Natur statt Holzernte

Im Stadtwald gibt es 18 Gebiete, die sich selbst überlassen bleiben. Die Ökologie geht vor. Und im Nutzwald durchkreuzen Schädlinge die Planung der Forstwirtschaft.

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  • Revierleiter Tobias Glöggler (links) und sein Chef Max Wittlinger lassen die Buche liegen – das Holz darf verrotten. 1/2
    Revierleiter Tobias Glöggler (links) und sein Chef Max Wittlinger lassen die Buche liegen – das Holz darf verrotten. Foto: 
  • Diese Fichtenrinde ist deutlich vom Borkenkäfer befallen. Stellenweise sieht man noch verpuppte Larven in den Fraßgängen. 2/2
    Diese Fichtenrinde ist deutlich vom Borkenkäfer befallen. Stellenweise sieht man noch verpuppte Larven in den Fraßgängen. Foto: 
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Förster planen die Holzmengen, die sie ernten wollen, in Zehn-Jahres-Abschnitten – wenn nichts dazwischen kommt. Im Ulmer Wald gibt es derzeit drei Komponenten zu beachten: Erstens die Waldrefugien, also Streifen oder Zwickel, die künftig sich selbst überlassen bleiben. Zweitens den Borkenkäfer, der sich im vergangenen trockenen Sommer vermehrt und Fichten befallen hat. Drittens das Eschentriebsterben, das zum Fällen zwingt, bevor das Holz an Wert verliert. In Zahlen: 60 Prozent des gesamten Holzeinschlags (Fällung) geben  inzwischen die Schädlinge vor. Nur noch 40 Prozent stehen zur freien Entscheidung der Förster.

Waldrefugien Im Klingensteiner Wald, der noch zum Ulmer Stadtwald gehört, ist zum Beispiel eine über 100 Jahre alte Buche von selbst auseinandergebrochen. Der Stamm war vor 50 Jahren geteilt weitergewachsen und in dem „Zwiesel“ hatte Staunässe dazu geführt, dass das Holz faulte. Das alles sieht man noch eine Weile, denn die Buche bleibt liegen, bis ihr Holz mit Hilfe von Kleinlebewesen, Moosen und Pilzen langsam verrottet. Jenen, aber auch Alt- und Totholz liebenden Vögeln und Fledermäusen soll wieder mehr Lebensraum eingeräumt werden. Deshalb hat das Land Baden-Württemberg für den Staatswald bereits 2010 eine Naturschutzstrategie angeordnet.

„Wir im Stadtwald folgen nun, aber freiwillig“, betont Max Wittlinger, Sachgebietsleiter Forstwirtschaft im Stadtkreis Ulm. Vor zwei Jahren wurden 18 Waldrefugien ausgewiesen. Damit wird auf fünf Prozent des Stadtwaldes offensichtlich Naturschutz betrieben – etwa für den Hirschkäfer und die Hohltaube. Die Kehrseite der Umweltmedaille: Der Stadt fehlen pro Jahr 25.000 Euro Einnahmen mangels Holzverkauf.

 

Eschensterben Die Eschen des Ulmer Forstbezirks stehen überwiegend im Auwald mit seinen feuchten Böden. Dieser belegt mit rund 300 Hektar Fläche ein Viertel des Stadtwaldes. Darin sind rund die Hälfte aller Bäume Eschen und von diesen wurden in den vergangenen Jahren bereits 20 Prozent gefällt. Diesen Winter müssen 3000 Festmeter (Kubikmeter) umgesägt werden, sagt Stefan Gölz, Leiter des Reviers Ulm-Süd.

Der Grund: Junge wie ältere Bäume sind von dem Pilz namens Falsches Weißes Stängelbecherchen befallen, der inzwischen in ganz Europa für das Eschensterben verantwortlich ist. Die Sporen des Pilzes dringen über die Blätter ins Holz ein. Der Schlauchpilz lebt dann als Parasit in den Geweben der Blätter, in den Triebspitzen, später auch in den verholzten Teilen bis hinunter zu den Wurzeln. Momentan seien im Ulmer Wald nur noch ein Fünftel der Eschen gesund. Gölz schätzt, wenn dies so weitergeht, steht in zehn Jahren im Auwald so gut wie keine Esche mehr. Was bisher gefällt wurde, ist aber noch zu gebrauchen für Möbel und Treppenstufen, denn Eichenholz sei mangels Menge gerade sehr teuer.

