Mit absoluter Hingabe: Das Schumann-Quartett in der „klassisch“-Reihe

Drei Brüder und eine Bratschistin eröffnen kommende Woche die Kammermusik-Saison im Stadthaus.

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Bratschistin mit Brüdern: Liisa Randalu mit Erik, Ken und Mark Schumann.  Foto: 

Richtig sexy: In der blühenden neuen Streichquartettlandschaft weckt das Schumann Quartett höchste Erwartungen – die dann mit Schwung und Leichtigkeit eingelöst werden“ – so schwärmte vor zwei Jahren Harald Eggebrecht in der „Süddeutschen Zeitung“. In der Tat: Die drei Brüder Erik, Ken und Mark Schumann sowie die Bratschistin Liisa Randalu machen überall Furore, wo sie auftreten, und ihre Liste wichtiger internationaler Preise spricht Bände. Am Mittwoch nächster Woche eröffnen sie die neue Saison der „klassisch!“-Konzerte im Stadthaus.

„Höchste Erwartungen“ werden an Sie gestellt: Ist ein solcher Erwartungsdruck eher schädlich oder motivierend?

Erik Schumann: Das Quartett hat im künstlerischen Sinne an sich selbst immer die höchsten Erwartungen, oder besser gesagt: Wenn wir spielen, dann mit absoluter Hingabe. Und wir investieren sehr viel Zeit in die Vorbereitung und wollen die Werke mit unseren Möglichkeiten so frei wie möglich erleben und aufführen können. Zwar werden wir die eigenen Erwartungen nie ganz erfüllen können, empfinden es aber als Ansporn, dass andere erfahrene Persönlichkeiten an unser Potenzial glauben.

Drei Brüder und eine Frau – verraten Sie uns doch kurz das Geheimnis ihrer „Ehe zu viert“ .

Liisa Randalu: Gibt es ein Geheimnis zu lüften? Nein, ich denke, wie in jedem Quartett oder auch in jeder Ehe, wenn man den Vergleich ziehen möchte, braucht man einen gemeinsamen Nenner, ein gemeinsames Ideal, in dessen Namen man bereit ist, alles zu geben. Das erfordert neben dem Idealismus vor allem Liebe, Hingabe, Demut, Aufopferungsbereitschaft, Rücksichtnahme, Empathievermögen, Konfliktbereitschaft und -fähigkeit sowie Reflexion. Ein ständiger Balanceakt zwischen dem Es, Wir und Ich.

Auch die besten Musiker können nicht immer beste Tage in bester Stimmung haben. Was unternehmen Sie, wie wappnen Sie sich dagegen?

Mark Schumann: Wir lernen gemeinsam, mit unseren Stimmungen umzugehen. Wenn jemand mit negativer Energie den Raum betritt, merken wir das untereinander sofort, da wir uns sehr nahestehen. Es ist dann die gemeinsame Aufgabe des Quartetts, mit der Ursache des Problems umzugehen. Meistens reichen kleinere Insiderwitze, um die Stimmung zu heben.

Es wird enorm viel verlangt von einem Weltklasse-Streichquartett: Perfektion, Spiritualität, Freiheit des Spiels, aber auch Demut vor dem Werk. Wie vereinen Sie so verschiedenartige Vorgaben?

Erik Schumann: Dies sind alles Zutaten, die wohl essenziell sind für die Arbeit in einem Streichquartett, genauso für andere Musik und Kunst im Allgemeinen. Die Auslegung jedoch kann sehr individuell sein. Ohne Streben nach Perfektion, die es in dem Sinne nicht gibt und auch nie das alleinige Ziel ist in einer künstlerischen Arbeit, kann zum Beispiel keine Freiheit im Spiel entstehen.

Wechseln bei Ihnen ab und zu die beiden Geiger ihre Plätze?

Ken Schumann: Wir haben tatsächlich mal für ein paar Konzerte die Geigenplätze getauscht, so wie wir auch alle möglichen Sitzpositionen im Quartett ausprobiert haben. Letztlich haben wir uns doch entschieden, nicht die Positionen zu wechseln. Das hat verschiedene Gründe. Im Moment funktioniert die jetzige Position am besten, und ich denke, dass wir eine gute Balance der Stimmen und der einzelnen Persönlichkeiten zueinander gefunden haben, die mit jedem Wechsel erst wieder „neu“ gefunden werden muss.

Es gibt seit einigen Jahren so viele junge, fabelhafte Streichquartette wie noch nie. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Liisa Randalu: In diesem rastlosen und schnellen Lebenswandel wirkt das Streichquartett entschleunigend, weil es vielleicht mit zu den Gattungen und Kunstformen gehört, in denen man sicherlich nicht über Abkürzungen zum Ziel gelangt. Ich denke, dass gerade derzeit die jungen und begabten Musiker zum einen sehr viel risikobereiter geworden sind und ein solches Leben mit gewissen Unsicherheiten auf der einen Seite, aber dafür mit einem Gewinn an Autonomie und musikalischer Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung auf der anderen Seite anstreben wollen, und bereit sind, dafür auf die Sicherheit einer festen Anstellung beispielsweise zu verzichten.

Sie beschäftigen sich, wie auch Ihre jüngste CD zeigt, intensiv mit zeitgenössischer Musik – glauben Sie, dass man damit mehr junge Menschen ansprechen kann?

Liisa Randalu: Es gehört definitiv zu den Aufgaben eines Künstlers, sich mit Zeitgenossen zu befassen. Komponisten, Musiker und das Publikum waren schon immer in einem lebendigen Prozess und Austausch, in dem das eine das andere bedingt. Was die jungen Menschen betrifft, finde ich, fängt die musikalische Bildung im Idealfall schon früh an, nämlich zuhause über die Eltern, oder durch Freunde, die ein Instrument spielen, und natürlich in den Schulen. Ich finde es toll, wenn junge Menschen oder auch Kinder in den Konzerten sitzen, aber ich empfinde es im Allgemeinen nicht als Problem, dass unser Publikum vermeintlich alt ist.

Das Programm Das Schumann Quartett gastiert am Mittwoch, 20. September, 20 Uhr, in der Reihe „klassisch!“ im Ulmer Stadthaus. Auf dem Programm stehen Mozarts Streichquartett Nr. 13, fünf Fugen aus dem 2. Band von Bachs Wohltemperiertem Klavier (bearbeitet für Streichquartett von Mozart), das Adagio „zum Gedenken an Robert Schumann“ von Aribert Reimann sowie Beethovens Streichquartett B-Dur op. 130 samt der Großen Fuge. Karten bei der SÜDWEST PRESSE.

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