Leitartikel: Enormer Stellenabbau fordert die Region

In Ulm fallen durch die Schließungen und Stellenabbau mehr als 3000 Stellen weg. Das trifft die Region zwar hart, aber der hiesige Arbeitsmarkt ist stark. Bloß: Wie stark?

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Für den Wirtschaftsstandort und die Region Ulm kommt es knüppeldick. Nach den Hiobsbotschaften bei Schlecker, Centrotherm, Iveco und Evobus steht nun vollkommen überraschend die Schließung des Nokia-Forschungszentrums mit 730 Mitarbeitern im Science Park II an – wo eigentlich keine Abbruchveranstaltung geplant war, sondern vielmehr die Zukunft Ulms entstehen sollte. Der Verlust an Arbeitsplätzen ist enorm, insgesamt fallen mehr als 3000 Stellen weg: über Nokia hinaus rund 1000 bei Schlecker, voraussichtlich ebenfalls etwa 700 in der Lastwagen-Montage von Iveco und jeweils etwa 400 bei Centrotherm und bei Evobus. Und beim Blaubeurer Solarhersteller Centrotherm, der lange als Hoffnungsträger und Jobmotor für den Wirtschaftsstandort galt, könnte es noch schlimmer kommen. Es werden Berechnungen angestellt, wie lange das Geld aus dem Börsengang reicht, weil der Anlagenbauer praktisch keine Solarfabriken mehr verkaufen und kaum Umsätze erzielen kann: längstens bis Jahresende.

Institutionen der regionalen Wirtschaft wie die Industrie- und Handelskammer und die Arbeitsagentur stehen vor erheblichen Herausforderungen. Vor allem die IHK wurde zuletzt nicht müde, den Fachkräftemangel zu beklagen. Damit dürfte es vorerst aber vorbei sein, und die Kammer kann ihre Netzwerke nutzen, um wie auch die Agentur den Stellensuchenden rasch einen neuen Arbeitsplatz zu besorgen. Auf diese Weise wird sich sehr schnell herausstellen, wie groß der Mangel an Arbeitskräften und wie aufnahmefähig der Arbeitsmarkt in und um Ulm tatsächlich ist.

Auch Firmen aus dem Umfeld der Wissenschaftsstadt wie der Car2go-Entwickler Daimler TSS, die vor kurzem noch ambitionierte Einstellungspläne bekannt gegeben haben, können in direkter Nachbarschaft zu Nokia vielleicht Flugblätter mit freien Stellen verteilen und sich junge hochqualifizierte Ingenieure aus der IT- und Internetbranche sichern.

Es macht in dieser Lage Mut, dass die Wissenschaftsstadt bereits andere Rückschläge wie die Schließung der Siemens-Handyentwicklung nach dem damaligen Verkauf an Benq und der nachfolgenden Insolvenz verkraftet hat. Das Interesse am Science Park, bei dem schon von der dritten Ausbaustufe die Rede war, bleibt ungebrochen. Dies zeigt auch der groß angelegte Neubau des Ulmer Herstellers von digitalisierten Anzeigentafeln AEG MIS nahe des Vorzeige-Passivhauses Energon. Da sollte es mit routinierten Spielern auf dem Immobilienmarkt wie der städtischen PEG und ihrem Chef Christian Bried – Stichwort Stadtregal – gelingen, auch für den Nokia-Standort eine Nachfolgelösung zu finden. Zum Wesen eines solchen Modellprojekts wie dem Science Park gehört es offenbar, dass immer wieder Firmen ausscheiden und neue hinzukommen. Bisher war es ein Glück für Ulm, dass die Zuwächse stets größer waren als die Verluste.

Es besteht also kein Grund, den Science Park abzuschreiben, obwohl die Standortschließung von Nokia ein herber Rückschlag ist. Was die wegfallenden Jobs im Fahrzeugbau anbelangt, bleibt die Frage, wie die Mittelständler der Metallindustrie diese Fachkräfte auffangen können. Der Arbeitsmarkt in Ulm und Biberach ist immer noch deutschlandweit der stärkste, aber auch nicht unbegrenzt belastbar. Wie groß ist die Tragfähigkeit, was muss der Standort demnächst noch aushalten – siehe Centrotherm? Das sind derzeit die Fragen.

