Lehrer wehren sich gegen massive Angriffe

Mehr Disziplin, mehr Frotalunterricht: Die Vorschläge von CDU-Generalsekretär Manuel Hagel kommen in der Region nur bedingt gut an.

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Mehr Disziplin, mehr Leistung, mehr Präsenzpflicht für Lehrer! Und der Frontalunterricht muss auch wieder her. Manuel Hagel, Geschäftsführer der Südwest-CDU, hat mit seinen Anmerkungen zur Bildungspolitik für Aufregung gesorgt. Die Reaktionen in der Region sind gemischt.

„Da hat mal wieder jemand mitgeredet, der auch mal in der Schule war“, sagt Ulrike Mühlbayer-Gässler, als geschäftsführende Schulleiterin für alle Ulmer Schulen außer Gymnasien und beruflichen Schulen zuständig. „Mir fallen zu seinen Aussagen mehr Fragen ein als er Antworten gibt.“ Damit ist sie nicht allein.

Beispiel Disziplin. Lehrer sollten „mehr diziplinarische Durchgriffsmöglichkeiten“ haben, fordert Hagel. „Ich stimme ihm zu 100 Prozent zu“, sagt David Langer von der Wiblinger Einstein-Realschule – da ist er nicht der einzige. Allerdings fehlt einigen das Konkrete. „Das ist leicht gesagt. Die Frage ist, wie er das umsetzen will“, meint Gerhard Braunsteffer, Schulleiter der Robert-Bosch-Schule. Paragraf 90 des Schulgesetzes gebe Lehrern Möglichkeiten. Etwa bei Vandalismus. Wenn aber Eltern das eigene Kind stets bedingungslos in Schutz nehmen, sei schnell das Ende der Fahnenstange erreicht.

Beispiel Frontalunterricht. „Bester Unterricht bei Inhalten und Methodik wird nicht allein durch Frontalunterricht abgedeckt, sondern durch einen stimmigen Mix von Methoden und Sozialformen“, sagt Langer. Dass eine „45-Minuten-Beschallung von vorne“ zum Erfolg führe, sei eine antiquierte Vorstellung, meint Karin Moritz, Schulleiterin am Langenauer Bosch-Gymnasium. Ein guter Lehrer beherrsche „offene und frontale Unterrichtsformen“, ergänzt Kollege Johann Peter Denk (Albecker-Tor-Schule). Martin Metzger (Schiller-Realschule) fände es sogar „kontraproduktiv“, wenn man sich auf eine Unterrichtsform beschränke.

Das sehen auch Schüler so. „Ich finde die Gruppenarbeiten und das selbstständige Erarbeiten von Themen wichtig. Es macht den Unterricht abwechslungsreicher“, sagt Fabio Röper (17, Kepler-Gymnasium). Alle bestätigten, dass verschiedene Unterrichtsformen eingesetzt würden – auch wenn der Frontalunterricht zuletzt verteufelt worden sei.

Beispiel Anwesenheitspflicht. Auch nach dem Unterricht sollen Lehrer an der Schule sein und ihre 41-Stunden-Woche dort abarbeiten. Das fordert Hagel. Hier springen die Schüler ihren Lehrern bei. Theresa Windholz (21, List-Schule) findet es „wenig sinnvoll“, dass die Lehrer zwangsweise in der Schule bleiben sollen: „Es ist doch egal, wo sie ihren Unterricht vorbereiten, Hauptsache sie machen es.“ Ihre Lehrer seien immer vorbereitet.

Mit Blick auf die bei einer Präsenzpflicht mitschwingenden Unterstellung, Lehrer würden nach Unterrichtsende zu wenig arbeiten, spricht Karin Moritz von einer „gewissen Unverschämtheit“. Johann Denk ergänzt, dass ein Großteil seines Kollegiums ohnehin bis 16 Uhr an der Schule sei, darüber hinaus stünden Konferenzen und Elternabende an.

