Migration nutzt allen

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Aber jahrhundertelang wanderten Deutsche aus. Das zeigt die Ausstellung "Die Gerufenen", die gestern im Donauschwäbischen Zentralmuseum eröffnet wurde.

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Kolonisierung als Technologie-Transfer. Dieser Stich aus dem Jahr 1703 zeigt eine Ansicht der Stadt Kremnitz in den Westkarpaten und eine allegorische Darstellung des Erzbergbaus, dem Kremnitz seinen Reichtum verdankte.

"Ein Land mit nur einer Sprache und einer Sitte ist schwach und gebrechlich. Darum ehre die Fremden und hole sie ins Land." Wer das sagte? Der erste ungarische König und Nationalheilige Stephan I. (969-1038). Viel Wasser ist inzwischen die Donau hinabgeflossen, und von multiethnischer Toleranz ist Ungarn heute weiter entfernt als vor 1000 Jahren. "Man darf diese Ausstellung nicht mit unseren heutigen Augen betrachten", sagt denn auch Hausherr Christian Glass über die Schau "Die Gerufenen. Deutsches Leben in Mittel- und Osteuropa", die gestern im Donauschwäbischen Zentralmuseum eröffnet wurde. Ulm ist die erste Station der Wanderausstellung. Denn projektiert worden ist die Ausstellung vom Zentrum der Vertriebenen in Zusammenarbeit mit dem Bund der Vertriebenen. Beides Institutionen, denen Kritikern auch revanchistische Tendenzen vorwerfen.

In der aktuellen Ausstellung im Donauschwäbischen Zentralmuseum ist davon jedoch nichts zu spüren. Sie ist eine reine Faktensammlung, listet auf Schautafeln und mit vielen historischen Fotos auf, wie und wann Deutsche auswanderten, welche Probleme sie aus der Heimat trieben und wie sie von den Grundherren umworben wurden. Und das ist auch der Punkt, den Christian Glass meint, wenn er davon spricht, dass diese Schau nicht mit den heutigen Augen gesehen werden sollte. "Damals war das keine Auswanderung aus einem Nationalstaat in einen anderen, damals wanderte man aus einer Grundherrschaft in eine andere."

Und diese Grundherren hatten ein reges Interesse daran, Menschen in ihre oft nur dünn besiedelten Gebiete zu locken: Den Kolonisten winkten günstige Kredite, die Zuteilung von Land, die Befreiung vom Militärdienst, Religionsfreiheit. Im Gegenzug bekamen die Grundherren nicht nur neue Untertanen. "Die Migranten verfügten auch über technisches Knowhow, das in der neuen Heimat oft noch unbekannt war. Die Kolonisierung war also oft auch ein Technologietransfer", sagt Christian Glass.

Und so waren nicht nur deutsche Handwerker gesucht, auch wer Erfahrungen im Bergbau oder in der effektiven Bewirtschaftung von Wäldern hatte, wurde von den Lokatoren der Grundherren umworben. Dem Zuzögling winkten also mehr Freiheiten und Wohlstand, der Grundherr konnte dank mehr Menshen und neuer Techniken seine Ländereien gewinnbringender bestellen lassen. Heutzutage bezeichnet man so etwas als Win-Win-Situation.

8,3 Millionen Deutsche lebten Anfang des 20. Jahrhunderts in Ost- und Mitteleuropa. Die größte Gruppe in Böhmen und Mähren. Aber in der Ausstellung werden auch Siedlungsgebiete vorgestellt, die heute weitgehend vergessen sind: Bessarabien, Wolhynien, Gotschee oder Askania Nova. Das lag nördlich der Krim-Halbinsel in Südrussland. Dort hatte der Herzog von Anhalt-Köthen 50 000 Hektar Steppenland vom Russischen Zaren erworben. 25 deutsche Aussiedler und 3000 Schafe machten sich 1828 auf den Weg dorthin, 1856 ging das Land in den Besitz des Kaufmanns Friedrich Fein über, der sich einen Namen als Zuchtexperte machte, das Przewalski-Wildpferd wieder ansiedelte, aus Pferden und Zebras das Zebroid kreuzte und einen Tier- und Landschaftspark gründete. Das Reservat existiert bis heute: Unterstützt von Eduard von Anhalt und Eduard von Falz-Fein, den Nachfahren der Gründer.

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