Leitartikel - Wer ruft die Akteure zum Thema Wohnungsnot zusammen?

Der Raum Ulm/Neu-Ulm gilt als sehr attraktiv - das macht sich auch in der Wohnungsnot bemerkbar. Um dieses Problem anzugehen ist auch die Privatwirtschaft nötig. Doch wer holt alle Akteure der Doppelstadt an einen Tisch?

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Viele Ballungs- und Verdichtungsräume – als solcher gilt Ulm/Neu-Ulm regionalplanerisch – ziehen Arbeitskräfte und Zuwanderer aus dem In- und Ausland an. Das drückt Attraktivität aus, ist also gut für die jeweilige Raumschaft. Wen drängt es schon in herumkrebsende Städte? Kein Mensch will darben.

Wirtschaftsstark, verkehrsgeografisch günstig liegend, freizeitangebotsbreit hatte die Doppelstadt schon Zugkraft weit vor dem ganz neuen Zuzug durch Flüchtlinge. Die Kehrseite davon: Es ist eng geworden auf dem Wohnungsmarkt. Das bekommen nicht nur weniger begüterte Zuzügler zu spüren, sondern auch jene Einheimischen, die als „Wohnungsverbesserer“ oft aussichtslos eine größere, eine modernere, eine komfortablere Wohnung suchen.

Die Flüchtlinge sind also nicht die Ursache, dass der Wohnungsmarkt zum Platzen angespannt ist. Sie verstärken die Lage erst. Dann, wenn diejenigen zusätzlichen Marktdruck erzeugen, die Asyl bekommen und aus Zentralunterkünften heraus Wohnungen auf dem freien Markt suchen.

Die in dieser Marktlogik steckende Brisanz haben alle Ulmer OB-Wahlkämpfer erkannt. Jede/r erklärte das Thema Wohnungsbau für oberwichtig. Wie es inzwischen auch die Stadtoberen tun, nachdem lange die Grünen eher einsame Mahner in einer leergefegten Immobilienwüste waren.

Man mag beklagen, dass manche Erkenntnis spät kommt. Viel beklagenswerter ist aber, dass über die Mängelanalyse und berechtigte Rufe nach Bauprogrammen von Bund und Land hinaus bisher herzlich wenig zu spüren ist von lokalen wohnungsbaupolitischen Offensiven. Bebauungsplanverfahren nehmen weiter ihren langatmigen Lauf. Beschleunigung Fehlanzeige. Es werden unverdrossen höchste Standards der ökologischen, energetischen, städtebaulichen, architektonischen, ästhetischen Art formuliert. Es wird in der Lokalpolitik zu viel gefaselt und zu wenig entschlossen vorgegangen gegen den Mangel. In Ulm, so der Eindruck, versteckt sich alles hinter der Wohnungsbaudebatte im März 2016. Bis dahin? Schauen wir mal.

Besonders ärgerlich ist die Lässlichkeit, mit der das auf der Hand Liegende unterbleibt. Dabei hat es OB Ivo Gönner formuliert: Die öffentliche Hand allein wird die Wohnungsnot nicht lindern können. Die Privatwirtschaft muss mitziehen. Dazu gehört sie erst mal an einem Tisch versammelt, an den beide Städte einladen. Wer also ruft die Akteure zusammen?

Es geht darum, stadtübergreifend so schnell wie möglich zusätzliche marktgerechte Wohnungen zu bauen und Bauplätze anzubieten: für Betuchte genauso wie für junge Familien, die im Heimatort am Stadtrand bauen wollen; für Normalverdiener genauso wie für Alleinerziehende oder Einkommensschwache – oder eben anerkannte Asylbewerber.

Ein solcher Kraftakt wird nur gelingen, wenn alle am Markt wirkenden Kräfte zu dem einen Strang gebündelt werden, an dem alle ziehen. Politisches Management heißt akut, die seit Jahren gut verdienende Branche der Bauträger und Immobilienhändler samt der kommunalen Wohnungswirtschaft marschfähig zu machen. Ganz im guten Glauben, dass keiner sich dieser Herausforderung und gesellschaftlichen Verpflichtung entziehen wird.

Fragen? lokalredaktion@swp.de

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Kommentare

05.12.2015 13:15 Uhr

Privat geförderte Verödung

Dass es insbesondere in Ulm nahezu keinen bezahlbaren Wohnraum gibt, ist der mehr als augenfällige Ausdruck davon, wie sehr sich dort die Gewichte einseitig zugunsten der Angebotsseite und zulasten der vielen, dadurch leer ausgehenden Nachfrager verschoben haben. Käme es notwendig zu einem Ausgleich der an sich gleichberechtigten Interessen, bestünde demnach eine begründete Aussicht darauf, eine (Miet-)Wohnung überhaupt erst wieder finanzieren zu können. Insofern aber der Trend auch künftig in die Richtung einer zutiefst antisozialen Logik geht, wird sich gesellschaftlich die auf diese Weise mit horrenden Geldern geförderte Ödnis vor allem in den begehrten Innenstadtlagen zunehmend rascher ausbreiten.

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