Leitartikel Stadtentwicklung: Der Prozess

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Stadtplanung ist ein Prozess. Die Ulmer Stadtspitze wird derzeit nicht müde, dies zu betonen, um Fronten aufzubrechen und Maximalpositionen zu relativieren, wie sie zuletzt die Debatte in der Stadtgesellschaft um die Sedelhöfe festgefahren haben. Fehler sind nicht ausgeschlossen, soll das heißen, Planung ist veränderbar, Stadtentwicklung entwickelt sich im Austausch, Kompromiss und letztlich im Konsens in der Sache und in der Erkenntnis: Die nächste Generation macht es sowieso wieder anders. Übersetzt in Schlaudeutsch: Die Gegenwart ist nur eine Momentaufnahme zwischen Vergangenheit und Zukunft - machen wir das beste daraus! Kritiker dürften dazu sagen: So kann man sich auch aus der Schusslinie bringen.

Bedingung für die Stadtentwicklung überhaupt ist vor allem aber erst mal eine Portion Glück. Und da konnte Ulm in der Vergangenheit aus dem Füllhorn schöpfen - und kann es bis heute. In der Diskussion über die Sedelhöfe diese Woche wurde zum Beispiel daran erinnert, dass erst die Nachkriegsentscheidung für eine hässliche Stadtautobahn die Voraussetzung für die Neue Mitte geschaffen hat. So isch na au wieder. . . Und dass erst das Scheitern des ECE-Projekts nördlich des Hauptbahnhofs dazu geführt hat, dass neuer Handel nicht etwa als Konkurrenz vor den Toren der City entsteht, sondern auf einem einst hässlichen städtebaulichen Areal jetzt mitten in der City - in den Sedelhöfen.

Die Stadt Ulm hat aber noch viel mehr Glück. Das hat diese Woche der Blick auf den Eselsberg gezeigt. Dort sind Verhandlungen mit dem Bund angebahnt worden, wie das Gelände der Hindenburgkaserne auf die Stadt übergehen soll. Jüngstes Beispiel einer Reihe so genannter Konversionen, also einer Umnutzung von Flächen. So ist das mit der Geschichte: Sie hängt einem nach, im Schlechten wie im Guten.

So würde sich wohl kaum einer der alten Zeiten der mit Soldaten vollgestopften Garnisonsstadt rühmen. Dafür aber gibt es heute Kasernenareale über Ulm verteilt, die nach und nach frei werden (was auch für den Nachbarn Neu-Ulm gilt). Boelckekaserne? Ist jetzt das Wohngebiet Römerpark. Kienlesbergkaserne? Nennt sich Residenz für Wohnen und Büros. Hindenburgkaserne? Folgt in Bälde. Bleidornkaserne? Kommt auch noch dran. Wilhelmsburg? Dafür findet sich auch noch was.

So viel zur militärischen Variante. Dazu haben Firmen wie Wieland und Eberhardt im Osten Flächen für Wohnen freigemacht, am Safranberg lebt man bald auf dem alten Klinik-Areal, der Magirushof ersetzte das Magiruswerk I und im Westen bietet demnächst der Iveco-Brandschutz neuen Platz.

Der Witz dieser Geschichte ist, dass sich die Stadt damit in der Stadt selber entwickeln kann und nicht draußen im Stadtgürtel dauernd neue Flächen verbrauchen muss. Innenentwicklung vor Außenentwicklung nennt sich dieses moderne Credo, dem Ulm unschwer folgen kann, auch wenn beim Tempo seines Wachstums draußen noch genug geschieht.

Wer so viel Glück hat, sollte sich öfter mal glücklich schätzen. Und dann schnell wieder dazu übergehen, Gelegenheiten beim Schopfe zu packen. Das gehört nämlich zur Ulmer Stadtentwicklung dazu. Dass sich Stadtverwaltung und Gemeinderat über die Liegenschaftspolitik nicht auf Erfolgen ausruhen, sondern sich immer wieder rechtzeitig bewegen - mit einer Vorstellung davon, wie die Stadt morgen aussehen soll. Statt den Prozess beendet zu haben.

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