Kurioses Bild: Romanze auf dem Ladentisch

Das Bild ist äußerst lustig - im ursprünglichen wie im heutigen Sinne: Ein Liebespaar liegt nachts, eng umschlungen, im öffentlichen Straßenraum auf einer abschüssigen Ladentheke. Schauplatz: Ulm, Hirschgasse.

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Während aus dem ersten Stock des Gasthofs "Goldene Gans" Musik ertönt, erfreuen sich ein junger Herr und eine junge Dame auf der Theke eines Bäckerhauses aneinander.  Foto: 

Niemand weiß, wer dieses Bild gemalt hat - und wann. Vermutet wird um 1780. Klar zu identifizieren ist hingegen der Ort: die Hirschstraße, damals noch Hirschgasse, am Eingang zum Münsterplatz. Das Haus rechts ist das Eckhaus zum Lautenberg, durch das Wirtshausschild ausgewiesen als das Gasthaus zur Goldenen Gans. Im Hintergrund steht die Barfüßerkirche mit ihrem großen runden Portal. Das "Kirchle" diente damals unter anderem als Garnisonskirche.

Das Paar vergnügt sich auf dem Areal Hirschstraße 2, das damals nicht so weit in den Münsterplatz hineinragte wie heute. Das Haus gehörte seit 1764 dem Süßbäcker Johann Kaspar Klotz. Die Süßbäcker durften - anders als die Sauerbäcker, die nur Brot aus Sauerteig fabrizierten - die weißen Brotsorten backen, darunter Brezeln, Herrenbrot sowie das Ulmer Zuckerbrot, eine Art Zwieback mit Anis, Zucker und spanischem Wein.

Wegen der Feuergefahr, die von den Backstuben ausging, standen die Bäckerhäuser bevorzugt an Straßenecken - wie dieses hier. Offenbar verkaufte Süßbäcker Klotz hier auch seine Ware. Dafür spricht jedenfalls die vor den Fensterläden befindliche Ladentheke - die das junge Paar nun zweckentfremdet hat. Wobei es ziemlich bewegungslos verharren musste, um ob des Neigungswinkels der Theke nicht hinunterzukullern.

Am Hauseck steht ein zweites Paar. Oder ist es dasselbe? Die Kleidung beider Paare ist identisch. Nur hat der junge Mann auf der Theke sich seines Rockes und seiner Perücke entledigt. Das Bild könnte somit zwei Phasen derselben Geschichte dokumentieren: Erst lädt der Kavalier das Fräulein mit galanter Handbewegung ein, auf dem Ladentisch Platz zu nehmen, was in Phase zwei geschehen ist. Dienen Rock und Perücke des Jünglings als rutschfeste Unterlage? Zumindest ist unter seinen Unterschenkeln etwas erkennbar, was farblich seinem Rock entspricht.

Appetit aufeinander könnten die beiden zuvor im ersten Stock der Goldenen Gans bekommen haben. Dort ist ein Fest im Gange - vielleicht eine Hochzeit? In jedem Fall mit Musik und Tanz. Darauf deuten die beiden Waldhornbläser, die das Paar durch das geöffnete Fenster musikalisch begleiten.

Über die Goldene Gans, die zu den Weinwirtschaften zählte, schreibt Johann Herkules Haid 1786, es sei ein "vor wenigen Jahren neu erbautes Haus, mit guten Zimmern, und einem Tanzsaale", das "eine gute Aussicht in verschiedene Straßen" biete. Es gehörte zu den besseren Adressen: Laut Haid wohnten dort zu Zeiten, da der Schwäbische Reichskreis in Ulm tagte, "einige gräfliche Gesandte".

Am 19. Februar 1781 hatte Johann Jakob Brodhag das Haus um 5900 Gulden erworben. Schon kurz danach annoncierte er im Ulmischen Intelligenzblatt, dass nunmehr Herr Gfröhrer bei ihm logiere. Das war der Tübinger Bote, der Briefe und Pakete von Ulm nach Tübingen beförderte. Die waren daher von nun an in der Goldenen Gans abzugeben.

Die jungen Leute dürften, ihrer Kleidung nach zu urteilen, den oberen Klassen der Reichsstadt angehört haben: Er trägt Rock, Perücke und Degen, sie eine goldbestickte "Judenhaube" - so hieß jene markante Kopfbedeckung - und einen nicht minder kostbaren "Schnürleib". Obwohl das Bild die Personen nur vereinfacht darstellt, passen auf die junge Dame die Beschreibungen, die zwei prominente Zeitgenossen, beide Nicht-Ulmer, von den Ulmerinnen liefern.

Der Journalist und Schriftsteller Wilhelm Ludwig Wekhrlin (1739-1792) schrieb 1760, die Ulmerinnen seien "die Lesbierinnen unter den Schwäbinnen" (siehe Info) und fährt fort: !]"Ein schlanker und harmonischer Wuchs, der nicht immer das Antheil schwäbischer Nimpfen ist, eine leichte und gefällige Wendung, und eine Zärtlichkeit der Seele unterscheiden die Ulmerinnen unter dem schwäbischen Frauenzimmer."

Zwei Jahrzehnte später bemerkt sein Kollege, der Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai (1733-1811), zu den "harnischgleichen, mit silbernen Ketten geschnürten Mieder" der Damen in Ulm und Augsburg: "Es schien mir fast, als ob die Ulmerinnen diesem Mieder schon eine leichtere, weniger steife Form gegeben hätten, so daß er ihren schönen Wuchs nicht so verstellt. Vielleicht kam es zum Theile auch mit daher, weil überhaupt die Ulmerinnen in ihrem Betragen und in ihrer zutraulichen Freundlichkeit etwas weniger Steifes hatten, als ihre Nachbarinnen."

In der Frage des Austausches von Zärtlichkeiten im öffentlichen Raum mag Nicolais folgender Satz weiterhelfen: "Auf die häusliche Reinigkeit der Sitten wird nicht nur sehr gehalten, ungeachtet Amor, wie allenthalben, auch unter einer schwäbischen Judenhaube und einem spitzen Mieder seinen Unfug treiben wird."

Ulmerinnen - Lesbierinnen?

Begriffsverwirrung "Sie sind die Lesbierinnen unter den Schwäbinnen", schwärmt der Aufklärer Wilhelm Ludwig Wekhrlin anno 1760 von den Ulmerinnen - was uns heute zutiefst verwirrt: Waren sie eher den Frauen als den Männern zugetan? Nein, wie obiges Bild beweist. Seine heutige Bedeutung erhielt das Wort "Lesbierin" erst 100 Jahre nach Wekhrlin. Zu seiner Zeit hob es die Schönheit der Frauen hervor - in Anlehnung an die Dichterin Sappho von der Insel Lesbos, welche die Schönheit ihrer Mit-Insulanerinnen besang.

SWP

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