Kunstvoll irritierend: Alexandra Vogts Fotografien im Stadthaus

Nein, auf der Terrasse des Stadthauses weiden keine Pferde. Auf diese Performance verzichtete Alexandra Vogt. Ihre Ausstellung mit rätselhaften Pferde-Fotografien ist trotzdem Aufsehen erregend.

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Ein Apfelschimmel steht vor dunstigem Himmel einsam auf der Wiese und glotzt mit seltsamer Augenklappe - ein umgebundener blauer BH als Brille. Ein anderes Pferd trägt Krawatte. Auf manchen Fotografien begegnen sich, fast umschlungen, Pferde- und Menschenbeine in Strapsen oder Netzstrümpfen. Und Kleidungsstücke stülpt Alexandra Vogt sowieso gerne über ihre geliebten Rösser.

Die irritierende Bildwelt der 1970 in Mussenhausen im Unterallgäu geborenen Künstlerin, die an Akademien in München, Glasgow und Stockholm studierte, ist von heute an im Kabinett des Stadthauses zu sehen, zu entdecken, zu enträtseln. "Alexandra Vogt" heißt die von Annette Schellenberg kuratierte Fotografie-Ausstellung, und schon der Titel zeigt an, dass dort eine ganz persönliche, selbst gelebte Kunstposition das Thema ist. Wobei, natürlich, Alexandra Vogt nicht ohne ihre Pferde denkbar ist. Das Pferd ist ihr Hauptmotiv, seit 2003 lebt und arbeitet die Künstlerin mit einer ganzen Herde, mit mittlerweile 15 eigenen Tieren im ehemaligen Milchwerk St. Mang bei Mindelheim.

Das Pferd in der Kunst? Jahrtausendelang ein Attribut der Mächtigen, des Militärischen. Und auch ein Inbegriff der Schönheit, noch in der "Kunst auf dem Sprung ins 20. Jahrhundert". Das ist der Untertitel der aktuellen Ausstellung "Junge Pferde!, junge Pferde!" im Neu-Ulmer Scharff-Museum, zu der die Stadthaus-Schau in einen Dialog tritt. Eine Bronzeskulptur Edwin Scharffs von 1949 dient als Verweis: ein unheroischer Reiter auf massiv gestütztem Pferd.

Unheroisch erscheinen die Pferde auf Alexandra Vogts Fotografien allemal: nämlich oft verfremdet, verkleidet, banal menschlich ausstaffiert. Das Fluchttier Pferd als Kunstobjekt und Projektionsfläche des aus der Realität flüchtenden Menschen? Manche Inszenierungen unterstreichen den Fetischcharakter der Pferdekostümierungen, haben sexuelle Konnotationen. Auch gehts um Religion und Erlösung: das Pferde- als Heiligenbild gerade auch für die Künstlerin, die teils autobiografisch, sich selbst porträtierend, mit im Spiel ist. "Und weil du den Traum weder entschlüsseln noch erzählen kannst, musst du ihn nachbelichten?", fragt Erwin Wurm die Künstlerin in der bei Hatje Cantz erschienenen Monografie "Alexandra Vogt". Und sie antwortet: "Vielleicht."

Schon die diffusen Landschaften auf den Fotografien der Allgäuerin führen jede Moderne ins mystische Reich. Dort sind sie versammelt: Tiermenschen und Pferdemädchen, "allesamt Verlorene, Verletzte oder Vergessene". Wobei diese Romantik eben nicht nur irritiert und viele Assoziationen weckt, sondern auch ironisch gebrochen ist.

Wo dieses fast schon manisch vereinnahmte Motiv seinen psychologischen Ursprung hat, zeigen zahlreiche frühe, kleine, große, gerahmte Fotografien Alexandra Vogts an einer geradezu kultischen Wohnzimmer-Erinnerungswand: ein blondes, unschuldiges Mädchen und ein Pferd vor der Kamera, teils märchenhaft surreal. Das Pferd als starker Freund, Trostspender, verlässlicher Gefährte, Leidensgenosse - als das letzte Kuscheltier, die letzte Anziehpuppe vorm Erwachsenwerden. Faszinierend an den Arbeiten ist dann, dass Vogt diese sozial bewusste Kunst öffnet ins Weite, ins Poetische, auch ins Absurde.

Verblüffend: Die Pferde erscheinen dem Betrachter mit der Zeit als sehr menschliches Model. Ein Video zeigt, zu leicht dahinplätscherndem Minimal-Pop, ein mit weißen Strichen bemaltes Pferd ("Aube") vor Hochhauskulisse. Es spitzt die Ohren. Eigentlich würde man jetzt auch gern wissen, was dieses Tier von der Sache hält.

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