Für Braunsteffer stellt sich zudem ein praktisches Problem: „Wenn ich an viele Lehrerzimmer denke, dann müssten die Schulträger sehr viel Geld in die Hand nehmen, um jedem Lehrer einen Arbeitsplatz zu geben.“ Und nur weil jemand anwesend sei, heiße das ja nicht, dass er auch konzentriert arbeite.

Für Heidrun Fleischer, Schulleiterin am Hahn-Gymnasium Blaubeuren, ist es normal, dass Lehrer eben einen geteilten Arbeitsplatz haben, den einen Teil in der Schule, den anderen Teil zuhause. „Wie soll ein Gymnasiallehrer seinen Unterricht an einem Arbeitsplatz von 70 auf 90 Zentimeter vorbereiten“, fragt sie sich. Seitens der Politik gebe es Vorgaben für die Größe der Lehrerzimmer. Die müssten dann deutlich überarbeitet werden, denn Hagels Vorschlag setze voraus, dass Büros für Lehrer eingerichtet werden müssten. „Und wir haben es satt, dass in regelmäßigen Abständen seitens hochrangiger Vertreter der Politik die Arbeitszeit einer Lehrkraft direkt oder indirekt in Frage gestellt und damit disqualifiziert wird“, stellt Fleischer fest.

Beispiel Leistung.Die Forderung nach mehr Leistung würde auch Martin Metzger unterschreiben: Zwar sollten die Schüler Spaß an der Schule haben. Dieser dürfe aber nicht im Vordergrund stehen. Mit der Wohlfühlpädagogik habe man es in den vergangenen Jahren ein wenig übertrieben, meint auch Braunsteffer: „Lesen, Rechnen, Schreiben, das muss in der Grundschule gelernt werden.“ Die Bayern würden in Sachen Druck in der Grundschule zwar übertreiben, „aber ein bisschen was können wir uns von denen schon abschauen.“

Die Südwest-CDU fordert Noten in Zeugnissen auch an Gemeinschaftsschulen. Dabei könne eine Rückmeldung über den Leistungsstand mit und genauso gut ohne Noten erfolgen, ist Schulleiterin Mühlbayer-Gässler überzeugt, die als geschäftsführende Schulleiterin auch für die Gemeinschaftsschulen in Ulm zuständig ist. Schließlich gehe es darum, „Menschen zu motivieren, aber auch nichts zu verschleiern“. Am besten gelinge das, „wenn es eine gute Beziehung zwischen Lehrern und Schülern gibt“.

Bevor es in die nächste Runde der theoretischen Bildungsdiskussion gehe, solle das Kultusministerium endlich mit den angekündigten Änderungen zur Qualitäts- und Effizienzsteigerung konkret werden, fordert Gerhard Braunsteffer. Statt immer neue Diskussionen vom Zaun zu brechen, wäre es gut „das Gute, das da ist zu stärken“ und einige Dinge verbindlich für alle zu machen, deren Durchsetzung aktuell an einzelnen Schulleitern hänge. Etwa das gemeinsame Entwickeln von Unterrichtsinhalten in Fachschaften, mehr pädagogische Konferenzen. Verbindlichkeit sei dringend nötig. Und es wäre ein richtiger Fortschritt für die Schulen, wenn das im Koalitionsvertrag angekündigte Unterstützungssystem für Lehrpersonen wirklich käme. Die zum 1. Februar startende digitale Bildungsplattform des Landes Baden-Württemberg würde sich dafür sehr gut anbieten.

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Einen Kommentar zu den Vorschlägen von Manuel Hagel lesen Sie hier...

Reaktionen Manuel Hagels Vorschläge haben für sehr viele Reaktionen gesorgt. Dies ist nur eine kurze Auswahl. Ausführliche Statements und noch mehr Meinungen unter swp.de/bildung Wir freuen uns auch über weitere Meinungen der Leser.

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