LEITARTIKEL · INNENSTADT: Der Fluch der Attraktivität

Es bleibt laut. Das ist ja klar. In der Innenstadt war und ist es immer laut. Da wird es auch in der Nacht mal laut sein. Daran wird die Diskussion übers Leben in der Ulmer Innenstadt nichts ändern.

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Es bleibt laut. Das ist ja klar. In der Innenstadt war und ist es immer laut. Da wird es auch in der Nacht mal laut sein. Daran wird die Diskussion übers Leben in der Ulmer Innenstadt nichts ändern. Sie geht gerade in die nächste Runde, und die Lager sind nach wie vor bei der Sache, das der ruhebedürftigen Anwohner hier und das der partylustigen Nachtschwärmer da. Allerdings: Scheint in der Öffentlichkeit bisher der Lautere die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, bis eben die andere Seite noch ein wenig lauter zeterte, so zeigt sich jetzt: Die lautere Wahrheit gibt es in dieser Angelegenheit gar nicht.

Eine Debatte im Stadthaus offenbarte diese Woche, dass sich das Dickicht um das vielschichtige Treiben in der City so langsam lichtet. Vielleicht ist dies ersten Ermüdungserscheinungen im Lagerkampf geschuldet. Diese Tendenz kann jedenfalls zu konkreten Veränderungen führen, ohne immer nur schulterzuckend allgemeine Entwicklungen in Recht ("Liberalisierung") und Gesellschaft ("Ausgehverhalten") zu beklagen.

Ein erster Schritt wäre damit getan, den Schwörmontag aus der ganzen Debatte rauszuhalten, der Stadtfeiertag ist ein singuläres Ereignis mit eigenen Gesetzen. Probleme am Schwörmontag, die es zweifelsohne gibt, müssen aus seiner Organisation selbst heraus geregelt werden, und sei dies über die von Veranstalter Carlheinz Gern ins Spiel gebrachten Sicherheitskontrollen. Dabei soll alles in allem dann weiter - auch mal laut - gefeiert und weiter - auch mal mehr - getrunken werden dürfen. Wie schon immer halt.

Der Rest des Jahres aber ist eine andere Sache. Der Rest ist, was Anwohner als Schwörmontag in Endlosschleife auf die Palme bringt, ohne dass es etwas Feierliches hätte. Nein, es verändert die Stadt schleichend, und es ist die Frage, ob dies im Sinne der ganzen Stadt ist - also am Ende aller Ulmer.

Neu ist, dass dafür Verantwortlichkeiten benannt und eingefordert werden, wobei Veranstalter und Wirte längst erkannt haben, dass sie nicht auf stur stellen können. Das ist nicht zuletzt den städtischen Bürgerdiensten zu verdanken, die versuchen, zwischen den Fronten zu klären, und geradezu dazu auffordern, Probleme zu melden, um sie im Dialog zu lösen.

Dabei kommen rasch wichtige Gemeinsamkeiten heraus. Allen Seiten ist klar: Es gibt Regeln und Pflichten, an die sich jeder halten muss. Wie auf dem Fußballplatz. Wer es nicht tut, fliegt raus. Bleibt als größtes nicht gelöstes Problem bloß das der Kontrolle. Und dafür werden jetzt die Lokalpolitiker in die Verantwortung genommen.

Die Stadträte winden sich aus dieser Debatte bisher mit dem Argument der Attraktivität der Stadt heraus, das ihr Handeln ganz und gar bestimmt: Da die Stadt so attraktiv ist, kommen so viele Leute in die Stadt. Daraus folgerte quasi eigengesetzlich die fortwährende Attraktivierung mit Veranstaltungen und Festen und Drum und Dran von Aufbau bis Kehraus, so dass Ulm jederzeit zum prallen Leben einzuladen scheint. Möglich, dass der Bogen schon überspannt worden ist und die Geister nicht mehr zurückzurufen sind. Dafür wird im Gegenzug jetzt der Ruf nach dem Ordnungsdienst laut.

Letztlich ist auch die städtebauliche Attraktivierung zu hinterfragen, wenn sie auf Kosten der Innenstädter geht. Vielleicht ist das größte Problem an der leidigen Entwicklung, dass es einfach viel zu wenig Anwohner in der Innenstadt gibt, die als Junge, Alte und Familien in den Gassen das ganz normale laute Leben als Regel vorgeben würden.

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Kommentare

29.09.2012 09:14 Uhr

Offenkundiges Sparen an der falschen Stelle

Attraktiv für ein in unzähligen Varianten zunehmend massiver verübtes Fehlverhalten zu sein, welches sich dadurch verboten eigenmächtig der bereits von Natur aus auferlegten Schuld entledigen will, dem nachweislich stets vorausgehend existenten Gemeinwesen einer Stadt entsprechend zu handeln, kann getrost als Verschleuderung horrender Gelder seitens der öffentlichen Hand bezeichnet werden. Der Ulmer Gemeinderat bleibt insofern von der Allgemeinheit dazu angehalten, nicht an der falschen Stelle zu sparen, sondern die Ausgaben für besagten Unfug komplett zu kürzen und den kommunalen Haushalt zum Wohle aller schleunigst davon zu entlasten.

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