Mit Formel 1 auf 100

Sport ist immer noch ihr Leben: Von 1937 an brachte Änne Matschewsky den Ulmern die Freude an der Bewegung bei - in Vereinen und in der Schule. Gestern feierte sie für ihr Alter superfit 100. Geburtstag.

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  • So sahen Sieger vor 54 Jahren aus: Änne Matschewsky hält den Tennisschläger fest in ihren Händen. Sie stieg im September 1958 mit der Mannschaft der Tennisabteilung Ulm 1846 in die höchste Spielklasse des Württembergischen Tennisbundes auf. Foto: Archiv 1/2
    So sahen Sieger vor 54 Jahren aus: Änne Matschewsky hält den Tennisschläger fest in ihren Händen. Sie stieg im September 1958 mit der Mannschaft der Tennisabteilung Ulm 1846 in die höchste Spielklasse des Württembergischen Tennisbundes auf. Foto: Archiv
  • Wenn ein besonderer Feiertag auf einen Feiertag fällt, macht der Ulmer Oberbürgermeister den schon mal zum normalen "Dienst-Tag": Ivo Gönner ließ es sich nicht nehmen, Änne Matschewsky gestern persönlich zum 100. Geburtstag zu gratulieren. Foto: Volkmar Könneke 2/2
    Wenn ein besonderer Feiertag auf einen Feiertag fällt, macht der Ulmer Oberbürgermeister den schon mal zum normalen "Dienst-Tag": Ivo Gönner ließ es sich nicht nehmen, Änne Matschewsky gestern persönlich zum 100. Geburtstag zu gratulieren. Foto: Volkmar Könneke
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Gesprächstermin in der Seniorenresidenz Friedrichsau. Nein, da trippelt keine klapprige alte Frau daher: Änne Matschewsky kurvt zügig und souverän mit ihrem Rollator ums Eck. Später wird die Sportlehrerin erzählen, dass sie nicht nur Tennis, Fußball und Billard im Fernsehen schaut, sondern gerne auch - Formel 1.

Bis auf Boxen ("Das ist verrückt") muss wenigstens zugucken drin sein, wenn schon selber nichts mehr geht mit Speerwerfen, Kugelstoßen, Langlaufen, Schwimmen, Tennisspielen, Geräteturnen und Segelfliegen. Und schießen. Schießen? "Das war Kleinkaliber 50 Meter", erinnert sich die 100-Jährige genau.

Ein echtes "Kaliber", das ist die in Weeze nahe der holländischen Grenze geborene Rheinländerin im hohen Alter geblieben. Woran es liegen mag? Vielleicht an ihrer Kindheit: Sie wuchs mit zwei Schwestern und vier Brüdern auf, wobei vor allem letztere auf sie ordentlich Einfluss ausgeübt haben. "Ich kletterte viel in den Bäumen herum, habe keine Märchen gelesen, sondern Ben Hur gespielt."

Nach dem Sportstudium in Bonn verschlug es Änne Kertz, wie sie damals noch hieß, nach Ulm. "Hier war beim Turnerbund 1846, einem Vorläufer des SSV Ulm 1846, eine Stelle frei. Ich war für alle Abteilungen zuständig, vom Handball bis zum Tennis", erzählt die Jubilarin, die damals auch im Vereinsheim wohnte. Ihr Eindruck von den Ulmern? "Am Anfang war es schwer als Rheinländerin. Aber wenn du die Schwaben einmal gewonnen hast, dann kannst du voll auf sie zählen." Die junge Sportlehrerin wählte anno 1937 die Integration über den Spätzleshobel, indem sie in der "Mütterschule" schwäbisch kochen lernte. Auch heute ist sie immer wieder am Herd zugange, um etwa ihren berühmten Gemüseeintopf zu zaubern. Ach ja, und selbstverständlich ist ihr Ulm zur Heimat geworden.

Seit 18 Jahren lebt sie in der Seniorenresidenz Friedrichsau, hat mittlerweile sogar Gesellschaft von ihren früheren Schülerinnen bekommen. Selbst die sind bereits jenseits der 80. Sie kennt sie aus ihrer Zeit an der Friedrich-List-Schule (ab 1954) und später an der Mädchenschule St. Hildegard, wo sie unter dem Nachnamen ihres ersten Mannes als Frau Bretzel, wie sie betont, "streng, aber gerecht" unterrichtete. So kann es heute passieren, dass manche Seniorin ein "Déjà-vu-Erlebnis" hat, weil sie von ihrer früheren Lehrerin eingewiesen wird - in einer ganz besonderen Disziplin des "Geräte-Turnens", der Rollator-Gymnastik. Zweimal in der Woche wird am und mit dem "Rolli" gesportelt. Sie hat ihm sogar ein Gedicht gewidmet. "Späte Liebe" heißt es.

"An mein Alter denke ich nicht", sagt die 100-Jährige, die früher auch die Betriebssportgruppen der Firmen Ebner und Wieland auf Trab gehalten hat. Wer ihr gegenübersitzt, vergisst schnell, dass sie zu einer Zeit geboren wurde, als die Titanic noch nicht einmal auf dem Trockendock war.

Wie man 100 werden kann? "Man trinkt keinen Alkohol, raucht nicht und bewegt sich viel", wagt Änne Matschewsky eine Erklärung. Die Sportlehrerin ist, bei allen Einschränkungen durch Operationen an den Beinen, fit geblieben - auch im Kopf. Sie steigt in der Seniorenresidenz regelmäßig in die Bütt, und selbstverständlich ließ sie es sich auch nicht nehmen, gestern vor den rund 80 Verwandten und Freunden aus allen Erdteilen eine Geburtstagsrede zu halten. Dass ihr Geburtstag seit einiger Zeit gesetzlicher Feiertag ist, ringt ihr Lob ab: "Meine Eltern haben das wirklich gut hingekriegt."

"Ich bin ein zufriedener Mensch, Neid kenne ich nicht, man muss immer nach unten gucken." Diese Einstellung mag ihr vielleicht geholfen haben, die vielen Schicksalsschläge zu überwinden: Sie ist dreifach verwitwet, ihre beiden Kinder starben jung unter tragischen Umständen.

Nach den Feierlichkeiten wird bei der vitalen Seniorin wieder der prall gefüllte Alltag einkehren. Sie wird Sparstrümpfe für den Weihnachtsbazar stricken, bunte Decken häkeln, zweimal pro Woche Bridge spielen, vor allem die Sportseiten der Zeitungen ganz genau studieren. Der Fußballer Lahm sei ihr sympathisch, und Steffi Graf, die auch verlieren und nicht nur gewinnen könne, zollt sie "eine schöne, stolze Haltung". Sport zeige eben den wahren Charakter.

Gibt es mit 100 noch Träume? "Ich habe Australien noch nicht gesehen", lässt die Vielgereiste, die kaum einen Kontinent ausgelassen hat, ihre Fantasie spielen. Ob das für immer ein Traum bleiben wird, weiß keiner. Änne Matschewsky ist alles zuzutrauen.

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