Leitartikel von Hans-Uli Thierer - Schwörmontag: Die Huldigung

So viele Ulmer wie noch nie auf dem Weinhof. Vor allem Ulmer - was ihm wichtig war - aus der ganz normalen bürgerlichen Mitte. Beifall ohne Ende für die Schwörrede. Nachmittags Sprechchöre beim Nabada wie jener, der heute unsere Schlagzeile abgibt: Eine Stadt huldigt ihrem OB. Ein Leitartikel von Hans-Uli Thierer.

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Ulm hat sich am letzten Schwörmontag unter Ivo Gönners Oberbürgermeistersein vor ihm verbeugt. Sich nicht von ihm verabschiedet, aber ihm signalisiert, wie sehr Ulm ihn schätzt.

Nur Nicht-Ulmer konnten das vermuten: Dass Gönner den Schwörmontag 2015 hernähme, um seine letzte Schwörrede zu strapazieren für eine persönlich gefärbte, selbstgefällige Bilanz über die Zeit seit 1992. Von wegen. Solcher Dünkel ist weder nach seinem Naturell noch ist es sein Amtsverständnis. Vom ersten Arbeitstag am 1. März 1992 an hat er sich als ein Glied in einer langen Kette verstanden. Ein Sprachbild, das in seinen Schwörreden immer wiederkehrte. Also auch gestern, ergänzt um eine Botschaft für die Zeit nach ihm: Jede Generation sollte eigene Beiträge zum Wohl der Stadt zu leisten.

An solchen Errungenschaften mangelt es nicht, seit er wirkt. Aber, wie gesagt, er dachte nicht daran, sie herauszukehren. Vielmehr hielt er eine bodenständige Schwörrede in bekannt dreigeteilter Manier: Bilanz; Dank an alle, die Beiträge zum guten Zusammenleben leisten; Ausblick, samt eingebauten Fernblicken über 2016 hinaus mit den Herausforderungen, im Ulmer Norden neues Gewerbeland zu erschließen und im Zuge der Fertigstellung der ICE-Neubaustrecke das Vorhaben Citybahnhof Ulm anzugehen, es gleichsam aber auch zu verstehen als stadtprägende Bahnhofscity.

An etlichen Stellen fiel die zweidutzendste Schwörrede Gönners dezidierter aus als manche ihrer Vorgängerinnen. Etwa, als er die Ulmer Donauaktivitäten einwebte in ein Plädoyer für das geeinte Europa, das für Gönner die sicherste Bastion ist gegen den erstarkenden Nationalismus und Populismus von rechts. Dank der Errungenschaften nach dem Krieg: Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, Sozialstaat, Bereitschaft, Konflikte durch politische Kompromisse zu lösen und nicht mit Waffen. Aber auch, indem der OB deutlicher denn je aufkeimenden Ressentiments gegen Flüchtlinge eine Absage erteilte. Sie erreichen nun auch Ulm - siehe Böfingen, siehe Wiblingen, von wo noch gestern Unterschriften gegen eine neue Unterkunft im Rathaus ankamen. Gewiss hat dieser OB Verständnis. Gewiss steht Gönner nicht für einen vorbehaltlosen, unkontrollierten, aus dem Ruder laufenden Zustrom an Flüchtlingen. Aber dafür, diejenigen, die da sind, anständig zu behandeln und unterzubringen.

Wie alle Schwörreden Gönners waren die stärksten Passagen die, in denen deutlich wurde: Da oben steht einer, der Grundwerte wie Toleranz, Bescheidenheit, vor allem Respekt nicht nur vom Balkon des Schwörhauses herunter predigt, sondern der sie verkörpert. Einer, der das gute Nebeneinander und Zusammen von und mit Armen und Reichen, Dummen und Gescheiten, Ausländern und Inländern, Jungen und Alten, Gescheiterten und Erfolgreichen lebt. Einer, um es in seinem Bild zu sagen, der nicht nur Glied, sondern jener feste Verschluss ist, der die lange Kette zusammenhält.

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Schwörmontag 2015

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