Mit Weitsicht ins Pfuhler Ried

Heute jährt sich der Produktionsstart der Setra-Omnibusfertigung in Neu-Ulm zum 20. Mal. Die Geschichte des Werks reicht aber 40 Jahre zurück. Schon 1973 kaufte Kässbohrer das erste Teilstück im Pfuhler Ried.

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  • Luftaufnahme des Werks in Neu-Ulm 1995: Auf der Freifläche unten links steht heute das Kundencenter und die Verwaltungsgebäude. Fotos: Dieter Mutard 1/3
    Luftaufnahme des Werks in Neu-Ulm 1995: Auf der Freifläche unten links steht heute das Kundencenter und die Verwaltungsgebäude. Fotos: Dieter Mutard
  • Februar 1995: Betriebsratsvorsitzender Kurt Lehmann gibt der Belegschaft die Evobus-Gründung und Integration des neuen Werks in die Daimler AG bekannt. 2/3
    Februar 1995: Betriebsratsvorsitzender Kurt Lehmann gibt der Belegschaft die Evobus-Gründung und Integration des neuen Werks in die Daimler AG bekannt.
  • 5. Oktober 1992: Der Rohbau des ersten in Neu-Ulm serienmäßig gefertigten Setra Omnibus, ein S 315 HD, wird ans Montageband gebracht. 3/3
    5. Oktober 1992: Der Rohbau des ersten in Neu-Ulm serienmäßig gefertigten Setra Omnibus, ein S 315 HD, wird ans Montageband gebracht.
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Die Notwendigkeit des Umzugs vom Stammwerk in der Ulmer Weststadt nach Neu-Ulm zeichnete sich für die Omnibusbauer der Firma Kässbohrer schon bald nach dem vorausschauenden Kauf des Geländes 1973 in Neu-Ulm ab. In einem Schreiben im Frühjahr 1977 von Otto, Karl und Heinrich Kässbohrer, Söhne des 1973 verstorbenen Seniorchefs Karl Kässbohrer, an OB Hans Lorenser begründeten die drei Geschäftsführer die unbefriedigende Raumsituation des Unternehmens: "Die Raumverhältnisse und Fertigungssituation in unserem Werk Ulm haben sich bedrohlich für uns entwickelt. . . Durch die Eingeschlossenheit unseres Betriebs und die Entwicklung der Beschäftigtenzahl haben sich so beengte Platzverhältnisse ergeben, dass eine sinnvolle und wirtschaftliche Arbeitsweise nicht mehr möglich ist."

Als dann der Neu-Ulmer Stadtrat im April 1980 die Aufstellung des Bebauungsplans Nummer 56 Industriegebiet Pfuhler Ried beschloss und die bayerische Schwesterstadt neben den Grundstückserwerben und Erschließungsmaßnahmen die Voraussetzungen für einen Fabrikneubau geschaffen hatte, konnten nach und nach die Planungsarbeiten bei Kässbohrer anlaufen.

Von den ersten konkreten Schritten der Fahrzeugwerke für diese "Investition in die Zukunft" (Kässbohrer Mitarbeiter-Information) 1983 vergingen dann bis zum ersten Spatenstich und Baubeginn im August 1990 neun Jahre. Karl Kässbohrer, Enkel des Firmengründers und verantwortlich für Werks- und Investitionsplanung, sagt heute rückblickend: "Es waren zwei wesentliche Faktoren, die unsere Überlegungen beeinflusst haben. Natürlich waren die Raumverhältnisse in dem alten Werk in der Ulmer Weststadt unbefriedigend, aber wir mussten vor allem den finanziellen Kraftakt sehen, den dieses Gesamtprojekt für unser Unternehmen dargestellt hat. Es kamen deshalb nur schrittweise Lösungen in Frage."

