Narzisstisch, aber nicht spielsüchtig

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Im Strafverfahren gegen einen 27-jährigen Ulmer, dem unter anderem Computerbetrug zur Last gelegt wird, hatte gestern der psychiatrische Gutachter das Wort. Beim Prozessauftakt hatte der geständige Angeklagte seine Taten auf seine Spielsucht zurückgeführt, die er über seine diversen Delikte finanziert haben wollte. Und das waren nicht wenige zwischen 2014 und 2017.

Der Anklage zufolge hatte er einerseits Kleidung und Accessoires übers Internet bestellt, nicht bezahlt und zur Entgegennahme Namen von Hausnachbarn benutzt. Darüber hinaus wird ihm vorgeworfen, Smartphones und Computer über eine Online-Handelsplattform verkauft, aber nie ausgeliefert zu haben.

Um an Verkaufsware zu kommen, habe er, so die Staatsanwaltschaft, bei privaten Verkäufern Mobiltelefone bestellt und sie dann persönlich entgegengenommen. Als Zahlungsnachweis soll er gefälschte Überweisungsbelege gezeigt und auch Anzahlungen über 100 Euro geleistet haben, ohne den Rest zu begleichen.

Nachdem er bei einem dieser Geschäfte aufgeflogen war, führte sein Weg erst in die Untersuchungshaft und letztlich vor die Schranken der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts Ulm, wo er sich reuig zeigte und „sein Fehlverhalten bedauerte“, wie sein Rechtsanwalt ausführte. Sein Mandant sei getragen von der Hoffnung, eine Therapie antreten zu dürfen, um sich von seiner Spielsucht zu befreien.

Keine Anhaltspunkte

Um seine Gemütslage zu ergründen, war nun ein Psychiater gefragt. Der fand allerdings „keine Anhaltspunkte für eine Krankheit“ und wertete die Aussagen zur Spielsucht als „aufgesetzt“. Abgesehen davon, dass „exzessives Spielen keine eigenständige Erkrankung“ sei, erfülle der Angeklagte „von fünf Kriterien für Spielsucht bestenfalls zwei“.

Stattdessen führte er das Fehlverhalten des 27-Jährigen auf dessen „narzisstische“ Persönlichkeitsstruktur zurück. Das zur Schau getragene Selbstbewusstsein und das Geltungsbedürfnis stehe im Gegensatz zur mäßigen Intelligenz, sei aber bezeichnend für die Neigung zur Selbstbezogenheit.

Bei einem Intelligenzquotienten von „lediglich 93 ist der Realschulabschluss schon ziemlich ambitioniert“. Dagegen bestehe ein „hoher Anspruch ans Leben, aber geringe Leistungsfähigkeit und -bereitschaft.“ Derartige Persönlichkeiten seien „ewig Pubertierende“ und „Weltmeister im Ausblenden der Realität“.

Die könnte den Angeklagten bei der Prozessfortsetzung einholen, zumal kommende Woche mit einem Urteil gerechnet wird.

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