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Kommentare

17.06.2012 11:53 Uhr

"Starker" Arbeitsmarkt

Die SWP schreibt: "...der hiesige Arbeitsmarkt ist stark." Ich bin nicht dieser Meinung. Von denen in meinem Bekanntenkreis, die an der Ulmer Uni ihr Diplom oder ihren Doktor gemacht haben, arbeitet kaum jemand im Raum Ulm, weil es hier an entsprechenden Stellen fehlt. Es fehlt an unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Stellen mit einigermaßen akzeptablem Gehalt vor allem für Physiker, Chemiker, Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler. Man muss nur nach Stellenangeboten von Zeitungen, Arbeitsagentur usw. nach diesen Berufsgruppen suchen, um das zu sehen. Das Gerede von "Wissenschaftsstadt" und "Innovationsregion" ist lächerlich. In Frankfurt, Düsseldorf oder Hamburg wissen viele nicht, wo Ulm liegt, und von einer "Wissenschaftsstadt Ulm" braucht man dort erst gar nicht anzufangen.

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16.06.2012 11:38 Uhr

Wofür kann Ulm noch Geld ausgeben?

Angesichts des hohen Stellenabbaues (IVECO, Nokia, Evobus, Schlecker...) und den damit verbundenen hohen Kosten durch zusätzliche Sozialausgaben und Steuerverluste sollte sich der Stadtrat und OB Gönner auch einmal dazu äußern, ob sie weiterhin den Bau eines Pumpspeicherwerkes im Blautal mit mindestens 75 Millionen Euro (am Schluß wahrscheinlich mehr als 100 Mio.) der stadteigenen SWU GmbH für eine tolle Idee hält. Dieser Landschaftszerstörer ist nicht notwendig und wird leider auch wirtschaftlich absehbar ein Desaster. Arbeitsplätze werden kaum geschaffen (keine 10 Dauerarbeitsplätze).
Gleiche Überlegungen sind auch beim Gas-und Dampfturbinenkraftwerk in Leipheim notwendig (SWU will ca. 90 Millionen finanzieren).
Alle Fachleute und auch die meisten Politiker haben inzwischen erkannt, dass solche Kraftwerke nicht mehr wirtschaftlich zu bauen und zu betreiben sind. Außer natürlich mit neuen Milliarden-Subventionen, bezahlt von den kleinen Stromkunden!

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15.06.2012 22:45 Uhr

Weiter so

Wenn Papa Staat weiterhin Steuern erhöht ist es kein Wunder das soviele Stellen abgebaut werden,das wird noch schlimmer kommen. Armut hat uns schon erreicht,ich liebe Euro viele haben sich gefreut ich hatte vorher soviele Menschen gesagt das es schlimm enden wird,bald werden es noch mehr Arbeitslose geben wer will schon arbeiten gehen wo nichts mehr sparen kann und die Firmen weniger zahlen. Da sollten mal die Politiker mal Ihre Gehirn einschalten und richtig mal überlegen

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15.06.2012 18:14 Uhr

Äußerst ausufernder Unfug

Im weltweit nach wie vor anhaltenden Wettbewerb um selbsttragende Formen menschlicher Lebenslagen (Nahnsen/Weisser) so zu tun, als ob sozialpolitisch insbesondere mit der angekündigten Schließung der Ulmer Forschungseinrichtung von Nokia künftig Produktionsweisen nordamerikanischer Hersteller wie vor allem der von Apple, aber auch die asiatische von Samsung nunmehr das Maß der Dinge sind, verballhornt nicht allein notwendig zu beantwortende Fragen vorsätzlich, sondern legt angesichts längst erreichter Erkenntnisstände hinsichtlich dessen allfällig niedere Beweggründe an den Tag mit der Folge, die von ausnahmslos jedem am Arbeitsmarkt erwartbaren Leistungen im Mindesten unerfüllt zu lassen.

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