 

Borkenkäfer Der vergangene Sommer war zu trocken für den Wald und daher ideal für den Borkenkäfer. Drei Generationen flogen aus und befielen vitale Fichten, indem sie sich in die Bastschicht unter der Rinde hineingefressen haben und so die Nährstoffbahnen der Bäume zerstörten, erklärt Tobias Glöggler, der neue Revierleiter im Ulmer Norden (siehe Infokasten).

Solche „Käferbäume“ müssen rasch gefällt werden, bevor die nächste Generation aus den Puppen schlüpft und noch mehr gesunde Fichten befällt. Da im Sommer die Vorratslager der Sägewerke aber gut gefüllt waren, wurde das Fichtenholz so lange im Auwald gelagert, weil dort mangels Fichten keine Käfer fliegen. Und im Stadtwald wurden die am Wegrand gelagerten „Holzpolter“ mit einem Insektizid besprüht, woran die Borkenkäfer verenden, sobald sie aus der Rinde krabbeln und ausfliegen wollen.

Kommentar: Der Verzicht auf Holz lohnt sich

Das grüne Laub wandelt Kohlendioxid in Sauerstoff um, die Baumkronen schlucken Lärm, der Boden filtert und speichert Wasser. Der Wald ist eine wichtige Ressource für den nachwachsenden Rohstoff Holz. Er ist Erholungsort für die Menschen sowie Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Die Funktionen sind vielseitig und müssen bei der Bewirtschaftung alle berücksichtigt werden.

Dass im Stadtwald in 18 Wald­refugien längerfristig auf die Nutzung verzichtet wird – zugunsten der Artenvielfalt von Klein- und Kleinstlebewesen – ist lobenswert. Das Nachhaltige daran: Sollte in zehn Jahren der Holzmarkt so eng werden, dass man wieder Buchen und Eichen ernten will im jeweiligen Refugium, stehen beispielsweise von Fledermäusen bewohnte Stämme längst unter Naturschutz.

Die Forstwirtschaft bringt zwar ein Opfer, denn der Stadt fehlen pro Jahr schätzungsweise 25 000 Euro, die sie sonst durch den Verkauf von Holz auf den 18 Flächen allein im Stadtwald eingenommen hätte. Aber dieser Verlust ist minimal im Vergleich zu dem Gewinn, den die Natur auf Dauer erzielt. Und da man mit Umweltschutz immer Punkte oder sogar Ökopunkte sammeln kann, hat das zuständige baden-württembergische Ministerium bereits vor sieben Jahren eine verbindliche Naturschutzstrategie für den Staatswald angeordnet. Hoffentlich halten langfristig alle daran fest.

Leitung Nachdem Forstdirektor Rudi Lemm Ende Juli in den Ruhestand gegangen ist, ist nun Forstamtsrat Max Wittlinger Sachgebietsleiter Forstwirtschaft im Stadtkreis Ulm. Nach 27 Jahren als Stadtförster betreut er weiterhin den Uniwald am Eselsberg.

Revier Ulm-Nord Dort ist Wittlingers Nachfolger nun Tobias Glöggler seit dem 1. September. Der 26-Jährige kommt aus Rißtissen und hat nach seiner Ausbildung zum Industriemechaniker an der Fachhochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg am Neckar Forstwirtschaft studiert und mit „Forstwirtschaft (Bachelor of Science)“ abgeschlossen. Zum Revier Nord gehören der Erminger und Klingensteiner Wald und die Böfinger Halde. Glöggler soll sich auch verstärkt um die Waldpädagogik im Grünen Klassenzimmer „Dachsbau“ kümmern.

Revier Ulm-Süd Dieses wird weiterhin von Forstamtmann Stefan Gölz betreut. Es umfasst die Privatwälder im Stadtkreis, den Forst in der „Roten Wand“ sowie den Gögglinger Wald.

Staatswald Dieser Bereich wird wie bisher größtenteils von Forstamtmann Andreas Raufeisen betreut. Die größten Distrikte sind dort der Weidhart, der Klosterwald und das Maienwäldle in Söflingen.

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