Gefahr durch Medikamente in der Schwangerschaft

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Dr. Wolfgang Paulus leitet die Ulmer Beratungsstelle.  Foto: 

Fipronil? Ein Thema, das derzeit viele Menschen umtreibt – Schwangere naturgemäß mehr. Einmal pro Tag hat Dr. Wolfgang Paulus eine werdende Mutter am Telefon, meist ist die Aufregung groß, größer als die Gefahr, dass das Insektizid dem Ungeborenen tatsächlich einen Schaden zufügen könnte. Er nimmt alle diese Anfragen ernst, wobei: Oft wissen die Frauen gar nicht, ob die Eier, die sie gegessen haben, überhaupt aus den belasteten Chargen stammten.

Anders gelagert sind die annähernd 4000 Anfragen, die der Ulmer Gynäkologe pro Jahr von niedergelassenen Kollegen erhält. Dabei geht es um schwangere Patientinnen, werdende Mütter, die, weil sie nicht von ihrer Schwangerschaft wussten, weiterhin ihre Medikamente eingenommen haben – gegen Depressionen, Bluthochdruck, Migräne, Epilepsie, Asthma oder auch Akne – und jetzt befürchten, dass das Kind im Mutterleib Schaden nimmt. „Die Ängste sind nicht unbegründet, die Folgen können bedenklich sein“, sagt Paulus, der die Beratungsstelle Reproduktionstoxikologie, kurz: Reprotox, an der Ulmer Uni-Frauenklinik, leitet. Eine von deutschlandweit zwei Stellen, die sich der Medikamentenberatung in Schwangerschaft und Stillzeit verschrieben haben.

Was da im Hintergrund mitschwingt, ist klar: der Contergan-Skandal. Rund 10.000 Babys waren Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre mit Fehlbildungen zur Welt gekommen, weil Schwangere das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan genommen hatten. „Seither halten sich die Pharmafirmen aus rechtlichen Gründen zurück, sie wollen keine Verantwortung für eine zu groß­zügige Medikation übernehmen“, sagt Paulus.

Beispiel Marcumar. Der Gerinnungshemmer muss drei Monate vor der Schwangerschaft abgesetzt werden, so steht es im Beipackzettel – und in der Roten Liste, dem Arzneimittelverzeichnis, das jeder Arzt zur Hand hat. Was aber, wenn die werdende Mutter, die an einem angeborenen Herzfehler leidet, den Gerinnungshemmer bis in die sechste Schwangerschaftswoche genommen hat? Weil sie einfach nicht wusste, dass sie schwanger ist? Das ist beileibe kein Einzelfall, sagt Paulus. „Bei aller Familienplanung von A bis Z: Die Hälfte aller Schwangerschaften sind nicht geplant.“

Die Konsequenzen können schwerwiegend sein. In den USA sind verwandte Präparate von Marcumar untersucht worden, sie haben zu Störungen im Skelett- und im zentralen Nervensystem des Kindes geführt. Deshalb auch der Warnhinweis im Beipackzettel. Die werdende Mutter ist entsetzt: Kommt ihr Kind behindert zur Welt? Kann sie die Schwangerschaft fortsetzen? Soll sie abtreiben? Innerhalb von 24 Stunden gibt Paulus eine Empfehlung für oder gegen das spezielle Medikament, er zeigt alternative Arzneimittel auf und rät zu Vorsorgeuntersuchungen.

Mehr als 30.000 Datensätze

Die Basis, auf der er seine Empfehlungen ausspricht: eine Datenbank, die über 30.000 Datensätze enthält, Informationen zu Medikamenten, über den Schwangerschaftsverlauf und die Entwicklung des Kindes nach der Entbindung. „Da sind wir sehr hinterher. Denn wenn wir den vollständigen Verlauf haben, wird unsere Beratung besser.“ Dafür ist die Beratung gebührenfrei, Spenden sind laut Paulus hingegen erwünscht.

Seit 1990 sammelt der Frauenarzt Daten und berät sowohl niedergelassene Ärzte als auch Patientinnen. Zunächst war die Beratungsstelle an die Frauenklinik angegliedert; als der Beratungsaufwand immer größer wurde und die Finanzierung zunehmend schwierig („keiner wollte dafür aufkommen: weder die Ministerien noch die Pharmaindustrie noch die Universität“), übernahm die Diözese Rottenburg-Stuttgart von 2002 an die Stelle in das kirchlich geführte Elisabethen-Krankenhaus in Ravensburg, das Lehrkrankenhaus der Uni Ulm ist. Jetzt, nachdem die Klinik in die kommunale Zuständigkeit übergegangen ist, kehrte die Beratungsstelle auch auf Betreiben des Ärztlichen Direktors der Uni-Frauenklinik, Prof. Wolfgang Janni, wieder zurück nach Ulm. Die katholische Kirche trägt das Projekt großteils, sie leistet die Basisfinanzierung in Höhe von 100.000 Euro pro Jahr – auf die Dauer von fünf Jahren. Die Uni Ulm und die Kassenärztliche Vereinigung leisten ebenfalls einen Obolus.

Für Paulus ist die Rückkehr an die Uni eine sinnvolle Option, „die Beratungsstelle passt bestens in das Spektrum der Frauenklinik“. Wobei sich der 54-Jährige an der kirchlich geführten Klinik immer gut aufgehoben fühlte. „Mir hat niemand dreingeredet. Die Beratung ist immer ergebnisoffen, es kommen also auch Schwangerschaftsabbrüche vor“, sagt der Ulmer Frauenarzt, den eine große Begeisterung für das Thema antreibt. Dass ihm die Schicksale der Schwangeren nachgehen, will er nicht verhehlen – vor allem dann, wenn die Datenlage eindeutig gegen ein gesundes Kind spricht.

Laufbahn Der gebürtige Augsburger Wolfgang Paulus ist in Weißenhorn aufgewachsen und hat sein Abi am dortigen Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium absolviert. Der heute 54-Jährige studierte an der Uni Ulm, er arbeitete bereits als Doktorand an der Frauenklinik, von 1989 an war er Assistenzarzt. Seit 1996 ist Paulus Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Die Medikamentenberatung übernahm er in den 90er Jahren, „zunächst als Hobby nebenher“. Mittlerweile ist er zu 80 Prozent seiner Arbeitszeit mit Beratungen beschäftigt.

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