Neu-Ulms Oberbürgermeister Noerenberg spricht über seinen Führungsstil

Am 16. März nächsten Jahres tritt Gerold Noerenberg (CSU) zum dritten Mal bei einer OB-Wahl in Neu-Ulm an. Im Interview spricht er über seinen Führungsstil im Rathaus und seine kommunalpolitischen Ziele. Ein Interview

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"Ich bin nicht auf Krawall gebürstet". OB Gerold Noerenberg beschreibt sich manchmal als ungeduldig. Und er sei ein Perfektionist.  Foto: 

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Nominierungsergebnis von 97,1 Prozent am vergangenen Donnerstag?
GEROLD NOERENBERG: Mein Wunsch war, nicht schlechter zu sein als der Parteivorsitzende. Und der hatte 95 Prozent.

Dann können Sie jetzt ja Parteivorsitzender werden?
NOERENBERG: Ich glaube nicht, dass ich das anstrebe.

Viele waren über Walter Feucht als Gastredner bei Ihrer Nominierung überrascht. Der eckt mit seiner Meinung mitunter an. Was haben Sie sich von ihm versprochen? Ist das ein Seelenverwandter von Ihnen?
NOERENBERG: Ob er ein Seelenverwandter von mir ist, müssen andere beurteilen. Was ist eigentlich so schlimm dran, wenn man seine Meinung sagt? Er hatte mir in einem Gespräch signalisiert, dass er bereit wäre, mich zu unterstützen. Und da fand ich es einfach spannend, in so einer Versammlung nicht irgend einen Politiker reden zu lassen, sondern einmal jemand anderes.

Im Stadtrat werfen Ihnen auch parteipolitische Freunde einen rüden Umgangston vor. Ihre Kontrahenten wollen einen anderen Politikstil einbringen. Gibt Ihnen das zu denken?
NOERENBERG: Nein, jeder ist so wie er ist. Wenn das das größte Problem Neu-Ulms ist, dann sind wir auf einer Insel der Glückseligen.

Sie haben Stadtratssitzungen zuweilen im Stil einer Gerichtsverhandlung geführt. Stadträte mutmaßten, sie säßen auf der Anklagebank. Zuletzt sind Sie geduldiger aufgetreten. Haben Sie dazugelernt? Oder ist das dem Wahlkampf geschuldet?
NOERENBERG: Wenn Sie mir unterstellen, dass ich auf Krawall gebürstet bin, dann bin ich das sicher nicht. Ich reagiere einfach allergisch darauf, wenn unehrlich argumentiert wird. Zum Beispiel, wenn ein Stadtrat vergisst, dass er drei Wochen zuvor was ganz anderes beschlossen hat und dann mit irgendwelchen Argumenten kommt, um eine Kehrtwendung zu vollziehen.

Würden Sie sich als OB mitunter einen anderen Stadtrat wünschen?
NOERENBERG: Sagen wir mal so: Ich habe mit Sicherheit eine andere Sicht der Dinge als andere Oberbürgermeister, weil ich aus der Mitte des Stadtrats komme. Und deshalb hoffe ich immer, dass der Stadtrat sich stark und souverän darstellt.

Sind Sie ein guter Chef?
NOERENBERG: Ich glaube, ich bin kein schlechter Chef. Jeder kann zu mir kommen und bekommt relativ schnell einen Termin. Und es gibt keine Themen, die man mit mir nicht besprechen kann. Ich lege großen Wert darauf, dass mit die Mitarbeiter ihre Meinung sagen. Ich kann mich auch durchaus entschuldigen, wenn ich daneben liege.

Wie würden Sie Ihre Stärken als Oberbürgermeister bezeichnen?
NOERENBERG: Das ist schwierig. Meine Frau sagt: Freu’ Dich doch, wenn etwas gut gegangen ist. Aber da bin ich viel zu selbstkritisch. Ich bin leidenschaftlich.

Und was wären Ihre Schwächen?
NOERENBERG: Jeder Mensch hat Schwächen. Ich bin jemand, der schnell entscheidet, der manchmal auch ungeduldig wird. Manchmal bin ich auch ein Perfektionist.

Wie gefährlich wird Ihnen der Gegenkandidat Detlef Kröger?
NOERENBERG: Weiß ich nicht. Das müssen Sie die Wähler fragen. Ich werde meinen Wahlkampf machen. So gut müssten Sie mich kennen, dass ich mich nicht an jemandem anderes orientiere.

Und wie sehen Sie Stephan Salzmann, den Dritten im Bunde?
NOERENBERG: Den kenne ich seit Jahren von WIN (die Interessengemeinschaft Wir in Neu-Ulm, d. Red.) her. Wir sind einmal im Vierteljahr bei Gesprächen zusammen. Ich konzentriere mich nicht auf die Gegenkandidaten, sondern ich versuche, mein Ding zu machen.

Was ist denn Ihr Ding?
NOERENBERG: Die Themen der Stadtentwicklung voranbringen. Und einen Weg finden, wie wir unsere Bürger mehr einbinden können. Und das schon am Beginn einer Meinungsbildung. Mein Traum wäre es, wenn sich ein Ludwigsfelder auch für Pfuhler Probleme interessieren würde und umgekehrt. Das ist ein Idealbild, und das werden wir nicht erreichen.

