Mit Wetzig durch das neue Ulm

Mitten in der Stadt hat Ulm sich städtebaulich neu erfunden: durch die Neue Mitte. Ein Stadtspaziergang mit dem Protagonisten, Alt-Bürgermeister Alexander Wetzig.

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Alexander Wetzig (rechts, dunkles Hemd) inmitten von Zuhörern: Ohne Stadt geht in Ulm nix.  Foto: 

„Ohne Stadt geht hier gar nix.“ Sagt der Mann. Und ohne dass er ausgesprochen wird, ist der Gedanke hörbar, der hinter diesem im Brustton der Überzeugung vorgetragenen Satz steckt: „Und das ist auch gut so.“ Jedenfalls hält  Alexander Wetzig es ebenso für notwendig wie richtig, dass die Stadt durch Baudezernat und Gemeinderat an allen maßgeblichen Bauvorhaben teil hat. Sei es, dass sie selber als Bauher auftritt, sei es, dass sie privaten Investoren das Bauen ermöglicht. Überall, wo es relevant fürs Stadtbild wird, legt Ulm Wert auf Qualität, dringt auf Gestaltungswettbewerbe. Nicht von oben herab vor, sondern partnerschaftlich. Wetzig: „Wir reden über alles.“

Der Mann weiß, worüber er spricht. Er war 24 Jahre Baubürgermeister, zuvor schon fast sechs Jahre lang Stadtplanungsamtschef. Das „Wir“ in seinen Worten verheißt: Auch wenn er sich in die Geschäfte seines Nachfolgers Tim von Winning niemals einmischen würde, Wetzig kommt nicht los von diesem Ulm. Zu groß  die Zuneigung zur Stadt, zu tief die Spuren, die er, der unermüdliche Stadterneuerer,  hinterlassen hat zwischen 1985 und 2014.

Es ist Samstagmittag um zwei. Tag der Architektur der Architektenkammer. Mehr als 60 Ulmerinnen und Ulmer haben sich auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz in der Neuen Mitte versammelt. Stadtspaziergang  durch einen Teil  des neuen Ulm. Als Begleiter dabei Wetzig. Doch was heißt Begleiter? Die Besucher erleben Wetzig, wie er leibt und bebt. Gestikulierend, kommentierend, eindringlich, eindrücklich, mit der ganzen Kraft des ihm gegebenen geschliffenen Wortes. Der 69-jährige erzählt vom Wandel während seiner Ära. Abkehr von der autogerechten City, Rückeroberung verkehrsdominierter Stadträume für Bewohner, Fußgänger, Radler, Handel.

Dafür gibt es außer dem Münsterplatz kein sichtbareres Beispiel als diese Neue Mitte,  als den den Geschwistern Scholl gewidmeten Platz. Wetzig  tritt selbstbewusst auf, aber nicht selbstgefällig. Vielmehr selbstkritisch, als er die mehr als 30 Jahre währende Planungsgeschichte der Neuen Straße erzählt: Erster Ideenwettbewerb 1977.  Verworfen. 1990 von den Ulmern per Bürgerentscheid in Grund und Boden versenktes  Tunnel-Projekt. Atempause. Neuanfang auf Basis eines radikal veränderten Verkehrsentwicklungsplans. Schließlich das heutige Städtebaukonzept, entwickelt nach langen Diskussionsprozessen von der hiesigen Architekten-Arbeitsgemeinschaft Christian Guther,  Bernhard Lutz, Martin Schenk. Letzterer, inzwischen Stadtbaumeister in Blaubeuren,  ist an diesem Samstag mit von der Partie. Er gibt Erläuterungen.

Dazu gehört, dass der Scholl-Platz in der Urfassung gar nicht vorgesehen war. Vielmehr sollte an seiner Stelle ein weiteres Gebäude stehen. Druck aus Bevölkerung und Gemeinderat – Ex-Stadtrat Herbert Dörfler (CDU) vorneweg verlangte einen freien Platz vor der historischen Rathausfassade – führte zur Änderung im Detail. Zunächst gegen den Willen Wetzigs, der jetzt ganz bescheiden sagt: „Wissen Sie was? Ich bin froh drüber.“

Der Stadtspaziergang

Stationen Der Stadtspaziergang zum Tag der Architektur führte schnurstracks vom Scholl-Platz ins modern fassadengestaltete Giebelhaus der Museumsgesellschaft (Planung Schaudt Architekten, Ausführung Rogg Architekten, beide  Konstanz), über die neu gestaltete südliche Frauenstraße (Konzept Meister Architekten, Ulm) zum Judenhof und an die Ecke Karpfen-/Paradiesgasse. Dort ist durch ein traufständiges Wohn- und Geschäftshaus mit  zur Paradiesgasse gerichtetem Giebel in Sichtbetonbauweise (Hochstrasser Architekten, Ulm) ein zuvor durch Rückseitenansichten geprägter Ort aufgelöst worden.  Ein Beispiel, wie Städtebau und Architektur Milieus verändern können. Dass die Hinterhof-Situation dort zumindest ansatzweise ein Ende gefunden hat, ist der Bar in diesem  Neubau, dem Hamburger-Restaurant gegenüber und der Mini-Stadtgarten dazwischen zu danken.

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