40 Jahre Jazz in Ulm

Der Verein für moderne Musik feiert sein 40-jähriges Bestehen – jetzt auch mit einem Buch:  „40 Jahre Jazz in Ulm“ heißt es.

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Auch Plakate, die für Jazzgiganten wie Max Roach und Archie Shepp warben, finden sich in dem Band „40 Jahre Jazz in Ulm.“ Die Plakate mit dem  „Jazz in Ulm“-Klecks hat das Büro Maus gestaltet, die Plakate ohne dieses Markenzeichen stammten von Peter Gruber.   Foto: 

Der Verein für moderne Musik kümmert sich wohlbestallt in Kooperation mit dem Stadthaus um zeitgenössischen Jazz. Ja, heute mag das so wirken. Doch das war nicht immer so. Im Gegenteil: Jahrzehntelang stand der Verein immer wieder auf der Kippe. Und überhaupt: Wie kann ein Verein, der sich dem Jazz auf internationalem Niveau verpflichtet fühlt, überhaupt in einer so kleinen Stadt wie Ulm überleben? Wie ist der Verein eigentlich entstanden? Was ist hinter den Kulissen geschehen? Diese Fragen beantwortet jetzt ein Buch, das der heutige Vereinsvorsitzende Raimund Kast und der Schlagzeuger und ehemalige Vorstand Peter Gruber herausgegeben haben: „40 Jahre Jazz in Ulm“.

Wobei der Titel eigentlich ein Etikettenschwindel ist, denn die Keimzelle des Vereins lag auf der bayerischen Donauseite, im heutigen Lessing-Gymnasium. Dort gab es Ende der 70er Jahre eine Clique Jazz-verrückter Schüler um die Brüderpaare Dieter und Klaus Mutschler sowie Stefan und Eberhard Göler. Mit dabei: Raimund Kast und der Lehrer Thomas Fitterling.

Die Schüler hatten schon Konzerte in der Aula veranstaltet – mit wechselndem Erfolg. „Bei Fourmenonly war es voll“, erinnert sich Kast. Aber die Avantgarde-Musiker hatten die Mitschüler wohl etwas verschreckt, „denn zum traditionelleren Joe Viera Sextett kam fast niemand. Ein finanzielles Debakel.“ Das Defizit glich der Möbelhaus-Besitzer Erwin Mutschler, der Vater von Dieter und Klaus, aus. Und der war Geschäftsmann genug, dass er seine Finanzspritzen wenigstens von der Steuer absetzen wollte.

Das ging aber nur via Spendenquittung eines gemeinnützigen Vereins. Dessen Eintragung beantragte Dieter Mutschler am 24. September 1976 beim Ulmer Amtsgericht – Mutschlers 18. Geburtstag. Weil man für die Gründung eines Vereins sieben Volljährige brauchte, holten sich die Schüler auch zwei ältere erfahrene Jazz-Musiker ins Boot: Peter Gruber und Dima Spika. Am 25. Oktober war der Verein eingetragen, am 4. Dezember gab es das erste Konzert des Vereins für moderne Musik: Gunter Hampels Galaxie Dream Band in der Ulmer Fachhochschule.

Mehr als 250 weitere sollten folgen. Und für die holte der Verein jede Menge Giganten des Jazz an die Donau: Archie Shepp, Cecil Taylor, Gil Evans, Dizzy Gillespie, Chet Baker, Lee Konitz, Dave Holland und Herbie Hancock. Die letzten beiden standen auch beim Konzert zum 20-jährigen Bestehen des Vereins zusammen auf der Bühne des ausverkauften Theaterpodiums – am 30. April 1996. Das Datum hat sich beim heutigen Vorsitzenden Raimund Kast eingebrannt. Nicht nur, weil es ein Klasse-Konzertabend war. Kast, der damals als Kassier des Vereins fungierte, hatte die Abendkasse während des Konzerts in einem Fach im Foyer des Podiums deponiert. Nach dem gelungenen Konzert aber vergessen, die Kassette mitzunehmen.

Das zusätzliche Problem: In der Geldkassette lag auch der Schlüssel für den Kleinbus, mit dem die Musiker samt Equipment und Gepäck an den Flughafen kutschiert werden sollten. Kein Problem, dachte sich Kast, der Kassette und Schlüssel früh am nächsten Morgen holen wollte. Nur: „An 364 Tagen im Jahr herrscht Betrieb im Theater. Nur eben nicht am 1. Mai“, erinnert sich Kast, dem es frühmorgens nicht gelang, einen Hausmeister zu aktivieren. Der damalige Intendant Ansgar Haag war es am Ende, der zufälligerweise im Büro etwas zu erledigen hatte, der Kast rettete.

Die Musiker wurden in den Bus gepackt, Hancock hatte laut Vertrag aber Anspruch auf einen Mercedes 600, mit dem Vereinsmitglied Eva Pfalzer den Star nach München chauffierte. Eine unvergessliche Fahrt, nicht weil Eva Pfalzer den Star kennenlernte, sondern weil sie und der Pianist von der Autobahn aus sahen, wie ein Fallschirmspringer, dessen Schirm sich nicht öffnete, in den Tod sprang.

Und wenn wir schon mal bei den Schattenseiten sind. In den 40 Vereinsjahren sind nur zwei Konzerte ausgefallen: Ein Quartett aus der DDR hatte den Konzerttermin verwechselt, die Musiker des Marion Brown Quartetts fanden Ulm einfach nicht und reisten gleich weiter nach Paris. Der Verein organisierte für die Fans aus dem Stegreif eine Session mit Ulmer Musikern und schenkte ein Fass Freibier aus – mit Folgen. Das Ordnungsamt schickte einen Bußgeldbescheid wegen des nicht genehmigten Getränkeausschanks.

Ein erfreuliches Fundstück ist dagegen ein Vers des Sprachkünstlers Oskar Pastior, der zweimal in der Reihe „Lyrik und Musik“ in Ulm gastierte. Der verewigte Kast und den ehemaligen Vereinsvorsitzenden Axel Holm in seinem Gedichtband „Das Hören des Genitivs“.

Name „Verein für moderne Musik“ tauften die Gründungsmitglieder 1976 ihren Verein aus zwei Gründen: Zum einen sollte er darauf anspielen, dass der Verein zeitgenössischen Jazz fördern wollte, zum andern war damals auch ein zweiter Verein in Gründung. Der „Verein zur Förderung des New Orleans Jazz“, der 1977 eingetragen wurde.

Buch „40 Jahre Jazz in Ulm“ hat 140 Seiten, zahlreiche Abbildungen und kostet 20 Euro. Es listet zudem alle Konzerte des Vereins und deren Besetzung akribisch auf. Es ist in den Ulmer Buchläden Jastram und Hofmann erhältlich sowie auf der Homepage des Vereins www.verein-für-moderne-Musik.de

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