Lange Warteliste beim Kinderschutzbund

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War früher alles besser? Nein, sagt Bettina Müller, Psychologin beim Kinderschutzbund Ulm/Neu-Ulm. Gerade mit Blick auf die Situation von Kindern habe sich viel verbessert. „Früher hat man eher weggeguckt, wenn etwas nicht in  Ordnung war oder einem komisch vorkam. Heute melden sich bei uns in der Beratung häufiger Nachbarn, die Kita, Oma, der Onkel.“ Die Kindeswohlgefährdung sei „viel mehr ins Bewusstsein“ gerückt, sagt auch Lothar Steurer, psychologischer Leiter der Beratungsstelle.

Ein Schwerpunkt der Beratungsstelle: Kinder im Alter von drei Monaten bis zwölf Jahren aus Trennungsfamilien unterstützen und ihnen unter Aufsicht den Kontakt zu jenem Elternteil ermöglichen, bei dem es nicht lebt. Begleiteter Umgang nennt sich das, oft angeordnet vom Gericht, wenn es den Eindruck hat, Mutter oder Vater habe sich etwas zuschulden kommen lassen oder ihnen ist nicht zu trauen. Weil die Eltern gewalttätig geworden sind oder psychisch erkrankt. Oft sind es die Väter, die ihre Kinder unter Aufsicht sehen.

Konflikte eskalieren

69 Familien wurden im vergangenen Jahr begleitet. „Das sind knapp 1000 Stunden Besuchszeit“, führt Steurer aus. Den begleiteten Umgang, der seit 1984 in Ulm angeboten wird, betreuen 14 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen. Dennoch stehen  27 Trennungskinder auf der Warteliste. Sie können über Monate den besuchenden Elternteil nicht sehen. Elternkonflikte würden in der Zeit weiter eskalieren, verdeutlicht Müller. Die Wartezeit beträgt ein halbes Jahr. Müller: „Das ist ein Problem“. Für ein gutes Aufwachsen der Kinder sind Mutter und Vater wichtig. Die Lösung wären „mehr Beratungskapazitäten“, die finanziert sein müssen. Der Kinderschutzbund ist auf Spenden angewiesen.

In diesem Jahr konnte die Einrichtung ihre Arbeit beim begleitenden Umgang verbessern, dank der Spende von 30 000 Euro des Projekts „Herzenssache“ des Radiosenders SWR. Damit wurde die Stelle einer Beraterin finanziert. Sie befragt die Kinder vor und nach den Treffen. Auf diese Weise seien die Treffen „kindorientiert“, sagt Steurer. Kinder erzählen etwa, dass sie „mit Papa Tischkicker spielen und nicht ständig von ihm über die Schule ausgefragt werden wollen“. Zudem gibt es Kinder, die sich vor dem besuchenden Elternteil fürchten, etwa weil sie mitbekommen hatten, wie der Vater die Mutter geschlagen hat. Müller: „So ein Kind könnte bei einem Treffen mit dem Vater das Trauma erneut erleben.“ Damit das nicht passiert, befragt die Mitarbeiterin zuerst die Kinder.  Müller: „Wir bieten Raum, eine unparteiische Person und  geben einen Termin.“

Ein weiteres Projekt richtet sich an Jungen. „Manche Jungs reden nicht“, sagt Steurer. Sie verschweigen, wenn sie Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt geworden sind, etwa von Älteren zu Jüngeren, oder wenn der Vater mit dem siebenjährigen Sohn Pornofilme geguckt hat.„Es braucht Mitgefühl und keinen Druck und die Aufforderung: Erzähl mal.“ 61 Prozent der Jungen werden wegen auffälligem Verhalten auf Anraten von Kita, Jugendamt oder Gericht an die Kinderschutzstelle überwiesen. Müller: „Die Bereitschaft zur Gewalt hat in unserer Gesellschaft zugenommen.“ Und das ist deutlich schlechter als früher. Beate Rose

Stellen Sechs Mitarbeiter teilen sich 4,15 Stellen im Team der Psychologischen Beratungsstelle des Kinderschutzbundes Ulm/Neu-Ulm. Träger ist der Deutsche Kinderschutzbund Ortsverband Ulm/Neu-Ulm, ein Verein mit 192 Mitgliedern. Der Verein sei aber überaltert, jüngere Mitglieder werden gesucht.

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