war es auch schon beim Combino. weiter lesen