Lieber mollig als Magersucht im Hirn

Essen kann für Jugendliche zum Problem werden. Gudrun Mack von der AOK Ulm-Biberach sprach in der Obermarchtaler Franz-von-Sales-Realschule im Rahmen von "Wir lesen täglich" über Essstörungen.

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Was halten 15-jährige Schülerinnen von superschlanken Models, die ihnen in den Castingshows und in Fernsehsendungen von Modenschauen begegnen? "Die Models finde ich schön und arbeite daran, auch so auszusehen", sagt ein Mädchen der Mädchenrealschule in Obermarchtal. Ihre Mitschülerin Bettina meint dagegen, dass Models kein Vorbild seien und man sie nicht als Maßstab nehmen sollte.

Die meisten sehen im krampfhaften Fasten auch ein Gefahr. Solche Models würden kaum noch ein gesundes Verhältnis zum Essen haben, sind die Schülerinnen überzeugt. "Das Fernsehen zeigt Mädchen zu oft als schlanke, dumme, blauäugige Wesen", schreibt eine Schülerin. Und doch ist diesem Bild von superschlanken weiblichen Geschöpfen kaum zu entkommen. "Dicke werden gemobbt und schief angesehen", sagt eine Schülerin. Das habe aber mit der Oberflächlichkeit der Menschen zu tun und gehe an ihr selbst vorbei. Auf Lästereien antwortet eine Schülerin mit dem Argument "Lieber zu viel Speck auf den Hüften als Magersucht im Gehirn".

"Kennt ihr jemanden, der Essstörungen hat?", fragte Gudrun Mack, die Ernährungsfachkraft bei der AOK, die Neuntklässlerinnen. Ein Mädchen meldet sich zögerlich, ein anderes kennt einen Jungen, auf den die Symptome der Bulimie zuträfen. "Meist sind es in einer Klasse drei bis vier Jugendliche, die jemanden kennen", sagt die Diätassistentin. Das Erbrechen des Gegessenen wurde an diesem Vormittag genau so wenig geschönt wie das Verheimlichen der Krankheit und die Folgen wie Organversagen oder Ausbleiben der Regel.

Das Thema Essstörungen ist im Lehrplan enthalten und deshalb wussten die Mädchen schon gut Bescheid. "Starker Gewichtsverlust, Probleme haben", zählten sie als Anzeichen auf. Dazu käme ein Stolz auf das Untergewicht und das Verheimlichen des Dünnseins, erläuterte die Referentin. "Magersüchtige behaupten, sie hätten keinen Hunger und ziehen sich weite Kleidung an, damit man ihnen nicht ansieht, wie mager sie sind", sagt Gudrun Mack.

Magersucht und Bulimie sind Essstörungen, die vor allem junge Frauen gefährden. Zu 90 Prozent sind Mädchen betroffen. Bulimische Jugendliche schaufeln in kurzer Zeit riesige Mengen in sich hinein und verstecken sich hinterher auf dem Klo, um das Essen wieder zu erbrechen. Die Folgen: Magen, Speiseröhre, Herz und Nieren können schwer geschädigt werden. Dazu kommen Karies, Schwindelanfälle, Ohnmachten, Depression und Mangelernährung. Bei der Magersucht essen die Betroffenen unglaublich wenig und verlieren dadurch an Gewicht. Beides sind Suchterkrankungen.

Manche Mädchen kennen den Heißhunger auf Deftiges wie ein Wurstbrot oder auch das Essen aus Langeweile. Aber einen Zustand, in dem die Betroffenen ihren Körper nur noch als Feind empfinden, ist den Schülerinnen fremd. Auch die Waage wird nicht allzu häufig aufgesucht. "Ein- bis zweimal in der Woche", schätzt die Mehrzahl der Mädchen.

Der Verzicht auf Essen zwischendurch sei gar nicht so einfach, sagt Greta. Dass man bei unkontrolliertem Essen zunimmt, ist den Mädchen klar. "Nur essen, wenn man Hunger hat", lautet das Gegenmittel. Zu 80 Prozent bekomme man das Halten des Körpergewichts mit gesundem Essen aber hin, die anderen 20 Prozent müssten mit Sport sein.

Heißhungerattacken befallen die Schülerinnen vor allem, "wenn ich etwas im Fernsehen oder auf dem Laptop anschaue". Und bei Stress? "Da gehe ich mit meinem Hund spazieren", meint Lara. "Wenn mir langweilig ist, setze ich mich an die Nähmaschine", erklärte eine andere Mitschülerin. "Bei Frust wird so lange nichts gegessen, bis das geklärt ist", hat sich eine vorgenommen.

Und was schützt Jugendliche vor einer Essstörung? Die Realschülerinnen haben mehrere Antworten parat. "Sich nicht fertig machen, mit sich im Reinen sein und das Schöne in sich selber sehen", empfiehlt eine. Ein anderes Mädchen erläutert seine Einstellung zum Essen so: Sie liebe Essen zu sehr, um es zu verweigern, und liebe sich selbst zu sehr, um es zu übertreiben.

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