„Schneewittchen“ am Theater Ulm: Schulen ziehen Anmeldungen zurück

Schulen ziehen ihre Anmeldungen zurück: Es läuft nicht gut für das Märchen „Schneewittchen“. Was sagen Lehrer zu der Aufführung?

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Die Stimmen kommen vom Band: Schneewittchen und der Jäger.  Foto: 

Für viele Kinder soll es ein Highlight des Schuljahres sein: ein Besuch des Weihnachtsmärchens am Theater Ulm. Doch anstatt leuchtender Kinderaugen gibt es derzeit vor allem eins: viel Kritik an Andreas von Studnitz’ „Schneewittchen“-Inszenierung. Schulen ziehen ihre Anmeldungen zurück. Doch was sagen Lehrer, die mit ihren Schülern das Stück angesehen haben?

Kollegium der Albrecht-Berblinger-Gemeinschaftsschule: Das Stück wurde als „Märchenklassiker mit Zauber“ für die Jüngsten ab fünf Jahren angepriesen. Es stand nirgends, dass es modern interpretiert wird. Dieses „Schneewittchen“ war nicht kindgerecht. Alles war Playback, das Bühnenbild hat nicht zur Handlung gepasst, es gab kaum Requisiten. Zudem wurde Schneewittchen als Dummerchen und die Königin als Russin dargestellt, was unsere Schüler nicht nachvollziehen konnten. Es wurde Jugendsprache benutzt, die aber grammatikalische Fehler hatte. Außerdem sind sieben Euro pro Karte zu teuer, da wir auch Kinder aus sozial schwachen Familien haben. Wir wollten den Kindern kulturell etwas bieten, aber die Darbietung war katastrophal.

Simone Steinsiek (Lindenschule Geislingen): Da wir viele Kinder mit Migrationshintergrund haben, die keine klassischen Märchen kennen, hätten wir ihnen gerne eines gezeigt. Aber „Schneewittchen“ war nicht klassisch inszeniert. Die Kollegen fanden es durchweg schlecht, die Schüler gut. Positiv aufgefallen sind die Zwerge mit ihrem Rap-Song. Gut war auch, dass die Schauspieler langsam und in einfachen Sätzen gesprochen haben. Dadurch war die Handlung gut nachvollziehbar – gerade für unsere Inklusionskinder. Nicht gut fanden meine Kollegen und ich die gesungene Sprache, die sehr schlecht verständlich war. Außerdem waren die elektronisch verzerrten Stimmen Angst einflößend – ein Kind wollte sogar raus. Das Bühnenbild war auf das Wesentliche reduziert, sodass sich die Kinder auf die Handlung konzentrieren konnten. Kinder mit türkischem und russischem Hintergrund waren begeistert, dass diese beiden Sprachen vorkamen. Uns Lehrer störte, dass die Königin die Bühne mit dem Wort „Schneeflittchen“ verließ und auf Russisch fluchte. Unsere russischen Kinder meinten, es seien schlimme Ausdrücke gewesen – das geht einfach nicht. Insgesamt hatte es einfach nichts Heimeliges, es war sehr nüchtern und kalt. Es entstand keine Wohlfühl-Atmosphäre.

Rebecca Zülke (GWRS Mietingen): Ich war positiv überrascht. Es war modern interpretiert, mal etwas Neues. Es hat viele Altersgruppen angesprochen. Wer ein klassisches Stück erwartet hatte, wurde vermutlich enttäuscht. Mir hat auch der interkulturelle Aspekt, etwa mit dem arabischen Prinzen gefallen. Dadurch gab es einen neuen Twist und nicht so festgefahrene Bilder. Gewöhnungsbedürftig war das Playback. Die Idee mit der Stimmverzerrung fand ich zwar gut, aber man erlebte eben keine ruhige, klassische Theatererfahrung. Die Begeisterung bei den Schülern war zu spüren, durch die sich wiederholenden Elemente konnten sie mitsingen.

