Nach Amokalarm: Stadt kritisiert Alarmierungssystem

Die Stadt fordert: Schon bei Amokverdacht muss das Land alle Schulen im Umkreis informieren. Die Polizei bestätigt: Der Notruf an der List-Schule wurde durch Fehler in der Technik ausgelöst.

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Nach dem fälschlich ausgelösten Amok-Großalarm am Dienstag an der List-Schule übt die Stadt Ulm Kritik. Nicht am schnellen und mit 200 Einsatzkräften massiven Polizeieinsatz, der wie am Schnürchen lief. Sondern am Alarmierungssystem des Landes. Es sieht vor, dass das Lagezentrum in Tübingen alle Schulen im Regierungsbezirk vom Alarm in Kenntnis setzt – aber erst, wenn feststeht, dass es sich um einen Amokl­auf oder Vergleichbares handelt. Bei bloßem Verdacht unternimmt das Land nichts.

Der städtische Schulamtschef Gerhard Semler hält das für einen Fehler. „Wir brauchen eine transparente Alarmierung aus einer Hand schon im Verdachtsfall.“ Als Hauptargument führt Semler die Macht sozialer Medien wie Twitter und Facebook an. „Wenn irgendwo etwas passiert, verbreitet sich die Kunde heutzutage binnen Minuten wie ein Lauffeuer.“ Das sei auch jetzt so gewesen. Jedoch seien dann immer auch falsche Gerüchte dabei, die womöglich für Panik sorgten.

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Um dies zu vermeiden, behilft sich die Stadt einstweilen selbst. Bei jedem Verdachtsfall informiere man telefonisch alle Schulen und Kindergärten im Umkreis, so Semler. Weil es aber nicht sein könne, dass Ulm eine – mit Millionen finanzierte – Landesaufgabe übernehme, hat Semler einen Brief an den für Schulfragen zuständigen Dezernenten des baden-württembergischen Städtetags, Norbert Brugger, geschrieben. Amok-Alarmierung an umliegende Schulen sofort! Mit dieser Forderung möge der Städtetag an die Landesregierung herantreten.

Norbert Brugger sieht die Sache differenziert. Das Alarmierungssystem über so genannte Pager, die unabhängig vom Internet  funktionieren, sei 2009 nach dem Amoklauf von Winnenden eingeführt worden. Damals hatte die Benachrichtigung umliegender Schulen nicht funktioniert, der Täter war auf der Flucht. Mittlerweile sei die technische Entwicklung durch What’sApp, Twitter und Co. so weit fortgeschritten, dass das nach dem Gießkannenprinzip funktionierende Pager-System (alle Schulen im Regierungsbezirk werden gewarnt) womöglich nicht mehr zeitgemäß sei. „Es gibt heute zielgenauere Informationswege.“  Insofern müsse man die Alarmierungsrichtlinien überdenken.

Unterdessen bestätigt die Polizei, dass der Großalarm infolge eines technischen Defekts der Schulalarmanlage ausgelöst worden ist. Fahrlässiges oder gar mutwilliges Verhalten von Menschen wird ausgeschlossen.  Laut einer Mitteilung der Stadt vom Mittwochnachmittag spricht derzeit alles für einen Kabelschaden. Mitarbeiter des städtischen Gebäudemamagements und einer Fachfirma suchten intensiv nach der Fehlerquelle. „Anders als beim Fehlalarm vor zwei Jahren scheiden diesmal Bauarbeiten als Ursache aus.“

Nachbesserungsbedarf bei der Anlage sieht nicht nur die Polizei, sondern auch der Schulamtsleiter. Die Anlage an der List-Schule sei im Zuge der Umbaumaßnahmen installiert worden und „relativ neu“, so Semler. Am morgigen Freitag will er sich mit Experten aus Technik und Polizei zusammensetzen und das komplette Geschehen nochmals Revue passieren lassen. Er ist überzeugt. „Wir kommen dem Fehler auf die Schliche.“

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Alarmknöpfe Bei Amok- oder ähnlichen gearteten Verdachtslagen an Ulmer Schulen gibt es zwei Alarmierungssysteme. Größere Schulen mit mehreren Gebäudeteilen haben fest installierte Alarmknöpfe an zentralen, für Schüler nicht zugängliche  Stellen wie etwa im Rektorat oder Lehrerzimmer. Sie müssen mechanisch gedrückt werden. Dann läuft in allen Klassenräumen und auf den Fluren eine automatische Ansage ab. Parallel dazu ruft der Schulleiter oder ein Stellverteter  eine Sondernummer bei der Polizei an und löst damit den Polizeialarm aus. Das war auch am Dienstag der Fall, nachdem an der Schule aufgrund eines technischen Defekts der automatische Ansagen-Alarm losging.

Mobile Systeme Darüber hinaus ist eine Alarmierung der Polizei über mobile Systeme möglich. Via Handy können Lehrer oder sonstige befugte Personen einen nur ihnen bekannten Zahlencode eingeben und so die Polizei von einem Notfall in Kenntnis setzen. Ein Notruf unter 110 ist natürlich immer möglich.

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