Neuer Erster Bürgermeister Bendel: Tag eins im Ulmer Stil

Martin Bendel ist seit 1. Juli neuer Ulmer Finanzbürgermeister. Die Stadt gab einen Empfang – ganz im Ulmer Stil. Mit Brezeln.

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Der neue Ulmer Finanzbürgermeister Martin Bendel (links) mit seinem Vorgänger OB Gunter Czisch und mit Alfred Katz, dem Vorgänger Czischs.  Foto: 

Es gibt Leute, die behaupten, die Ulm schwimmen im Geld. Fakt ist, dass es der Stadt seit Jahren gut geht. Sonst könnte sie sich kaum millionenschwere Projekte wie den Straßenbahnbau oder eine Tiefgarage vor dem Hauptbahnhof leisten. Das heißt aber noch lange nicht, dass deswegen die alten Prinzipien der schwäbischen Sparsamkeit aufgegeben werden.  Einen Eindruck davon bekam gleich an seinem ersten Arbeitstag derjenige, der nun der Herr über die Stadtfinanzen ist.

Obwohl sich zum Empfang für den neuen Ersten Bürgermeister Martin Bendel eine durchaus illustre Gästeschar aus Stadträten, Wegbegleitern wie der eben im Amt bestätigte Leutkircher OB Hans-Jörg Henle, Bendels Eltern und Geschwister  im Rathaus eingefunden hatten, wurden zu Getränken Brezeln serviert. Butterbeschmiert immerhin, aber ganz nach Ulmer Sitte: Nur nicht aufhausig tun.

„Sie glauben gar nicht, wie ich mich freue, dass Sie endlich da sind“, grüßte der Vorgänger in Bendels Amt, Oberbürgermeister Gunter Czisch, den Nachfolger. Für Czisch hat die Monate währende Doppelrolle und zeitliche Belastung als Stadtoberhaupt und Finanzbürgermeister nunmehr ein Ende. Bendel trete im richtigen Moment an: Der Juli  ist nicht nur traditionsgemäß der Ulmer Festmonat. In der Juli-Sitzung werden auch immer die Eckdaten für den Haushalt des kommenden Jahres festgeklopft. Ohnehin stehe vor dem Hintergrund großer Aufgaben wie des Sedelhöfe-Closings eine ambitionierte Gemeinderatssitzung ins Haus, kündigte Czisch an, der Bendel prophezeite: „Zwei Jahre werden Sie brauchen, bis Sie die Stadt kennen.“

Der Neue, 1973 geboren in Riedlingen, verheiratet, drei Kinder, klassische Verwaltungsausbildung und Rechtsstudium im Rücken, kommt aus Leutkirch. Dort war er nach Stationen in Kommunen und im Innenministerium 2009 zum Ersten Beigeordneten gewählt worden. Auf eine Prinzipien- oder Regierungserklärung verzichtete Martin Bendel an seinem ersten Arbeitstag. Vielmehr übte er sich in Komplimenten an die Stadt. Der alte Spruch, nach dem Ulmer Geld die Welt regiere, finde Fortsetzung im ehrgeizigen  Bemühen, vorneweg zu  marschieren. Das gelinge auch, beispielsweise als Wirtschafts- oder Wissenschaftsstandort.

In Manier von Fußball-Bundestrainer Joachim Löw versprach der im März  durch den Gemeinderat gewählte Bendel Tatkraft, Weitsicht, Fleiß – kurzum: „höchschde Einsatzbereitschaft“. Denn:  Als er vor 23 Jahren seine Ausbildung zum Verwaltungsdienst antrat, „hätte ich mir nie träumen lasen, einmal Erster Bürgermeister der Stadt Ulm zu werden“. Seit Freitag ist er es.