Alexandra Krehut (Grundschule Krumbach): Das Stück erinnerte mehr an computeranimierte Fernsehsendungen. Die Idee, die Zwerge als Puppen darzustellen, gefiel uns Lehrern und Schülern gut – aber nicht, wie sie dargestellt wurden: Die Zwerge waren begriffsstutzig und durch ihren Rap sehr aufgeregt. Die Kinder konnten sich in die Situationen nicht einfühlen und sich nicht emotional darauf einlassen. So auch in Momenten, als jemand zu Tode kam – die Kinder waren nicht betroffen, denn in der Art, wie die Geschichte inszeniert war, wurden die Kinder aufgefordert reinzurufen. Und auf Grund des Playbacks gab es wenig Interaktion zwischen den Schauspielern. Die Theateratmosphäre war gestört, es war einfach zu laut, das empfanden auch die Kinder so.

Stefanie Hochdorfer (Grundschule Burlafingen): Das Highlight für uns Lehrer und unsere Schüler waren die Zwerge mit ihrem Rap und der Spiegelspruch zum Mitsingen und Klatschen. Negativ war, dass die Stimmen vom Band kamen – denn die Schauspieler mussten sich darauf konzentrieren. Auch das fehlende Bühnenbild empfanden wir als negativ, die Computerbilder fanden unsere Schüler nervig. Denn im Gegensatz zum Fernsehen können im Theater die Dinge richtig Gestalt annehmen. Auch waren die gesungenen Passagen teilweise nicht verständlich. Es gab zwar eine klare Struktur, aber alles war schon sehr reduziert.

Carola Bär (Grundschule Dürnau-Gammelshausen): Unsere Jungs fanden die Projektionen auf der Bühne toll, unsere Mädchen hätten lieber ein klassisches Bühnenbild mit Kulissen gehabt. Die Kostüme gefielen uns allen gut – vor allem die Zwerge. Durch die Wiederholungen in den Liedern wurden die Kinder zum Mitmachen aufgefordert. Allerdings bemängelten alle das Playback, da die Schauspieler dadurch nicht auf die Reaktionen des Publikums eingehen konnten. Einige unserer russischen Schüler waren sehr über die Königin und ihre russischen Schimpfwörter irritiert. Und wir Lehrer konnten die Liedtexte kaum verstehen, auch wegen des schrägen Gesangs. Für mich persönlich war es befremdlich, dass ernste Szenen zum Teil so gemacht waren, dass Kinder lachten. Aber ich finde, dass Theater nicht unbedingt einen erzieherischen Anspruch haben muss, wir Lehrer stoßen uns da dann aber schon an Ausdrücken wie „Schneeflittchen“. Insgesamt hat allen das richtige Theaterspielen gefehlt. Aber unsere Kinder waren gebannt und fasziniert.

Georg Mak (Grund­schule Obermarchtal): Mein Eindruck ist nur negativ. Die Figuren haben nicht selbst gesprochen, und es wurden Negativklischees bedient, als etwa die böse Königin im slawischen Slang sprach und der arabische Prinz einen Bauchtanz andeutete. Es gab keine Kulissen, die Kinder mussten sich ganz auf Mimik und Gestik konzentrieren. Wir wollten, dass die Kinder im Theater von den verfremdeten CDs mit den Showeffekten wegkommen. Aber genau das gab es im Theater zu sehen – es war zu laut, es gab zu viele Effekte, keine Zeit zum Innehalten. Und es wurde vorgelesen und nicht vorgespielt. Die Zwerge waren gut gemacht, und der Rap hat den Kindern gefallen. Für uns Erwachsene ist eine solche Verfremdung der klassischen Inszenierung in Ordnung, aber nicht für Kinder. Es waren zu viele Impulse, es war zu modern.

Termine Neben Aufführungen für Schulklassen läuft „Schneewittchen“ noch an folgenden Wochenend- und Feiertagsterminen: So, 3.12., um 11 Uhr, So, 10.12. und Di, 26.12., jeweils um 11 Uhr und 13 Uhr. Tickets sind erhältlich unter: www.theater-ulm.de

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