Lieblingsworte des Pietisten Hesse

Egomane, Pietist und gefühlskarg. So stellt Gunnar Decker Hermann Hesse in seiner Biographie "Der Wanderer und sein Schatten" dar.

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Hesse und fidel? Das passt so gar nicht. Trotzdem schleicht sich dieses "fidel" um 1900 in Hermann Hesses Briefe und Erzählungen ein. Er wäre es wohl gerne gewesen. Zumindest probehalber und zeitweise. In diesem Bestreben reist Hesse 1901 nach Italien und erhofft sich dort eine Erweckung seiner Sinne. Doch der Süden zeigt ihm seine unfidelen Seiten. Bei seiner zweiten Italienreise 1903 ist er vor allem genervt.

",Famos und ,fidel waren damals die Lieblingsworte eines widersprüchlichen Pietisten und notorischen Alleingehers", klärte Gunnar Decker in seiner Lesung bei Gondrom auf. "Der Wanderer und sein Schatten" ist eine 650 Seiten starke Hesse-Biographie, in der der promovierte Philosoph Decker das Lebens Hesses mit seiner Literatur verwebt. Man liest diese musikalisch geschriebene Biographie mühelos. In der Lesung verabreichte der Autor die Essenzen teelöffelweise.

Decker stellt Hesse als einen Mann der Krise vor. Freilich einer zelebrierte Krise, die ihn 85 Jahre am Leben hält. Hesse, der in seinem Elternhaus keine emotionale Nähe erfuhr, hängt als Nobelpreisträger das Schild "Bitte keine Besuche" an die Gartentüre. Er führt drei Ehen, zu denen er sich gedrängt fühlt, und bewohnt in der Casa Rossa Zimmer, zu denen nur er Zutritt hat. Die Ehefrau muss draußen bleiben, aber sie darf dienstbar sein. Einer, der in seinem Leben 44 000 Briefe schreibt, achtet auf Distanz. Decker: "Ein hochgradiger Egomane."

Hesse war einer, "der in seiner bildhaften Sprache nicht der Avantgarde entsprach", meinte Decker. Er wurde vereinnahmt und verabscheit, von den Hippies geliebt, von der Literaturkritik verächtlich gemacht. "Dabei probierte er viele literarische Ansätze aus." Da seien der subjektive Exzess im Steppenwolf, das Traktat im Glasperlenspiel. "Es sind wohl Texte, die in ihren Grundkonflikten funktionieren", erläuterte der Autor und erzählte vom aktuellen Interesse an Hesse im arabischen Raum. "Dort kennt man Brecht und Hesse, aber nicht Thomas Mann. Das muss am Archetypus liegen." Deckers Buch ist geistreiches Slow Food für literarische Müßiggänger, die Bücher ohne Hektik und plakativer Zurschaustellung mögen. Eine melodische Annäherung an den Distanzierten.

Info Gunnar Decker: Der Wanderer und sein Schatten. Hanser Verlag, 650 Seiten, 26 Euro.

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