Landesposaunentag: Jugend schätzt Atmosphäre

Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne: Auf dem 46. Landesposaunentag in Ulm spielte die Musik längst nicht mehr nur hinter Kirchenmauern, sondern auch auf öffentlichen Plätzen.

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Immer wieder eindrucksvoll: Am Wochenende stand Ulm ganz im Zeichen der Blechbläser, die zum Abschluss gestern auf dem Münsterplatz spielten.  Foto: 

Hilfe benötigten die 6500 Bläser gestern Abend bei der Schlussfeier auf dem vollen Münsterplatz nicht. Sie erledigten ihren Job souverän und begeisterten die Zuhörer mit Spiel und Timing. Auch die Veranstalter waren zufrieden ohne Wenn und Aber: „Alles hat gepasst“, sagte Eberhard Fuhr. „Wir haben uns gefreut über die große Gastfreundschaft und die gute Atmosphäre und kommen gerne in zwei Jahren wieder.“

Alles hat gepasst, selbst das samstägliche Vorprogramm. Die Losung hieß „Meet’n’Brass“ und die Musik war vor allem auf jüngere Teilnehmer zugeschnitten. „Seid ihr happy?“ schallte es von der Bühne auf dem Kornhausplatz. „Ja!“ – „Das ist cool, ich nämlich auch“. Von pietistischer Strenge also keine Spur. Die Noten zur Stimmungslage hatte der Dirigent griffbereit: „Wir schlagen die Seite 196 auf und spielen den Gospel ‚Oh Happy Day’.“ Von den Jugendlichen übernachteten 87 gleich nebenan in der List-Schule, in deren Schatten der CVJM Ulm etliche Biertischgarnituren aufgestellt hatte, wo man sich bei Maultaschen, Suppe und Würstchen zwanglos näherkam.

 Und das auf internationaler Ebene. „Die Bläser sind gut miteinander vernetzt“, sagte Gottfried Heinzmann, Leiter des evangelischen Jugendwerks Württemberg, dem Veranstalter des Landesposaunentags. „Es sind Menschen aus ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich und Italien dabei.“ Selbst konfessionelle Grenzen werden beim gemeinsamen Musizieren überwunden, wie Pressesprecher Eberhard Fuhr wissen ließ: „Es hat auch schon eine Ordensschwester aus Oberschwaben mitgespielt. Um ökumenisch noch einen draufzusetzen: „Es gibt auch Muslime mit Interesse am Posaunenchor.“

Wer des Blasens nicht mächtig war, konnte sich an einem der Stände genrenah mit allerlei eindecken – selbst mit Nudeln in Notenform. „Wir verkaufen alles, was mit Musik zu tun hat“, ließ die Verkäuferin wissen. Und wenn die Menschen nicht zur Musik kommen, dann kommt die Musik halt zu den Menschen, wie im Fall der Aktionen „Brassmob“ und „Blitzblech“. Dabei tauchten Bläsergruppen vornehmlich dort im Stadtgebiet auf, wo man am wenigsten mit ihnen rechnete. So wie Hans-Jörg Häge in einem Baumarkt, wo der Langenauer mit seinem spontanen Blaskommando die Kunden kalt erwischte, aber deren Herz erwärmte. „Die Leute haben sich gefreut, es hat ihnen gut gefallen“. Der Kassiererin eines bespielten Gartenmarkts „sind sogar die Tränen gekommen.“  Dass der Himmel beim Landesposaunentag weitestgehend nicht geweint hat, lag möglicherweise auch am guten Draht des Landesbischofs zu höheren Mächten. Aufziehende Wolken im Blick hatte Frank Otfried July ein Stoßgebet gen Himmel gerichtet und siehe da – die Sonne zeigte sich wieder, was der Bischof bei aller Bescheidenheit augenzwinkernd auf seinen Einsatz zurückführte: „Ich habe gedacht: Es funktioniert doch noch!“ Sollte es ihm je an Demut gefehlt haben, stellte die sich bei seiner Predigt im Münster wieder ein. Als er von der Kanzel hinunter auf die gut 2500 Bläser blickte, war er sichtlich ergriffen. Von den Organisatoren des Landesposaunentages kam denn auch ein klares Bekenntnis zum Standort Ulm und der besonderen Atmosphäre.

„In Ulm gibt’s den weltbesten Döner“

Was macht das Spielen ihrer Instrumente rund ums Münster besonders? Wir haben die Landesposaunen-Bläser befragt.

Der Schüler Frieder Nonnenmann (16) aus Tübingen ist seit zehn Jahren Posaunist. „Schon mein Opa war leidenschaftlicher Trompeter. Seit Kindertagen komme ich zum Posaunentag. Und es ist immer wieder toll. Man lernt neue Leute kennen und pflegt alte Kontakte. Ich werde mein Leben lang zum Posaunentag kommen.“

Pauline Nonnenmann (18) aus Tübingen, frisch gebackene Abiturientin, spielt Waldhorn, seitdem sie in der dritten Klasse ist. „Das Gemeinschaftsgefühl beim Spielen auf diesem großen und fantastischen Münsterplatz ist ein einmaliges Gefühl. Überhaupt das Münster – das ist einfach beeindruckend!“

 Trompeter Florian Goll (22) aus Beutelsbach, studiert Agrarwissenschaften in Nürtingen. „Gemeinsames Musizieren ist ein Erlebnis sondergleichen, mit vielen unterschiedlichen Leuten, die ein gemeinsames Interesse haben, die Musik. Immer, wenn ich in Ulm bin, mache ich dem Münster meine Aufwartung.“

Gymnasiast Aaron Laier (16) aus Dettingen bei Reutlingen ist Trompeter. „Es ist ein unglaubliches Feeling, auf dem Münsterplatz zu spielen und dann läuten diese fantastischen Münsterglocken. Das ist nicht zu toppen. Und auf dem Münster oben war ich auch. Nicht zu vergessen: In Ulm gibt’s den weltbesten Döner.“

Zum dritten Mal zu Gast auf dem Landesposaunentag ist der Maschinenbautechniker Armin Lutz (23) aus Niedernhall bei Künzelsau. „Schön ist, dass es auf zwei Tage verteilt ist. So haben wir Zeit, Ulm anzuschauen. Es gibt hier echt coole Locations, und man kann in der Gruppe am Samstagabend super weggehen.“

Erstmals vor 70 Jahren

Zeitzeugen Beim ersten Landesposaunentag vor 70 Jahren lag Ulm in Trümmern, das Münster ragte aus Schutt hervor. Einige Zeitzeugen sind gestern wieder gekommen und teilten ihre  Erinnerungen an jenen Sonntag des Jahres 1946. Ingeborg Hassler-Basler ist damals mit zwei Laib selbstgebackenem Brot, Äpfeln und Birnen in die Stadt gefahren und hat die Lebensmittel verteilt: „Die Leute haben sich so gefreut.“ Und sie nicht weniger, weil ihr Vater aus dem Krieg heimkam und die Zeichen auf Besserung standen: „Ich habe geheult vor Freude, dass alles wieder aufwärts geht.“ Nicht zum letzten Mal: „Die Musik, die Posaunen und ich mittendrin – ich habe heute wieder geheult, es war wie im Himmel.“

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