Das Quartett ist komplett

Der Neue ist da, und damit ist die Ulmer Stadtspitze wieder komplett. Am Freitag ist Finanzbürgermeister Martin Bendel in die Dienste der Stadt getreten. Der 42-Jährige wechselt von Leutkirch, also aus der beschaulichen Provinz des Allgäus, ins sechs Mal größere Ulm. In eine Stadt, die noch vor Finanzkraft strotzt. Die sich aber derart viel vorgenommen hat, dass dem neuen Kämmerer erst mal nichts anderes übrig bleiben wird, als darauf zu achten, dass die Finanzen nicht aus dem Ruder laufen. Bendel wird eines können müssen: Neinsagen.

Den Vorschusslorbeeren zufolge wird er den Umstieg vom kleinen Leutkirch ins größere Ulm fachlich lässig bewältigen. Auch die Kunst des Abwehrens von Begehrlichkeiten aus dem Gemeinderat  dürfte er beherrschen. Schließlich bringt Bendel ein gerüttelt Maß an Erfahrung im Krisenmanagement mit. Musste Leutkirch vor drei Jahren doch den für die Stadt schmerzlichen Verlust des Wegzugs des Verlags der Schwäbischen Zeitung nach Ravensburg hinnehmen.

Bendel ist, was von dem Nachfolger des zum  Oberbürgermeister avcancierten Gunter Czisch erwartet wird:  ein Fachmann durch und durch in Kommunalfinanzen und interner -aufsicht. Verwaltungen ticken überall gleich. Aber eben auch überall anders. Der Neue komplettiert eine durch ihn vollends gänzlich  runderneuerte Stadtspitze. Erst Iris Mann für Sabine Mayer-Dölle. Dann Tim von Winning für Alexander Wetzig. Auf den Wechsel im OB-Amt von Ivo Gönner zu Czisch folgt jetzt Bendel als Nachfolger Czischs. Eine Zäsur, gewiss. Aber eine, die unspektakulär verlief. Diese vier sind auf Jahre gewählt – und dazu verdammt, es auch miteinander zu können.

Denn Teamgeist, gekoppelt mit Grundvertrauen zueinander und Vertrauen in die Kompetenzen der Anderen, ist eines der Erfolgsgeheimnisse, seit Ivo Gönner 1992 OB geworden war. Abgesehen von kleinen Schrammen – etwa 2012 der Abwahl Sabine Mayer-Dölles – ist die Stadt ohne große Blessuren durch die Jahre gekommen; vor allem ohne Skandale. In dieser Zeit ist Ulm als Standort im Land vom Tabellenende in die Spitzengruppe vorgestoßen. Ein Stadtregiment, das Verlässlichkeit, Solidität, Kontinuität ausstrahlt hat ebenso  Anteil daran wie der Umstand, dass Sozialdemokrat Gönner seinerzeit aufbauen konnte auf das Fundament, das Christdemokrat Ernst Ludwig gelegt hatte.

Die Parteifarbe hat im Ulmer Rathaus nie eine große Rolle gespielt. Ihr Bedeutung schwindet weiter – parallel zur beängstigenden Schwindsucht der Volksparteien. Alle Dezernenten sind nun parteilos (was nicht farblos heißen muss). Dies ist für den  neuen Ersten Bürgermeister von Belang, weil die letzte Dezernentenwahl nach altem Partei-Strickmuster 16 Jahre her ist. CDU und FWG drückten den Christdemokraten Czisch durch – gegen den Willen des Sozialdemokraten Gönner. Niemand konnte ahnen, dass zwischen beiden ein zwar nicht unbedingt inniges persönliches Verhältnis entstehen würde – das distanzierte Sie hielt bis zu Gönners letztem Amtstag.  Dafür aber herrschte von Dienst wegen eine höchst vertrauensvolle, effektive Beziehung. Mit Baubürgermeister Alexander Wetzig bildete sich ein trigeniales Gespann heraus. Durch  Iris Mann ist daraus ein Quartett geworden.

Martin Bendel ist jetzt einer dieser vier.

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