Sie wollen nach den Investitionen in Stein und der enormen baulichen Entwicklung Neu-Ulms auch in Menschen investieren. Das haben Sie bei Ihrer Nominierung gesagt. Was stellen Sie sich dabei vor?
NOERENBERG: Wir haben viel Bürgerbeteiligung versucht. Aber oft ist es am Ende nicht eine Bürgerbeteiligung, sondern eine Betroffenenbeteiligung geworden. Das ist schwierig, weil es sich meistens um Gegner eines Projekts handelt. Wir müssen besser miteinander reden. Im Sozialen läuft vieles schon ganz gut.

Es gibt keinen mittelalterlichen Weihnachtsmarkt, keinen Winterzauber mehr. Werden in Neu-Ulm abends wieder die Gehsteige nach oben geklappt?
NOERENBERG: Unsere Gesellschaft setzt stark auf ein kurzes Gedächtnis. Kein Mensch erinnert sich mehr an die Beschwerden, die wir hatten. Die Anwohner haben uns Briefe geschrieben, es sei zu laut, zu dreckig. Jetzt ist das Bedauern da. Ich will eine qualitativ hochwertige Innenstadt-Belebung.

Was wäre für Sie eine hochwertige Innenstadt-Belebung?
NOERENBERG: Wir haben eine Reihe von hochwertigen gastronomischen Betrieben. Es wäre ganz nett, wenn wir etwas weniger Mainstream hätten. Aber ansonsten sehe ich die Situation in der Innenstadt nicht so dramatisch. Es spielt sich in Neu-Ulm sehr viel draußen ab.

Was denn?
NOERENBERG: Wir haben mit dem Jazz in der Caponniere einen wesentlichen Schritt gemacht, etwas anzubieten. Das verträgt sich mit der Wohnbebauung. Wir haben über den Schwal diskutiert. Da war der Stadtrat der Meinung, es soll ein Ort der Ruhe bleiben. Ich hatte das etwas anders gesehen.

Wie denn?
NOERENBERG: Ich hätte mir vorstellen können, dass dort der Mittelaltermarkt draufpasst.

Einmalig oder auf Dauer?
NOERENBERG: Schon auf Dauer. Und dann wäre es sinnvoll gewesen, auf dem Schwal für die notwendige Infrastruktur zu sorgen.

Ist das Thema jetzt erledigt?
NOERENBERG: Nein, es bleibt in der Schwebe. Wir müssen ja noch die Straßenentwicklung im Zusammenhang mit dem Sparkassen-Neubau diskutieren.

Was würden Sie sich denn für Neu-Ulm noch wünschen?
NOERENBERG: Momentan gar nichts. Im Rahmen dessen, was wir derzeit erarbeiten können, haben wir viele Projekte am Laufen und sind an der Grenze. Vielleicht eines: dass wir im LEW-Gebäude am Heiner-Metzger-Platz etwas Tolles hinkriegen, mit Gastronomie, Stadt- und Geschichtsbücherei, Stadtarchiv und dem Generationentreff.

Gesetzt den Fall, Sie werden wiedergewählt, was haben Sie sich für Ihre Amtsperiode vorgenommen?
NOERENBERG: Privat gesehen: gesünder leben und mehr Sport treiben. Und als OB will ich die Bürger mehr aktivieren. Nicht umsonst sitze ich in jedem Bürgerforum zum Öffentlichen Personennahverkehr mit dabei. Ich bin dort eher der Zuhörer. Aber es ist mir wichtig, die Meinungen ungefiltert zu hören.

Und wenn Sie nicht wiedergewählt werden, treten Sie dann Ihr Stadtratsmandat an? Sie stehen ja auf Platz 1 der CSU-Stadtratsliste.
NOERENBERG: Die Frage stellt sich für mich zuerst einmal nicht. Ich bin zuversichtlich, dass ich gewählt werde. Mich quälen keine Zukunftszweifel. Ich werde ab Januar kämpfen, und wenn es im März je schiefgehen würde, werde ich mir dann Gedanken machen. Ich würde es nicht ausschließen, dann Stadtrat zu sein. Der Homo politicus Noerenberg wird nicht sterben.

Was war Ihre beste Tat als OB?
NOERENBERG: Mein Gott, da sorgen Sie jeden Tag für eine gute Tat und sollen sich auf ein Beispiel beschränken! Im Ernst: Eine wirklich gute Tat war, dass ich mich bei der Frage, ob die Vorfeld- oder die Weststadtschule erhalten bleiben soll, nicht verbogen habe.

Sie waren für den Erhalt der Vorfeld-Schule.
NOERENBERG: Ja, aber ich bin unterlegen.

Manche Stadträte bereuen inzwischen diese Entscheidung. Fühlen Sie sich im Nachhinein bestätigt?
NOERENBERG: Wenn ich gerade meine niederen Gelüste habe, dann ja. Aber ganz ehrlich: Manche Entwicklung konnten wir nicht vorhersehen. Was wir jetzt brauchen, ist ein Plan, wie wir die Schullandschaft neu aufteilen können.

Und was bedauern Sie am meisten?
NOERENBERG: Dass ich diesen Kampf um die Vorfeld-Schule verloren habe. Weil wir nicht die beste Lösung haben. Ansonsten sind meine Fehler nicht so groß, dass ich jetzt in Depressionen verfallen müsste.

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