Neurowissenschaftler untersuchen Risikoverhalten junger Radfahrer

Pubertät, Übermut, mangelnde Erfahrung? Warum bauen junge Fahrradfahrer so viele Unfälle? Eine Uni-Studie soll den Ursachen auf den Grund gehen. Ziel ist ein Trainingsprogramm für Risikoradler.

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Die Daten des Statistischen Bundesamtes lassen aufhorchen. Etwa 40 Prozent aller Kinderverkehrsunfälle passieren beim Fahrradfahren. Logisch, mag man sagen, es ist ja auch deren Hauptfortbewegungsmittel. Doch ein genauer Blick auf die Zahlen offenbart deutliche Unterschiede in den Altersgruppen. Haben 6- bis- 10-Jährige einen Verkehrsunfall, spielt das Rad in 25 Prozent der Fälle eine Rolle. Bei den 10 bis 15-Jährigen dagegen ist jeder zweite Unfall ein Radunfall, wobei es besonders oft Jungs erwischt. Ab einem Alter von 15 sinken die Zahlen wieder.

Warum das so ist, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Bekannt ist, dass Heranwachsende risikobereiter werden, speziell Jungs auch zu Imponiergehabe neigen, schnell ablenkbar sind. Ebenfalls nicht von der Hand zu weisen ist die Annahme, dass Über-Zehnjährige öfter Fahrradfahren als kleinere Kinder, dann nicht mehr das Trottoir, sondern die Straße benutzen, aber wenig Erfahrung mit Straßenverkehr haben.

Andererseits: Müsste nicht gerade nach der Fahrradprüfung, die jeder Schüler in der vierten Klasse ablegt, das Bewusstsein für Gefahren steigen beziehungsweise die Fahrsicherheit zunehmen? Oder aber ist die Prüfung vielleicht sogar kontraproduktiv, weil Kinder sich nach bestandener Prüfung in falscher Sicherheit wiegen?

"Es gibt viele Vermutungen. Wissenschaftlich auf den Grund gegangen ist der Problematik bisher aber niemand", sagt Wiebke Evers vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm (ZNL).

Das soll sich durch das ZNL-Projekt "Yolo" ändern. Die Abkürzung steht für den englischen Spruch "You only live once" (Du lebst nur einmal). Gefördert von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) sollen die vier ZNL-Projektmitarbeiter ein Trainingskonzept für Kinder und Jugendliche erarbeiten, das deren Selbststeuerungskompetenz stärkt und sie somit weniger anfällig für Unfälle macht.

Erste Phase, Start im Herbst 2014, ist eine Online-Befragung von etwa 1000 Schülern. Die Teilnehmer kommen aus der ganzen Republik, sagt Wiebke Evers, alle Schultypen von der Hauptschule bis zum Gymnasium sind mit von der Partie. "Für die Befragung wurden insbesondere Schulen ausgewählt, die sich in Gegenden befinden, in denen die Zahl der Radunfälle besonders hoch ist." Etwa 50 Fragen testen die individuelle Risikobereitschaft ab ("Würde es Dir Spaß machen, mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug zu springen?!"), beleuchten die jeweilige Frustrationstoleranz ("Wenn ich einen Fehler gemacht habe, beschäftigt mich das den ganzen Tag") oder fragen Erinnerungen an konkrete Unfallereignisse oder Gefahrensituationen ab.

Nach der Auswertung, für die mehrere Monate veranschlagt sind, wollen die ZNL-Projektmitarbeiter dann ein Schulungsprogramm entwickeln, das auf drei Monate Dauer angelegt ist und im Idealfall Teil des regulären Schulunterrichts in der Sekundarstufe I werden soll.

Wie so ein Training aussehen könnte? "Es wird eine Mischung aus Theorie und Praxis sein", sagt Evers. Gedacht ist an Training an einem Fahrradsimulator oder an Begegnungen mit erprobten Mountainbikern, die risikoreich fahren, aber die Situation im Griff haben.

Auch Erkenntnisse aus der Hirnforschung will man den Schülern nahebringen, konkret: Wie sich das Gehirn in der Pubertät entwickelt. So sei wissenschaftlich erwiesen, dass bei Versuchsreihen am Autosimulator bei Erwachsenen vor allem der präfrontale Cortex verstärkt Aktivität zeigt - jener Teil des Gehirns, der Emotionen kontrolliert. Bei Jugendlichen dagegen ist vor allem das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert - jenes System, dass einem einen "Kick" verschafft. Angst einjagen will man den Kindern nicht, Stubenhocker heranzuzüchten sei ausdrücklich kein Ziel der Studie. Evers: "Wir wollen vermitteln: Fallschirmspringen ist schön, aber bitte die Reißleine ziehen."

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