Obwohl erst 20 Jahre alt, hat diese hochmoderne Omnibus-Produktionsstätte bereits bewegte Zeiten hinter sich, in denen sich Produktionsabläufe und -aufgaben, aber auch das Unternehmen selbst stark verändert haben. Die Fertigung der Ulmer Traditionsmarke Setra ist für dieses Werk immer noch ein Schwerpunkt, aber der Fokus liegt heute auch auf der Schwestermarke Mercedes-Benz, denn jährlich werden im Durchschnitt 750 bis 1000 Omnibusse mit dem Stern in Neu-Ulm produziert. Dies ist für die Gesamtauslastung der Fabrik und das Produktivitätslevel wichtig.

Die Grundkonzeption von Kässbohrer für die Montagehalle und die Qualitätssicherung in der Fi-nish-Halle ist weitgehend so geblieben wie ursprünglich geplant. Die entscheidende Änderung allerdings ist die Verlagerung des gesamten Rohbaus der Setra-Omnibusse nach Mannheim. Unter Evobus kamen der Neubau der Lackiererei, das Verwaltungsgebäude und das Kunden-Center dazu. Das Werk in Neu-Ulm hat sich in seinen Arbeitsinhalten stark verändert und ist heute zusammen mit dem Omnibuswerk in Mannheim das Rückgrat des europäischen Produktionsverbunds von Evobus mit sechs Werken in Deutschland, Frankreich, Tschechien, Spanien und der Türkei.

Heute werden Setra und Mercedes-Benz-Omnibusse auf einem Band montiert und die Lackieraufgaben für alle Produkte erledigt Neu-Ulm mit seiner hochmodernen und umweltschonenden Anlage. Wolfgang Hänle, in der Geschäftsführung von Daimler Buses für die weltweite Omnibusproduktion verantwortlich, betont: "Für Kässbohrer war diese Investition in Neu-Ulm eine Frage der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und ein Schritt in die - wie wir heute wissen - nicht leichte Zukunft. Aber es war eine strategische Entscheidung, die mit dazu beiträgt, den Standort Neu-Ulm zu sichern. Dieses Werk ist einer der Garanten für den erfolgreichen Fortbestand von Evobus und damit auch von Daimler Buses, dem weltweit verantwortlichen Geschäftsbereich für das Produkt Omnibusse."

Bis heute wurden in Neu-Ulm über 52 000 Komplettbusse beider Marken gebaut. Und eine geradezu astronomische Zahl ist in der Stuhlfertigung mit bis heute über drei Millionen gefertigten Sitzeinheiten zu vermelden. Jährlich werden in Neu-Ulm über 150 000 Überland- und Reisebussitze für die Marken Mercedes-Benz und Setra im zweiten Obergeschoss des Montagewerks gebaut. Sie werden damit in unmittelbarer Nähe zur Omnibus-Fertigung komplettiert und direkt an die Produktionsstraßen geliefert. Mit nahezu 400 000 Sitzen aus den Werken Mannheim, Neu-Ulm und Hosdere in der Türkei pro Jahr ist Daimler Buses der größte Omnibus-Sitzhersteller in Europa.

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Kommentare

05.10.2012 18:54 Uhr

Kurzer Traum immerwährender Prosperität?

Ein verdinglichtes Verständnis dessen, was die Eigenständigkeit eines Unternehmens seit jeher umfassend schützt, gilt noch heute als äußerste Bedrohung seines wirtschaftlichen Erfolgs. Insofern kritisierten die Söhne des einstigen Seniorchefs von Kässbohrer in Ihrem damaligen Schreiben aus dem Jahr 1977 an Herrn Lorenser Praktiken unter der regionalen Bevölkerung, die sich zwar auch gegenwärtig ungebrochen zunehmend ausbreiten, aber nach wie vor Ausdruck zutiefst eigenmächtiger Auslegungen von einschlägig und daher vorherrschend längst erhobener Befunde in der Frage effizienter Arbeitsweisen in der Industrie sind. Nähmen insofern mehr hiesig ansässige Bürger Abschied von besagtem Unfug, stünde dem nunmehr im Pfuhler Ried betriebenen EvoBus-Werk eine überaus prosperierende Zukunft bevor.

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