Milchbauern setzten auf Konsum-Patriotismus

Zu viel Angebot und zu geringe Preise setzten den Milchwerken Schwaben 2016 zu. Für das laufende Jahr erwarten die Produzenten leichte Entspannung.

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Eine Achterbahnfahrt, sei das abgelaufene Jahr für die Milchbauern und die Milchwerke Schwaben gewesen. So lautete das Fazit der Vorstandsmitglieder auf der gestrigen Vertreterversammlung der Genossenschaft mit Sitz in Ulm. Während in der ersten Jahreshälfte 2016 beim Milchpreis der Abwärtstrend des vorangegangenen Jahres angehalten habe, stabilisierte sich die Lage im zweiten Halbjahr, berichtete Vorstandsvorsitzender Anton Köberle.

Vor allem ein eklatantes Überangebot an Milch sowie das verlängerte Agrar-Importembargo Russlands drückten den Kilopreis des Rohstoffes bis zur Jahresmitte auf 21 Cent. „Angebot und Nachfrage waren nicht im Gleichgewicht“, erklärte Köberle. Das Überangebot habe für fallende Preise gesorgt, welche die Bauern wieder dazu brachten, mehr Milch zu produzieren, um die Verluste wettzumachen. Erst das Eingreifen der EU in Form von Ankäufen von Magermilchpulver und einem zweiten Hilfspaket stabilisierte die Situation.

In der Folge erholte sich der Markt. Im vierten Quartal betrug der Milchpreis je Kilo bei den Milchwerken 35 Cent. Damit liege die Genossenschaft zehn Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Das von der EU aufgekaufte und bislang nicht wieder freigegebene Milchpulver sei jedoch nicht vom Markt, betonte das Vorstandsmitglied Jakob Ramm. „Irgendwann kommt es auf den Markt. Und dann dann wird es uns auf diese Füße fallen.“ Ramm rechnet aber nicht damit, dass die EU noch in diesem Jahr mit dem Abverkauf beginne. Insgesamt sei im vergangenen Jahr soviel Magermilchpulver in Deutschland hergestellt worden, wie zuletzt Anfang der 1990er.

Nachzahlung an Mitglieder

Für die 980 Milchbauern der Milchwerke Schwaben macht sich der Preisanstieg des vergangenen Jahres jetzt nochmal bemerkbar: Für jedes Kilo Milch, das 2016 an die Werke geliefert wurde, zahlt die Genossenschaft den Milchbauern nochmals einen Cent.

„Wir können uns nicht von den Preisschwankungen abkoppeln“, machte Köberle deutlich. Deshalb gelte es, sich mit der eigenen Marke „Weideglück“ gut im Markt zu positionieren. Neben Bio-Produkten sollen etwa auch Lebensmittel aus gentechnikfreier Milch den Kunden locken. Bereits seit April 2017 werden ein Drittel der Naturjoghurts aus Milch ohne Gentechnik hergestellt, wie Vorstandmitglied Jakob Ramm sagte. „97 Prozent der angefragten Lieferanten haben ihre Milchproduktion darauf umgestellt.“ Für Ramm ein zufriedenstellender Wert. Die Milchwerke wollten nicht wie andere Molkereien diesen Standard vorschreiben. Über die Zeit steige der Anteil gentechnikfrei-produzierender Milchbauern sicherlich noch weiter, ist Ramm überzeugt.

Während in diesen Segmenten ausgebaut wird, stellte die Genossenschaft  nach einem weiteren Nachfragerückgang zum Jahresende die Abfüllung von Frischeprodukten wie Joghurt in Fünf- und Zehn-Kilo-Eimern ein.

Optimistischer Ausblick

Für das laufende Jahr sieht Vorstandsmitglied Karl Laible etwas positivere Vorzeichen als für die beiden vergangenen Jahre. „zumindest für die kommenden drei Monate bin ich positiv gestimmt.“ Der derzeit bei 33 Cent liegende Milchpreis sollte im nächsten Vierteljahr nicht unterschritten werden, eher könne man mit einer Entwicklung nach oben rechnen. „Vielleicht ist der Umkehrschwung geschafft.“ Weiter wie ein Vierteljahr lasse sich der Preis jedoch nicht schätzen, „ansonsten fällt man wieder zu tief“, wenn die Prognosen nicht eintreffen, erklärte Laible.

Für ein stabile Ertragslage und somit konstante bis steigende Milchpreise brauche es Rückhalt in der Region. „Wir brauchen einen Konsum-Patriotismus.“ Zumal gentechnikfreie oder Bio-Produkte fast ausschließlich auf dem deutschen Markt Anklang fänden. „In Spanien interessiert es niemanden, ob die Tiere mit gentechnikfreiem Futter gefüttert werden“, sagte Köberle. Deshalb sei es wichtig, dasVertrauen des Konsumenten auf den Höfen etwa im Rahmen einer gläsernen Produktion zu gewinnen.

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Nicht nur Preise steigern

Landwirt ist ein angesehener Beruf. Laut einer aktuellen Emnid-Umfrage rangiert der Bauer, fragt man nach der gesellschaftlichen Bedeutung des Berufs, vor Polizist und Lehrer. Einzig dem Arzt messen die 1000 Befragten mehr Bedeutung bei. Wie kann es sein, dass viele Landwirte dennoch aufgrund niedriger Milchpreise seit geraumer Zeit ums Überleben kämpfen müssen? Ein Grund ist sicher der, dass der Großteil der Deutschen beim Kauf von Lebensmitteln vor allem auf den Preis und nicht zuerst auf Qualität und Erzeuger aus der Region achtet. Deshalb hoffen etwa die Genossenschaften auf einen Bewusstseinswechsel bei den Konsumenten. Statt Geiz ist geil, soll vor allem Regionalität punkten.

Doch auch die Landwirte müssen sich mit den Gegebenheiten des Markts auseinandersetzen.  Seit die Milchquote vor gut zwei Jahren gefallen ist, gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Unbegrenzt immer mehr Milch auf den Markt zu pumpen, ist, wie im vergangenen Jahr deutlich wurde, jedenfalls nicht die Lösung: Geringere Erlöse lassen sich auf diese Weise nicht kompensieren. Denn auf Hilfen der EU, die den Markt mit Ankäufen und Hilfspaketen künstlich reguliert, werden die Landwirte nicht ewig hoffen können.

Letzlich hilft nur, die Produktion der Nachfrage anzupassen – und der Verbraucher muss einen anständigen Preis bezahlen.

Ein Kommentar von Julia Kling.

Erlöse Die Sammelfahrzeuge der Milchwerke Schwaben haben 2016 durchschnittlich 1200 Tonnen Milch bei 980 (1040) Milchbauern abgeholt. Jeder lieferte im Schnitt 356 Tonnen Milch im Jahr. Am Produktionsstandort in Schwaighofen wurden 426 000 Tonnen Milch verarbeitet. Der Umsatz stieg von 190 Millionen Euro leicht auf 193 Millionen. Zehn Prozent der Produkte werden in Länder außerhalb der EU exportiert. Die Milchwerke Schwaben beschäftigen 181 Mitarbeiter.

Milchpreis  Im Schnitt zahlte die Genossenschaft den Mitgliedern netto 30,56 Cent für einen Liter Milch, für Bio-Milch lag der Preis bei 49,47 Cent.

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