Liora Hilbs Stück „rememberRing“ hat am Mittwoch Premiere im Akademietheater

Im Theaterstück„remembeRing“ spielt ein Ring die Hauptrolle. Er gehörte einst der Ulmer Jüdin Jenny Hilb. Deren Enkelin Liora erzählt nun die Geschichte.

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„Ich weiß nicht einmal, in welcher Sprache sich meine Eltern unterhalten haben“, sagt Liora Hilb. Die Mutter sprach Hebräisch, Englisch und osteuropäische Sprachen, der Vater war deutscher Jude aus Ulm und sprach nur Deutsch. Liora Hilb selbst wuchs von 1956 bis 1962 in Tel Aviv auf.

Man wundert sich, dass selbst solche alltägliche Dinge wie die Sprache in den Sumpf des Vergessens abgleiten können. „Man hat bei uns daheim auch nie über die Vergangenheit geredet“, berichtet Liora Hilb. Der Schrecken bekam den undurchdringlichen Mantel des Vergessens umgelegt.

In der jüdischen Familie Hilb, die ihre Ursprünge in Ulm hat, genauer: in der Neutorstraße 16, wurde viel geschwiegen. „Es gibt so vieles, was ich einfach nicht weiß“, sagt die Enkelin der Ulmer Jüdin Jenny Moos: Mit dem Stück „remembeRing“ thematisiert sie nun das Schweigen. Am Mittwoch feiert das einstündige Stück am Akademietheater Ulm Premiere.

Liora Hilbs Großmutter heiratete 1913 den Kaufmann Julius Hilb und zog mit ihm nach Ulm, wo man in der Wengengasse eine Textilhandlung betrieb. Für Jenny, die nach dem Tod ihres Mannes den ebenfalls verwitweten Hugo Moos heiratete, endete das Leben furchtbar. Im August 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und am 30. Januar 1943 nach Auschwitz verfrachtet. Dort ermordeten sie die NS-Schergen vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft.

„Über all das wurde in meiner Familie kein Wort verloren“, sagt Liora Hilb. Das Schweigen der zweiten Generation sei geradezu typisch, erklärt Mark Tritsch, der Mitorganisator der Stolpersteinbewegung. Die Brüder Otto und Kurt Hilb konnten 1939 mit gefälschten Papieren dem Nazi-Regime entkommen und wanderten nach Tel Aviv aus.

In dem Stück „remembeRing“, das Liora Hilb mit der Co-Autorin und Dramaturgin Miriam Locker geschrieben hat und in dem sie selber die Hauptrolle spielt, wird das Schweigen beredt. Die Schauspielerin schlägt aber auch einen Bogen zum Heute, „weil die Haltung von Jugendlichen durch die Stimme meiner Tochter Stella zu Wort kommt“, erklärt Liora Hilb. An Frankfurter Schulen sammelte die Regisseurin Meinungen zu den Themen Flucht, Vertreibung und Völkermord. Diese Statements werden auf Videoeinspielungen eingeblendet, und Lioras Hilbs Tochter Stella, die an der Hochschule für Film und Fernsehen in Frankfurt Schauspiel studiert, gibt die Schülerinterviews wieder. Im Künstlergespräch nach der Aufführung am Akademietheater lässt sich an diese teils skurrilen, teils den Völkermord verharmlosenden Statements heutiger Schüler anknüpfen.

Die Spurensuche von Enkelin Liora Hilb beginnt in „remebeRing“ mit einem mysteriösen Päckchen. Jahrzehnte, nachdem Großmutter Jenny in Auschwitz ermordet wurde, klingelt ein Bote an der Wohnung in Tel Aviv und überreicht eine Schachtel mit zwei Ohrringen, die einst Jenny Hilb gehörten. Ohne Erklärung, ohne Brief, ohne irgendeinen Hinweis. Diese Ohrringe, die Liora Hilb zu einem Ring fassen ließ, sind der Ausgangspunkt zu dem Theaterstück. Die Schauspielerin, Gründerin des Kindertheaters „La Senty Menti“, hat das Stück bereits in ihrer Heimatstadt Frankfurt erfolgreich aufgeführt. Doch Ulm ist nochmals ein ganz anderes Pflaster – und das ist wörtlich zu nehmen. Am Donnerstag, 29. Oktober, werden von 14 bis 16.30 Uhr in der Ulmer Innenstadt sechs neue Stolpersteine verlegt. Einer davon auch in der Neutorstraße 16, dem Wohnhaus von Jenny Hilb, spätere Moos.

„Zu der Stolpersteinverlegung kommt ziemlich viel Verwandtschaft“, sagt Liora Hilb. „Überhaupt habe ich durch das Stück Verwandte auf der ganzen Welt gefunden.“ Unterstützt wird die Ulmer Aufführung von der Stolpersteininitiative Ulm, dem Akademietheater Ulm und dem Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg sowie von der Ulmer Bürger Stiftung und der Volksbank Ulm-Biberach. „In Ulm sind die Schüleraufführungen schon fast ausverkauft, und auch zur Premiere haben wir nur noch wenige Plätze“, freut sich der Leiter des Akademietheaters, Ralf Rainer Reimann.

Enkelin und Urenkelin erzählen in „remembeRing“ vom Holocaust, ohne eigene Fluchterfahrungen zu haben. Es sei kein Betroffenheitsstück, erklärt Liora Hilb. Eher sei es ein Stück gegen die Unwissenheit, vielleicht auch ein „Stolperstück in die Gegenwart“. Die Stolpersteinaktion manifestiert das auch über die Dauer der Aufführung hinaus.

Die Hilbs

Otto Hilb  Der Bruder von Liora Hilbs Vater Kurt blieb nach der Shoah in Tel Aviv, während die Familie von Liora Hilb Tel Aviv wieder verließ und 1962 nach Frankfurt zog. Otto Hilb war es in den Sommermonaten jedoch in Palästina zu heiß und er besuchte Ulm. Dort hielt er engen Kontakt zur Familie von Alt-OB Ernst Ludwig, die ihm auch eine Wohnung in Ulm vermittelte. Otto Hilb hat sich dafür stark gemacht, dass der Erzählband „Zeugnisse zur Geschichte der Juden in Ulm“ erschien, in dem er selber auch einen Beitrag veröffentlichte. Otto Hilbs Frau Eva ging als 79-Jährige nach Ulm und verbrachte einige Jahre in der Stadt. „Doch plötzlich wollte sie mit über 80 wieder zurück“, erzählt Liora Hilb. 

Premiere Mittwoch, 20.15 Uhr, Im Akademietheater. Weitere Termine am Donnerstag, Freitag und Samstag, jeweils 20.15 Uhr.

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