Mit den Augen Kassandras

Das gibt es am Karajan-Platz nur alle Jubeljahre: zeitgenössisches Musiktheater. Gleich zwei Produktionen haben heute und morgen im Podium und im Großen Premiere - stets vertreten: der Komponist Gerhard Stäbler.

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  • Christel Mayr spielt in "Kassandra: Lieder der Fremde" die Titelrolle. Foto: Jochen Klenk 1/2
    Christel Mayr spielt in "Kassandra: Lieder der Fremde" die Titelrolle. Foto: Jochen Klenk
  • Der Komponist Gerhard Stäbler (links) im Gespräch mit dem Regisseur Philipp Jescheck. Foto: Lars Schwerdtfeger 2/2
    Der Komponist Gerhard Stäbler (links) im Gespräch mit dem Regisseur Philipp Jescheck. Foto: Lars Schwerdtfeger
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Eigentlich hätte morgen eine veritable Uraufführung am Theater Ulm auf dem Programm stehen sollen: "Erlöst Albert E.", eine Oper über Albert Einstein und die Relativität von Zeit. Der Komponist Gerhard Stäbler machte dabei auch eine rein arbeitstechnische Zeit-Erfahrung. Er schrieb "Tag und Nacht" an dem Auftragswerk, die Partitur liegt vor, doch die Zeit war schließlich zu knapp geworden, um das Aufführungsmaterial für die Proben herzustellen. Deshalb verschob das Theater bekanntlich die Premiere um zwei Jahre - verzichtete aber nicht aktuell auf Musiktheatralisches von Stäbler: An zwei Abenden hintereinander, im Podium und im Großen Haus, spielen jetzt Werke des Neutöners eine Rolle.

Wobei: "Neue Musik, was ist das?" Stäbler mag sich "nicht in Kästchen hineindenken". Ihm geht es vielmehr "um die Erweiterung der Wahrnehmung - was wir sind, fühlen, denken. Die Musik ist ein Mittel dazu." Der neugierige, reflektiert auftretende Stäbler, der seit Jahrzehnten auch als Lehrender einen gewichtigen Namen in der Branche hat, der mit seinen Werken auf allen Festivals zeitgenössischer Musik vertreten ist, zählt sich nicht zu den Adorno-Jüngern: Nein, man müsse nicht das musikalische Material revolutionieren, es zähle der Inhalt. Und dabei wisse er anfangs nicht immer, "was für eine Klanglichkeit herauskommt".

Stäbler hat mal gesagt: "Niemals ist Musik - wie alle Kunst - zu trennen von Geschichte, von gesellschaftlichen Zusammenhängen, vom Träumen. Herausgelöst, wird sie ihres Sinns beraubt, hebt ab, verkommt zur Droge." In seinem reichhaltigen Werk jedenfalls, von der Oper bis zur feinen Kammermusik, hat Stäbler so manche Strömungen des 20. Jahrhunderts "flexibel aufgegriffen", aber nicht musikalisch betäubt. Politisch war er immer.

Entscheidend auch seine literarische Inspirationen. Folgenreich etwa war für Stäbler 1983 die Lektüre der Erzählung "Kassandra" von Christa Wolf. Ein abendfüllendes Bühnenwerk entstand: "CassandraComplex". Fünf "Kassandra-Studien" (1993) aber gingen diesem Musiktheater voraus, zwei davon, nämlich "Abschiede . . ." für Streichtrio sowie "Kopflos" für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Klavier und Schlagzeug sind die Basis des Ulmer Musiktheater-Projekts "Kassandra: Lieder der Fremde".

Kassandra, die trojanische Königstochter, die den Untergang prophezeit? Nein, so wie es für Stäbler keinen Zufall gibt, sondern nur "Punkte in der Gegenwart, von dem aus wir die Ursachen nicht sehen", so ist Kassandra für ihn nur ein sensibler Mensch, "der die Dinge zusammenbringt" und sagt: So ist es! "Man muss doch kein Prophet sein, um einen atomaren Unfall wie in Fukoshima vorherzusagen. Wir wissen um die Gefahr, wollen das aber nicht glauben." Stäblers Studie "Abschiede" mit seinen in Umrissen notierten Streicherstimmen erinnert nun zum Beispiel an "schmerzhaft aufgerissene Gedächtnisschichten" (Barbara Zuber). In der Partitur findet sich eine extreme Dynamik: fünffaches Pianissimo, fünffaches Fortissimo - eine "sehr körperliche Musik", meint der Komponist.

Am Donnerstag ist Stäbler dann mit seinem Projekt "FuturessenceXXX", eine Musik zu futuristischen Theaterstücken für variable Besetzung, die er im Jahr 2000 zusammen mit Kunsu Shim für eine Uraufführung in Los Angeles entwickelte, im Großen Haus vertreten. Kein Zufall ist, dass dieses Werk die "Europeras 3&4" des Zufall-Komponisten John Cage ergänzt. An Cage hat Stäbler, dem die Geräuschmusik auch nicht fremd ist, stets die Offenheit gegenüber dem Material bewundert; mit dem Amerikaner hat er sich intensiv auseinandergesetzt, etwa in "Gehörsmassage. Für tätiges Publikum" (1973).

Kein Zufall auch, dass der Ulmer Operndirektor Matthias Kaiser den Abend in Szene setzt, schrieb dieser doch schon für Stäblers Oper "Madame La Peste" (uraufgeführt 2002 in Duisburg) das Libretto. Das Textbuch zu "Erlöst Albert E." stammt ebenfalls von Kaiser. Zukunftsmusik: 2014 kommt erst die Einstein-Oper heraus, jetzt darf zunächt John Cage vor Ulmer Publikum in zwei seiner "Europeras" die vergangene Operngeschichte verwursten.

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