Mehr Künstlerinnen als Künstler bei der 21. Triennale Ulmer Kunst

Der Mensch, seine Fantasien, Architekturen und Konzepte - ein weites Feld, das die Triennale Ulmer Kunst abdeckt. Platz genug dafür ist in der Kunsthalle Weishaupt, wo die Ausstellung erstmals stattfindet.

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"Knallheiß" sei die Verbindung momentan, sagt Gabriele Holthuis - der Steg zwischen Ulmer Museum und Kunsthalle Weishaupt hat sich ordentlich aufgeheizt die vergangenen Wochen. Aber man kann ja auch einfach den Eingang nehmen, um die jüngste heiße Verbindung zwischen beiden Häusern in Augenschein zu nehmen. Die 21. Triennale Ulmer Kunst wird heuer erstmals in der Kunsthalle gezeigt, wo die erste Etage dafür freigeräumt wurde. An die hundert Werke von rund 50 Künstlern, die aus Ulm und Umgebung stammen oder dort wohnen, präsentiert das alle drei Jahre stattfindende Gemeinschaftsprojekt von Kunstverein, Künstlerhaus, Künstlergilde und Ulmer Museum.

Zum 60. Geburtstag der Triennale und dem 125. des Münsterturms liegt das Thema nahe: "on top" - auf der Spitze - fühlt sich Ulm, dürfen sich die einjurierten Künstler fühlen. Die fünfköpfige Jury hat aus 350 Arbeiten von 150 Bewerbern ausgewählt, wobei man eigentlich im weiblichen Genus bleiben müsste, sind doch in der Schau bald doppelt so viele Künstlerinnen wie Künstler vertreten. Ein Drittel jedenfalls hat es in die Triennale geschafft - "das ist viel", betont Museumschefin Holthuis. Eine Gruppenausstellung in diesem Umfang in irgendeinen sinnhaften Zusammenhang zu bringen, ist nun gar nicht so leicht, in diesem Fall aber ganz gut gelungen. Wer den Gang ganz hinten beginnt, der geht sozusagen von sich selbst aus: "Der Mensch schwebt durch diesen Raum mit den Spuren, die er hinterlässt", wie Holthuis es formuliert. Stefanie Siering hat die erotische "Tagträumerei eines leidenschaftlichen Teetrinkers" auf Teebeutel geprägt, Patrick Nicolas wischt Spuren über seine lakonischen Porträts, und Dorothee Herrmann zieht das Thema sozusagen am Faden in ihre Bilder weiter.

Neben einem vergleichsweise konventionellen Blumenstrauß von Julia Kolev und einem neoarchaischen Frauenkörper von Bertram Bartl dann der erste Hinweis auf einen veritablen Trend: Ilja Mloschs kontemplatives Video über einen See ist nur eine von mehreren Videoarbeiten; einige von ihnen dürften zu Publikumslieblingen avancieren.

So wie Patricija Gilytes ausgefuchst galaktische Installation, die digital konstruiert aussieht, aber aus Aufnahmen von real existierenden Teelichtern gebastelt ist. Und natürlich Boris Chykulays und Tatianas Korols "filmportrait" in zwölf Teilen: Dafür muss jeweils ein Mensch einige Minuten vor der Kamera ausharren, unterstützt nur von Musik. OB Ivo Gönner wahrt vor allem Haltung, dafür zeichnen die Reaktionen der vielleicht sechsjährigen blonden Mila das wunderbar bewegte Porträt eines sehr interessanten kleinen Menschen.

Bevor man indes hier ankommt, durchquert man noch den Raum, der fürs eher Skurrile reserviert ist. Da gibt's Johanna Knöpfles Papierteppich aus zusammengeklebten Erinnerungen, Marc Reiners zweckfreie Gebilde aus gebrauchtem "plastikplastik" oder Reiner Schleckers lustige Stallhasen. Isabelle Konrad gießt sich ungerührt Wasser aus Omas Kaffeekanne ins Ohr hinein und aus dem Mund heraus. Walter Holls surreal verwachsene "Nacht" lässt dann schon an Holthuis' Bemerkung denken, diese Ausstellung sei auch ein Durchgang durch hundert Jahre Kunst.

Im Raum für Architektur und Fotografie leitet Franziska Degendorfer mit ihrem Retro-Konstruktivismus schon über ins Kabinett für abstrakt-serielle Arbeiten wie Dorothea Grathwohls Kippas, Heidemarie Ziebandts Zuckerwürfel-Tafeln oder Max Hattlers Geometrie-Comic - die modern klassische Ästhetik seines Videos "Shift" hat was von einem Oskar-Schlemmer-Ballett, nur dass der Mensch daraus nun ganz entwichen ist.

Und wo bleibt das Münster? Es hängt kopfüber, auf Draht reduziert von Michael Danner. Und es hat vor allem Pro-Arte-Stipendiatin Simone Rueß ihren Blick auf den "Münsterplatz" ermöglicht: Mit Nadeln und Fäden hat sie die Wege der Menschen dort unten nachgezeichnet. Aus der Höhe des Monuments entsteht die Fläche des Ornaments - jede Stecknadel ein Mensch, jeder Faden ein Weg. Ein Bild, das jeden Moment auch ein ganz anderes sein könnte.

Eröffnung am Freitag

Schau in der Kunsthalle Die Triennale Ulmer Kunst wurde 1955 vom damaligen Museumsdirektor Herbert Pée begonnen. Ihre 21. Ausgabe eröffnet am Freitag, 19 Uhr in der Kunsthalle Weishaupt und ist bis zum 20. September im ersten Obergeschoss zu sehen. Dann wird im Rahmen einer Finissage auch der Besucherpreis von der Sparkasse Ulm vergeben. Der Preis für den Künstler ist mit einem Geldbetrag und einer Einzelausstellung dotiert. Zur Ausstellung ist ein Katalog für zwölf Euro erhältlich.

Besucherinfos Öffnungszeiten sind jeweils Dienstag bis Sonntag, 11-17 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr. Mehr Informationen finden sich unter: www.kunsthallenweishaupt.de

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